Michael Kos

 

Was ist eine Skulptur?


"Ich strebe nach einer Kunst, die direkt an das Alltagsleben angeschlossen ist...., die ein unmittelbares Ausströmen unseres wahren Lebens und unserer wahren Stimmung ist.“

 

Jean Dubuffet

 

Es sind außergewöhnliche Objekte, mit denen uns Michael Kos konfrontiert. Kann man diese sonderbar vernähten, verletzt anmutenden Steine eigentlich als Skulpturen bezeichnen? Oder spielt der Künstler gerade mit diesem Gattungsbegriff, lässt ihn in einem neuen, bisher kaum durchleuchteten Blickwinkel erscheinen? Um das zu beantworten, muss einer grundsätzlicheren Frage Raum gegeben werden: Was ist überhaupt eine Skulptur?

Wenn in der postmodernen Kunstpraxis von Skulpturen die Rede ist, scheint oft ungeklärt, was darunter nun genau verstanden wird. Der traditionelle Gattungsbegriff bezeichnet ein körperbildendes Werk mit den spezifischen Merkmalen der Dreidimensionalität, der Positionierung im Raum und der haptischen Erfahrbarkeit. Doch im 20. Jahrhundert wird der traditionelle Skulpturbegriff von künstlerischer Seite aufgebrochen und entscheidend erweitert. War die Skulptur
Jahrhunderte lang Abbild der menschlichen Gestalt, so wendet sie sich am Beginn des 20. Jahrhunderts vom Prinzip des Figuralen ab. In dieser Zeit beginnt einerseits der Prozess der Abstraktion, der Zertrümmerung der Gegenstandswelt in der abstrakten Malerei und Skulptur, andererseits kommt es mit dem Einzug gerade dieser Gegenstandswelt in die Kunst zu einer bis dahin nicht da gewesenen Vergegenständlichung der Skulptur (Stichwort readymade).

„Es ist die unbekannte Größe, von der ich ausgehen und zu der ich gelangen will.“ (Eva Hesse zit. nach: Judith P. Fischer, different.ways.) Mit diesem Statement über das Material-Experiment erschließt die Künstlerin Eva Hesse 1968 neue Wege in der Skulptur. Die für die Skulptur zur Verfügung stehenden und benutzten Materialien und Medien erweitern sich in dieser Zeit radikal: Verwendet werden oft unkonventionelle, ‚kunstfremde‘ Materialien, etwa Kunststoffe, Industrieprodukte und Gummi, aber auch Alltagsobjekte, wie Kleidung oder gar Spielzeug, finden ihren skulpturalen Gebrauch und machen ganz neue technische Kenntnisse erforderlich. Künstlerinnen und Künstler experimentieren mit unterschiedlichen Material- und Aggregatzuständen, sie beginnen, den traditionellen Skulpturenbegriff um die zeitliche Dimension zu erweitern und sich für das Sichtbarmachen des künstlerischen Prozesses sowie die dabei wirkenden Energien zu interessieren. Seit den 1960er Jahren dominieren multimediale Formen der Skulptur wie Performances, Installationen und Environments die Entwicklung der Skulptur. Aus Assemblagen und Akkumulationen entwickeln sich große, raumgreifende Installationen, die sich aller Medien bedienen, von der Malerei bis zum Film, vom Text bis zum Objekt. Anweisungen an das Publikum laden zur Partizipation ein, bisweilen werden erst mit der Konstruktion oder Bedienung der Objekte diese zu Kunstwerken. Manche konzeptionellen Ansätze gehen noch weiter: Eine Skulptur kann eine rein sprachliche Äußerung sein, ein Text an der Wand oder eine Anweisung. Sie kann ein Fotodokument sein, eine Installation oder eine Handlung, eine soziale Plastik, ein sozialer Prozess▼


Einige Passagen sind an einen sehr informativen Aufsatz von Peter Weibel angelehnt. Für Weibel sind „Skulptur, Objekt, Medieninstallation, Handlung“ die vier großen Metamorphosen der Skulptur im 20. Jahrhundert. Peter Weibel, Die Skulptur im 20. Jahrhundert. Zwischen Abstraktion, Gegenstand und Handlung, in: Österreichischer Skulpturenpark Privatstiftung (Hg.).

 

 

Das Wesen des Steines


Das enorme Angebot an Werkstoffen, Formen, Techniken aber auch theoretischen Ansätzen und Konzepten, das in der zeitgenössischen Kunst unter dem Begriff Skulptur in Erscheinung tritt, wirft die Frage auf, inwieweit in diesem Kontext noch Platz für die‚ traditionellen‘ Materialien wie Bronze, Holz oder Marmor besteht. Ist die Holz- oder Steinbildhauerei zu sehr einer akademischen Tradition verpflichtet? Hat sie den Anschluss an die zeitgenössische Kunstpraxis mit ihrem erweiterten Skulpturenbegriff verpasst oder kann sie diesem womöglich gar nicht Folge leisten? Es mag solche Fälle geben, gleichzeitig führen uns aber Künstler wie Michael Kos eindrucksvoll vor Augen, dass in der Steinbildhauerei noch lange nicht alle technischen wie kreativen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Im Gegenteil. In seinen Vernähungen hinterfragt Kos den Marmor als Werkstoff der Kunst und erkundet dessen Materialität auf raffinierte Art und Weise. Sucht der Bildhauer normalerweise nach einem ‚gesunden‘ Stück Stein, möglichst rein, makellos und unversehrt, sind es bei Kos  gerade ‚verletzte‘ Gesteinsbrocken, die den Ausgangspunkt seiner Arbeit bilden. Der Künstler wählt unvollkommene Marmorsteine aus, beschädigte Blöcke, Findlinge mit Rissen und Narben, und vernäht ihre Wunden mit einer dicken schwarzen oder roten Gummischnur, bisweilen auch mit Niro-Seilen. Das verstärkt einerseits die Verletzungen, andererseits erfährt der Stein dadurch eine wundersame Verwandlung zum fragilen Kunstobjekt, das seine haptisch wie sinnliche Qualität gerade aus dem Kontrast zwischen hartem Stein und stofflich anmutenden Schnüren erfährt.

Kos möchte nichts Verborgenes aus dem Inneren des Steines herausholen (im Sinne des bekannten Ausspruchs Michelangelos, die Skulptur sei schon da, man müsse sie nur erkennen und freilegen), sondern vielmehr dessen Wesen ergründen. „Einen Stein zu vernähen bedeutet, einen Stein zu sehen“, so der Künstler, „seine Prozesshaftigkeit, seine Zeitlichkeit, seine Intimität, ja, sein Sein.“ Den Stein als eine abgeschlossene Entität zu betrachten, als eine Ganzheit, die ‚einen Hauch von Ewigkeit‘ verspräche, lehnt Kos ab: „Der Gedanke seiner zeitlosen Materialität erweist sich als Illusion.“ Nichts ist von Dauer. Auch das Gebirgsmassiv, der Berg, der Fels sind der Vergänglichkeit ausgesetzt. Gesteinsbrocken brechen ab, Steine bekommen Risse und werden, von Erosion zermahlen, zu Kieseln und Sand. An die Stelle des auratischen Marmorsteines, in der Bildhauerei der Antike und Renaissance Sinnbild von Einheit und Vollkommenheit, treten bei Kos „arme Steine“ (siehe seine Installation How to stitch a stone). Es sind Findlinge und bildhauerisches Abfallmaterial wie z. B. rissige Quader, beschädigt und ohne besonderer Wertigkeit. Durch die neuartige künstlerische Verwendung des Steines ändert sich die Wahrnehmung seiner Materialität. Denn gerade durch die Vernähungen verliert er seine massive Gestalt, erscheint brüchig und vergänglich. Notdürftig mit Fäden zusammengehalten, einer Sisyphusarbeit gleich, wird er früher oder später auseinander bröckeln, sein Zerfall ist unaufhaltbar. Der Stein wird nicht geheilt, die Verletzungen bleiben. Doch nun erst können wir sie erkennen. Natürlich ist es eine Illusion, ‚verletzte‘ Steine zu vernähen. Das weiß auch Kos. Die Naht überliste unsere Vorstellung nur, „weil das Auge nicht unter die dichte Oberfläche blicken kann.“ Doch hat nicht gerade der Künstler die Macht und das Privileg, sich seine Welt zu imaginieren, in der eigene Gesetze und Regeln gelten? Eine Welt, die aber auch zurückstrahlt auf unser Leben, auf unsere Existenz? Künstler sind Illusionisten, Magier, Weltenerfinder. Spannend für den Betrachter wird es besonders dann, wenn diese Welt so glaubhaft erscheint wie bei Kos‘ Vernähungen.

Günther Oberhollenzer