Giorgio de Chirico


Was soll ich lieben, wenn nicht das Rätsel?

 

Giorgio de Chirico wurde am 10. Juli 1888 in Volos, Griechenland geboren; und starb am 20. November 1978 in Rom; war ein italienischer Maler und Grafiker. Er gilt als Hauptvertreter der Pittura metafisica, der sogenannten Metaphysischen Malerei, die als eine der wichtigsten Vorläufer des Surrealismus angesehen wird.


Was soll ich lieben, wenn nicht das Rätsel?
Die Pittura metafisica, hatte ihre bedeutendste Phase in der Zeit von 1910 bis 1919. Diese „metaphysische Malerei“ gilt als einer der wichtigsten Beiträge Italiens zur Kunst der Moderne, und Giorgio de Chirico als ihr Begründer und bedeutendster Vertreter.


Im Jahr 1915 verließ er Paris und zog in das italienische Ferrara. Dort konzentrierte er sich auf die drei Motive Städte, „manichini“ und Interieurs. Etwa von 1915 bis 1925 malte de Chirico vorwiegend Stillleben. Typisch sind hier vor allem die gesichtslosen Zeichenpuppen und antike Statuenmotive. Giorgio de Chirico wählte als Namen seines neuen Kunststils die philosophische Strömung der Metaphysik, die die Ursprünge, Zusammenhänge und Gründe des Seins erforscht. Die Verbindung von realen und imaginären Bildelementen erhob das Transzendentale, Übersinnliche und Geistige zu einem neuen Darstellungssystem und wurde somit zu einem Vorbild der Surrealisten.

 

      Geheimnis und Melancholie einer Straße, 1914                       Des Wahrsagers Lohn, 1913

Giorgio de Chiricos traumähnliche Stadtansichten bestehen aus Türmen, Arkaden und menschenleeren Idealarchitekturen, mal in zentral-, mal in multiperspektivische Raumkonstruktionen gefügt. Nur einzeln verwendete figürliche Schatten und „manichini“ (Gliederpuppen) bilden Gegenstücke zur streng architektonischen Gestaltung dieser Kulissenwelt. Später thematisierte de Chirico das traumhafte, unbewusste Element in seinen Kompositionen, indem er Details wie Uhren, Eisenbahnen (in denen sich die Erinnerung an seinen Vater spiegelt) und verfremdete Glieder in surreale Beziehung zueinander setzte.

        Der rote Turm, 1913


Sehnsucht – Melancholie - Transzendenz
Was bedeutet z.B. der einsame Turm. Seine Bilder zeigen eine  Sehnsucht nach dem Unendlíchen. Er erinnert an ein Bauwerk in Turin, das de Chirico aus seiner Jugend sicher kannte. Das Schloß im Hintergrund der Beunruhigenden Musen ist in Ferrara ein vertrauter Anblick. De Chirico war ein ruhiger nach inne gekehrter Mensch, und so sind die Arkaden seiner Straßen still und leer, es finden sich nur einzelne Figuren darin. Sie alle sind entpersönlicht wie die ruhende antike Statue, der genähte Lederkopf auf einer Säule oder eine Figur, die nur als Silhouette gezeigt wird, wie das kleine Mädchen, das seinen Reifen einer als Schatten angedeuteten Gestalt entgegenrollt, deren reale Existenz nicht im Bild erscheint.


                  Sehnsucht nach dem Unendlichen, 1913                                        Die beunruhigenden Musen, 1918

                                    '                                                                                   Die Models am roten Turm, 1915                                     


Giorgio de Chiricos beunruhigend metaphysische Bilder mit ihren tiefen, schweren Schatten, ihrer verzerrten Perspektive und ihrer rätselhaften Darstellung beeinflußten die Surrealisten stark. Er schloß sich jedoch der surrealistischen Gruppe nicht an, verwarf sogar später den ganzen Stil und ging überdies so weit, zu behaupten, er habe die Bilder, nie gemalt.


Die metaphysische Malerei gehört zweifellos zu den faszinierenden Erscheinungen der Moderne. Als Kunstrichtung ist sie auch deshalb so faszinierend, weil sie sich mit verschiedenen Epochen und Orten auseinandersetzt. Sie beschäftigt sich mit der Philosophie der Antike, und verarbeitet sie in den Bildern weiter. Die metaphysische Malerei ist ein bemerkenswertes Phänomen der modernen Kunst. Von Anfang an umstritten, löste sie Diskussionen über ihre Bedeutung, ihrer Ursprünge und vor allem ihrer Visionen aus.



              The Archeologist's Rest                                          The Trophy                                                    The Archeologist


 

Diese Metaphysik, die im Diesseits wurzelt« (Wieland Schmied), »eine seltsame und profunde Poesie, unendlich geheimnisvoll und unvergleichlich« (Giorgio de Chirico).


 

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"Monsieur Dudron"

 

Giorgio de Chiricos autobiographischer Roman "Monsieur Dudron" In der Rollenprosa firmiert der Künstler unter dem Alter ego "Monsieur Dudron" - Anagramm von "Du nord"- als Index für Fleiß und Perfektion. Der Maler, der ein frühes Selbstporträt mit den Worten kommentierte: "Was soll ich lieben, wenn nicht das Rätsel?", sieht unter der Oberfläche des modernen Lebens eine Parallelwelt griechisch-klassischen Zuschnitts. "Monsieur Dudron" ist aus dem Körper von "Hebdomeros" (1929) geschnitten - jenes gegen die Surrealisten gerichteten poetischen Pamphlets. Giorgio de Chirico war der Abgott der metaphysischen Malerei.

 

Wesentliche Teile des "Monsieur Dudron" sind erst nach 1940 entstanden und waren bis zum Lebensende Gegenstand fortwährender Überarbeitung.

 

Der autobiographische Roman "Monsieur Dudron" schließt, wie er beginnt: mit dem verdienten Schlaf des erschöpften Genies am Ende eines Tages, "so reich an großen und schönen intellektuellen Abenteuern"

 

 

Exzerpt Luis Saithong: aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 12.12.2000,

von Rudolf Schmitz