Das metaphysische Tier

Im vedischen Indien leuchtet so ein Kristall auf: im Opfergedanken

Zusammen mit Luciano Foà gründete Roberto Calasso 1961 in Mailand den Verlag Adelphi. Nietzsche und den Romantikern, auffällig vielen Autoren aus Wien um 1900 und solchen, die verschollene Welten des Bewusstseins wiederentdeckten, seien es nun Ritual- oder Hirnforscher, gab der Verlag Raum. Die Klappentexte, die Calasso verfasste, sind legendär. Als Schriftsteller hat er sich neben der Moderne immer wieder Mythen zugewendet. Er ist ein wirklicher Essayist, der sich sinnlich in Stoffe hineinschreibt und nie erklären will, sondern erkunden. In dem Buch Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia löst er die griechische Sagenwelt raffiniert aus vorgestanzten Verstehensbezügen, um in die Frühe ihrer Bilder zu gelangen. In Ka lässt er die indischen Mythen lebendig werden. Rückwärtsgewandt ist das manchen Kritikern erschienen. Aber was bedeuten hier Wörter wie vorwärts und rückwärts? Sie gehorchen einer Linearität, die Calasso hinter sich lässt: "Im Denken gibt es keine Entwicklung, sondern mitunter – an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten – eine Konzentration, Verdichtung und Kristallisation."

Auch die Kunst ist eine Form des Opfers – sie verlangt immer ein rituelles Handeln

Im vedischen Indien leuchtet so ein Kristall auf: im Opfergedanken. Handlungen um eine Tötung, zumindest eine Zerstörung, wirre Vorschriften und Untervorschriften, Möglichkeitsformen und Nuancen des Rituals, immer beobachtet von den schweigenden Brahmanen – darin entsteht hier erst eine stabile Wirklichkeit, so wie es in Europa die Gefäße begrifflichen Denkens leisteten. Die vedischen Menschen wurden sich ihrer selbst bewusst als Wesen, die in einer Schuld stehen. Die Antwort ist das Opfer. Für Calasso ist das eine Grundfigur aller menschlichen Existenz, eine Geste der Öffnung: "Wenn in irgendeinem Moment [...] die bloße Tatsache, lebendig zu sein, ein Gefühl der Dankbarkeit erweckt, dann genügt das, um eine Beziehung zu einem ungenannten Gegenüber herzustellen." Noch dort, wo ein religiöses Bewusstsein verschwunden ist, bleibt diese Offenheit – dann ist etwa, gefährlich schillernd, von "Kriegsopfern" die Rede oder von einer "Selbstaufopferung für andere", und die alten Bilder beweisen ihre Kraft. Auch die Kunst versteht Calasso als Form des Opfers – sie verlangt immer ein rituelles Handeln, ein Tun, das mehr ist als es selbst und seine eigene Bedeutung nicht ganz versteht, und nur dadurch kann sich Sinn darin verdichten.

"Das Nichtoffenbare dehnt sich viel weiter aus als das Offenbare. Das Unsichtbare überwiegt das Sichtbare. Das gilt auch für die Sprache. [...] Nur weil die Sprache einen Schatten wirft, der weit über sie hinausreicht und unzugänglich ist, bewahrt und erneuert das Wort einen derartigen Zauber." Calasso ist ein poetischer Denker, dessen Sprache – ausgreifend, widersprüchlich, bildhaft – dem nachgeht, was sie noch nicht sagen kann. Das ist nun auch die Urform religiösen Sprechens. Es ist eine der gefährlichsten Deformationen westlicher Religiosität, dass sie sich meist als Ideologie darstellt, wo doch wirkliche Religion gar nichts in der Hand hat als eine Ahnung, eine Faszination, in die man sich hineinsprechen muss, ohne je an ein Ziel im Sinne einer "Aussage" zu gelangen. Die Rg-Veda erinnert daran – und stellt den Geist, als Atem, über das Wort.

"Bei all seiner bisweilen abgründigen Exzentrik war das Besondere des Denkens der vedischen Ritualisten jedoch dies: Es stellte durchweg entscheidende Fragen, denen gegenüber sich das aufklärerisch geprägte Denken ungeschickt und hilflos zeigt." Beharrlich sucht Roberto Calasso Auswege aus den Sackgassen einer säkularen Welt. Von den Göttern sind Fragen geblieben. Aus dem Indien der Rg-Veda dringen sie als Nachhall herüber: "Die Götter erscheinen, als wären sie Schaum, der in jedem Augenblick verfliegen kann. Es bleiben ihre Wellen."


Roberto Calasso: Die Glut