Guillaume Montier

Der Mensch als das, wozu er sich macht

 

Guillaume Montier wurde 1973 in Rouen geboren, er malt seit 1994, auch seine ersten Ausstellungen fallen in diese Zeit.

Seine abwechselnden Improvisationen behandeln die Fragen der  Existenz, das Sein und das Nichts, die Nichtigkeit und Erhabenheit des Lebens. Die  Serie "Les Tragédies", hat als Grundmotiv den Stuhl, den Sessel, die Sitzmöglichkeit – die Möglichkeit sich niederzulassen - als Objekt von Leben und Tod überhaupt. Guillaume Montier erklärt dazu: "Jede menschliche Tragödie wird definiert durch die Ausdauer und Beharrlichkeit der Subjekte. Wie lange können oder wollen sie sich den Widerlichkeiten des Lebens  entgegensetzen, wie lange wollen sie diese Hölle ertragen: sich setzen oder aufstehen, sich ausruhen, oder sich doch noch einmal erheben, nur diese beiden Momente zeigen das wirkliche Leben. „Der Rest ist nur gähnende Leere.“

Der Stuhl, streng, in einer kalten Umgebung, verliert seine Gastfreundschaft, er wird zum Objekt der Verlassenheit, des Vergehens  und Verderbens, als Metapher für den Tod der uns alle erreichen wird. Eine philosophische Malerei auf die Widersprüche von Handeln und Reflexion, Bewegung oder Passivität gebaut.

. . . der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht. Das ist das erste Prinzip des Existentialismus. Das ist es auch, was man Subjektivität nennt und uns unter eben diesem Namen vorwirft. Aber was wollen wir damit anderes sagen, als daß der Mensch eine größere Würde hat als der Stein, der Stuhl oder der Tisch? Wir wollen sagen, daß der Mensch erst existiert, das heißt, daß der Mensch erst das ist, was sich in eine Zukunft wirft und was sich bewußt ist, sich in die Zukunft zu entwerfen. Der Mensch ist zunächst ein sich subjektiv erlebender Entwurf, anstatt Schaum, Fäulnis oder ein Blumenkohl zu sein; nichts existiert vor diesem Entwurf; nichts ist am intelligiblen Himmel, und der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein entworfen haben wird. Nicht, was er sein will. Denn was wir gewöhnlich unter wollen verstehen ist eine bewußte Entscheidung, die bei den meisten von uns erst später gefällt wird, von demjenigen, zu dem sie sich selbst gemacht haben. Ich kann Mitglied einer Partei werden, ein Bild malen, heiraten wollen, das alles ist nur Ausdruck einer ursprünglicheren, spontaneren Wahl als einer, die man willentlich nennt. Wenn jedoch die Existenz wirklich dem Wesen vorausgeht, ist der Mensch für das, was er ist, verantwortlich. So besteht die erste Absicht des Existentialismus darin, jeden Menschen in den Besitz seiner selbst zu bringen und ihm die totale Verantwortung für seine Existenz aufzubürden. Und wenn wir sagen, der Mensch ist für sich selbst verantwortlich, wollen wir nicht sagen, er sei verantwortlich für seine strikte Individualität, sondern für alle Menschen.[...]

Der zweite Sinn ist der tiefe Sinn des Existentialismus. Wenn wir sagen, der Mensch wählt sich, verstehen wir darunter, jeder von uns wählt sich, doch damit wollen wir auch sagen, sich wählend wählt er alle Menschen. In der Tat gibt es für uns keine Handlung, die, den Menschen schaffend, der wir sein wollen, nicht auch zugleich ein Bild des Menschen hervorbringt, wie er unserer Ansicht nach sein soll. Wählen, dies oder das zu sein, heißt gleichzeitig, den Wert dessen, was wir wählen, zu bejahen, denn wir können niemals das Schlechte wählen; was wir wählen, ist immer das Gute, und nichts kann gut für uns sein, ohne es für alle zu sein. Wenn andererseits die Existenz dem Wesen vorausgeht und wir zugleich existieren und das Bild von uns gestalten wollen, so gilt dieses Bild für alle und für unsere gesamte Epoche. So ist unsere Verantwortung viel größer, als wir vermuten können, denn sie betrifft die gesamte Menschheit. Wenn ich Arbeiter bin und wähle, eher einer christlichen Gewerkschaft beizutreten, als Kommunist zu sein, wenn ich mit diesem Beitritt zeigen will, daß im Grunde Resignation die Lösung ist, die dem Menschen entspricht, daß das Reich des Menschen nicht auf Erden ist, betrifft das nicht nur meinen Fall: ich will für alle resigniert sein, folglich zieht mein Vorgehen die gesamte Menschheit nach sich. Wenn ich - eine individuellere Angelegenheit - mich verheiraten und Kinder haben will, ziehe ich dadurch, selbst wenn diese Heirat einzig von meiner Situation oder meiner Leidenschaft oder meinem Begehren abhängt, nicht nur mich selbst, sondern die gesamte Menschheit auf den Weg zur Monogamie. So bin ich für mich selbst und für alle verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes Bild vom Menschen, den ich wähle; mich wählend wähle ich den Menschen. […]

Der Mensch findet sich zunächst eingebunden in die Welt; er ist durch seine Geburt räumlich und zeitlich situiert; er ruht in vorgegebenen, natürlichen und gesellschaftlichen Ordnungen. Er erscheint als eine Tatsache unter anderen, seiend wie die Dinge, determiniert im Zusammenhang des Gegenständlich-Seienden. Dieses Moment des Menschseins die Faktizität des Menschen.

Aber diese seine Faktizität könnte dem Menschen überhaupt nicht erscheinen, wenn er nicht schon über sie hinaus wäre. Sobald der Mensch sich als determinierte Tatsache erfährt, hat er sich schon von seiner fraglosen Eingebundenheit in die Dingwelt gelöst; er hat Distanz zu seinem Sein und damit zum Faktisch-Seienden überhaupt gewonnen. Der Mensch ist das Wesen, das nach der Welt, in der er lebt, und nach sich selbst fragt. Dieses Infragestellen ist, ein »nichtender Schritt nach rückwärts«. Wenn ich frage - am deutlichsten ist dies in der Frage »Warum ist dies, warum bin ich so und nicht anders? - so objektiviere ich das Gegebene, stelle mich ihm - und auch mir als Gegebenem - gegenüber, löse mich von ihm; ich sprenge die fixe Welt des In-sich-Seienden auf, indem durch meine Frage das Nichts zustande kommt.[...]



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