Anne Carson - Poetry, Essays, Opera


 

Decreation:

 

"Entschöpfung", schreibt Simone Weil in ihren privaten Aufzeichnungen, ist "Geschaffenes überführen ins Ungeschaffene." Und dies ist nicht gleichzusetzen mit Zerstörung: Geschaffenes überführen ins Nichts. Decreation meint: sich selbst aus dem Weg schaffen. Denn das Selbst steht sich selbst im Weg, wenn es darum geht, zu Gott zu gelangen. In der Ekstase - der der Liebe oder der religiösen - wird die Seele aus ihrem eigenen Sein herausgehoben und läßt sich selbst zurück. Das ist die absolute Waghalsigkeit der Liebe.


Die Oper DECREATION ist ein Triptychon. Sie erzählt von drei Frauen, die in der Kunst der Entschöpfung bis zum Äußersten gehen: Eine Studie über die Liebe, den Hass, die Ängste und Sehnsüchte von drei außergewöhnlichen Frauen, die nach dem Göttlichen streben und in Gott schwelgen.

I. Der göttliche Schmied Hephaistos sinnt auf Rache. Seine Frau, die schöne Aphrodite, vergnügt sich mit dem Kriegsgott Ares. In seiner Werkstatt fertigt er eine Falle aus vulkanischen Ketten so dünn, dass sie beinahe unsichtbar sind. Mit Hilfe seiner Roboter takelt er sein eigenes (!) Bett auf, in welchem sich Ares und Aphrodite gerne im Liebestaumel wälzen. Die Falle schnappt zu und Hephaistos jubiliert: Wut und Ausgelassenheit über die gefangenen Liebenden. Doch Ares und Aphrodite verhandeln leichten Herzens mit dem betrogenen Gatten. Die Aufgekratztheit des Schmieds wandelt sich in Traurigkeit, als ihm klar wird, dass sie mit ihrer Leichtigkeit schon gewonnen haben. Er befreit sie aus der Falle. Ares und Aphrodite machen sich leichtfüßig auf zu besser parfümierten Orten, während er sich einsam in das Bett legt.

 

II. Im 13. Jahrhundert schrieb Marguerite Porete einen Text, der den Zorn der päpstlichen Inquisition erregte: Nicht nur war er auf französisch geschrieben (statt auf lateinisch, der Sprache, in der über Gott nachzudenken


war), er war dazu auch noch von ungewöhnlichem, rauschhaftem Inhalt. Trotz vielfacher Warnungen der Kirche weigert sich Marguerite, ihre Ideen nicht mehr oder in anderer Weise zu verbreiten. Im Frühjahr 1310 macht ihr die Inquisition den Prozess wegen Häresie; am 1. Juni um 12 Uhr Mittags wird sie in Paris öffentlich verbrannt.


III. Simone Weils Leben war im Netz der Fürsorglichkeit ihrer Eltern verfangen. Sie liebten sie, verwöhnten sie, sorgten sich, schickten ihr Pullover, füllten ihren Kühlschrank auf, folgten ihr in den Krieg und verpflanzten sie nach Amerika. Simone stürzte sich in vieles hinein: in Descartes, in Plato, in die Gewerkschaft, den Kommunismus, in Homer, die Theologie und in die Hungerkünste. Sie wollte keine Frau sein. Sie wollte verschwinden. Und einige Aspekte ihres Verschwindens hielt sie vor den Eltern geheim. So waren diese über die Maßen überrascht, als das Telegramm sie erreichte, das ihren Tod meldete: In ihrem letzten Brief noch hatte sie geschrieben, alles sei in bester Ordnung.


 

 

DECREATION

 

 

 

KETTEN AUS SCHLAF

 

Wie soll man schlafen wenn sie –
über hunderte Meilen spüre ich wie dieser große Atem
durch ihre rastlosen Decks streift.
Riss um geheilten Riss
schlagen alle
Glieder einmal an.
So also geht es los, Mutter, auf diesem leeren Ozean.
Hab Erbarmen mit uns, mit dem Ozean, es geht los.





SONNTAG

 

Meine Wäsche klatscht gegen einen ernsten grauen Sonnenuntergang.
Abend, Essenszeit, der Wind kühler.
Blätter drängeln ein Stück.
Küchenlampen gehen an.
Bald tun sich Spalten aus schwammigen Abendgeheimnissen auf.
Zeit Mutter anzurufen.
Läuten lassen.
Sechs.
Sieben.
Acht – sie
hebt ab, wartet.
Über die hohlen Strecken hin sind es Feldmäuse, die so trocken huschen.

 

 





VERBINDUNGEN

 

Wenn ich mit meiner Mutter spreche, mache ich es schön. Bücherrücken beim Telefon.
Büroklammern
in einer Porzellanschale. Radiergummisprenkel auf dem Tisch. Sie spricht voll
Sehnsucht
vom Tod. Ich beginne alle Büroklammern in die andere Richtung zu kippen.
Draußen
vorm Fenster fällt der Schnee gerade wie liniert. Meiner Mutter,
Liebe
meines Lebens, beschreibe ich was es zum Brunch gab. Die Linien fallen
schneller
jetzt. Das Schicksal hat kleine Gewichte an die Enden getan (damit wir schneller machen) ich
möchte
ihr sagen – Zeichen von Gottes Gnade. Sie will mich nicht aufhalten
sagt sie, sie
will nicht, dass es so teuer wird. Wunder treiben an uns vorbei. Die
Büroklammern
sind auf gleicher Linie, unsterblich. Gnade Gottes! Wie lange
wird
es sich anfühlen, als würde man brennen, sagte das Kind, weil es hoffte, das sei
taktvoll.


 

 



UNSER VERMÖGEN

 

Die letzte Lektion einer Mutter in einem Haus im letzten Licht
bringt den Ruin der westlichen Welt und den Handel zum Erliegen.
Schaut in die Fenster bei Nacht, dort werdet ihr die Leute stehen sehen.
Das waren wir, wir hatten einen Grund dafür drin zu sein.
Es tagte, wir schnitten die Früchte ab (mit
dem Baum). Jetzt sind wir draußen.
Hier ist eine Schuld
beglichen.

 

 

 



JETZT OHNE HAFEN

 

Im alten Kampf Tod gegen Odem kommt noch einmal der Schlaf.
Wir haben ein Gebot für das Haus eingeholt.
In der Summe der Teile
sind die Teile wo?
In aller Stille (da) warten Blätter und Fenster.
Unsere leere Wäscheleine schneidet die abschüssige Nacht.
Und wehklagend um ein verlorenes Gewand aus himmlischem Licht
strömen Engel und Treibgut an unserem noch verriegelten Tor vorbei, rufen.




HEUTE WÄRE IHR FÜNFZIGSTER HOCHZEITSTAG

 

Kälteoratorium auf Römerwall.
Das Licht extrem (gefangen)
Schatten wollen sich fallen
lassen wie Kapuzen.
Das Hirn sticht
zweimal
nach Salz.
Hat das Ovid gesagt, Hier ist so ein Wind, dass es die Steine leerfegt.

 

 



AN MANCHEN NACHMITTAGEN GEHT SIE NICHT ANS TELEFON
Es ist Februar. Das Gängige ist Eis. Man trifft Eis in verschiedenen Graden.
Seine Farben – blau weiß braun schwarzgrau silber – sind variabel.
Manches Eis trägt einen Kern aus Stein- und Schattenstücken.
Manches eine glatte Flanke, man kann nicht darauf stehen.
Wenn man darauf steht, wird der Wind dünn, zerfasert.
Alle unsere Wünsche, zerfasert.
Die Kleinen können nicht darauf stehen.
Nicht ein Buchstabe, nicht ein Strich kann stehen.
Es blendet – was da die Welt überstanden hat – brennt.
Es ist Februar. Das Gängige ist Eis. Man trifft Eis in verschiedenen Graden.




DIESE STÄRKE

 

Diese Stärke, Mutter: hervorgewühlt. Gehämmert, gekettet,
geschwärzt, gesprengt, heult, holt aus, geworfen
aufs Ächzen, gehämmert, hämmert die Lefzen
dem Tod ab. Dämmt und verriegelt,
verklumpt und beißt. Messer. Blutabweisend
auf Mühlknochen
diese Stärke, Mutter,
versiegt.

 




UND OB SCHON DIE GANZE STADT LIEGT IN ASCHEN

 

Licht auf Ziegelmauern und ein Nordwind, der die Zweige schwarz peitscht.
Schatten ziehen Eingeweide aus dem Licht, sich trocken vor die Hand.
Iss deine Suppe, Mutter, wo immer du in deinem Kopf auch bist.
Der Wintermittag geht auf. Sonnen, schwach, doch am Leben
verhalten sich wie Tugend zu den Sonnen von damals.
Für die Stadt in der Aschen gibt es den Traum
vom Erliegen, Mutter
immer gediegen,
Mutter munter
und froh.

 

 

 


TROTZ IHRER SCHMERZEN, NOCH EIN TAG

 

Die Nebel vom Fluss (7 Uhr früh) treiben und heben an, erzittern und heben an
auf den Mühlsteinen des September.
Gespiegel von Blattstücken. Ich bin zu meinem Verstand gekommen.
Anhaltspunkt (7 Uhr abends): sie nimmt die Medikamente und ich gehe am Fluss
spazieren.
Mühlrad das nach nassen Maisschalen riecht.
Auf dem Rücken im Dunkeln (2.38 Uhr nachts), Motel Dorset, horche ich wie die
Heizung knackt
und wie sie wach liegt am anderen Ende der Stadt
in dem kleinen heißen Zimmer
ihren lumineszierenden Rosenkranz zwischen den Fingern.
Egal was es heißt über die Zeit, das Leben geht nur in eine Richtung,
das ist eine Tatsache, und sie spiegelt.
Die Nebel vom Fluss (7 Uhr früh) gehen gehäutet und silbrig
im dunklen Morgengrauen
am Tag, als ich fahre.
ACHTUNG ANKER WERFEN UND LICHTEN UNTERSAGT
sagt ein Schild dicht bei der Webkante.
Beklemmnis schluckt uns.
Sie auf dem Bett wie gekrümmte Zweige.
Ich, wie immer, nicht da.






ES HILFT NICHTS

 

Dein glasiger Wind bricht sich am ruflosen Ufer und kräuselt sich um die Rose.
Siehe wie
vor dem großen Schnee,
ehe die Nacht schwebend leer auf uns niedergeht,
unsere Laternen
die Gestalten alter Gefährten werfen
und
eine kalte Pause hinterher.
Welches Messer hat diese Stunde
gehäutet.
Die Bojen versenkt.
Und schlägt gegen das, was unser Haus war.
Nichts hilft was, rudere einfach.

 

 

 

 


                                                                                                     IHR BECKETT
       

   Meine Mutter besuchen ist wie es mit einem Beckett-Stück aufnehmen.
   Man kennt dieses Gefühl, durch eine Kruste zu sinken,
          das tiefe schwarze oh nein des kleinen Zimmers
          die Wände zu eng, so begreifbar.
   Klacken und sachtes Ausblenden von Spielsachen in der Erinnerung richtig
          hier aber falsch, erstickte Irrläufer
                                              auf einem Blatt Schmerz.
                                                            Schlechter
                                              sagt sie, als ich frage,
                   dabei (war das im April?) streift eine kleine Heiterkeit ihr Auge –
          »wir sind auf dem Comer See Rudern gegangen«
   schafft es aber nicht bis zur Lippe.
          Unsere Liebe, dieser halb wahnsinnige Zündler,
                                                   rast einmal durchs Zimmer
                                                                           peitscht alles ist
                                                                                             wieder weg.

 




BECKETTS THEORIE DER TRAGÖDIE


Hegel über das Opfer. Das Tier stirbt. Der Mensch erwacht.
Was lernen wir, wir lernen nun von allem Notiz zu nehmen.
Wir lernen zu sagen, er ist ein Held, lasst es ihn machen.
Man sieht wie O sich zum Fenster bewegt.
Was für ein Rauschen was für ein Abend. Oh, kleiner Schauspieler
(dauernd am Leben Bewegen Klagen Trauern und Jaulen)
Zeit dorthin zurückzufliegen, wo man deine Haut aufbewahrt.
Dünn war sie.
Das Geräusch von Rudern, die sich vom Ufer entfernen.
Dieser stechende Geruch von Hundescheiße im Dunkeln.
Das ist deine Sternenkrone.
Runter mit seiner Kapuze.




BECKETTS THEORIE DER KOMÖDIE


Pflücke Stachelbeeren, sagte sie.
Man sieht, wie O sich zum Fenster bewegt.
Sollten keine Fallen zur Hand sein.
Oder sie knien das ganze Stück über.
Ein Bewunderer, ein Leben lang!
Der gleiche alte Mantel.
Keine Vertikalen, alles verstreut und liegend.
Morgen Mittag?
Geht den Pfad wieder hinauf, von dir keine Spur.

 


[Pause.]

 

 

 






Decreation: Gedichte, Oper, Essays

Anne Carson ist eine der große Lyrikerinnen der Gegenwart, eine Meisterin, deren oszillierende Kreativität weit ausgreift: von Gedicht zu Essay, von Oper zu Ballett findet sie Gesten, um die Gegenwart zu bannen. Sappho, Simone Weil, Monica Vitti – mit ihnen führt Anne Carson Telefonate: Stimmen und Ideen erreichen sie über eine Spanne von Jahrhunderten und auch nur Tagen. Ihre Fragen bringen alle Gewissheiten ins Wanken: das Selbst, die Form, die Identität, das Geschlecht. Im Erforschen dieser Fragen entsteht eine zartes und widerständiges Gewebe aus Bildern, Worten und Gedanken, das seit Jahrzehnten die Bewunderung der Leser und Dichter auf sich zieht: »unbestechlich« (The New York Times).