Albert Camus

 

II. Die absurden Mauern — Definition des Absurden durch seine Ursprünge

 

Bevor die oben gestellten Fragen gelöst werden können, muss zunächst aber das Absurde noch her bestimmt werden. Die Methede, die Camus dabei anwendet, stützt sich auf das ,,Gefühl, dass jede wirkliche Erkenntnis unmöglich ist. Wir vermögen nur Erscheinungsformen aufzuzählen und das Klima spürbar zu machen."

 

Somit versucht er ,,die Summe der Folgeerscheinungen"" aus dem Klima des Absurden zusammen-zufassen, das Absurde durch die praktischen Erscheinungsformen, die es annehemen kann, zu definieren.

 

Ausgehend von der Betrachtung der verschiedenen Instanzierungen des Absurden wird das ordnende Bewusstsein schließlich als entscheidendes Erkenntnisinstrument festgelegt, denn ,,mit dem Bewusstsein fängt alles an, und nur durch das Bewusstsein hat etwas Wert"'

 

 

1. Analyse des absurden Gefühls

Bei der Analyse des absurden Gefühls werden verschiedene Ebenen der Realisierung betrachtet. Im allgemeinen entsteht es, wie oben bereits erwähnt, aus einer Fremdheitserfahrung des Ichs der Welt gegenüber.

 

Dieses Fremdheitsgefühl zeigt sich einerseits, wenn die Kette der alltäglichen Handlungen für einen

Moment zerrissen ist, das alltägliche Schaffen für einen Moment als sinnlos erscheint und ein Sinn, der die Handlungen aufs Neue legitimieren könnte, nur durch innere Anstrengungen erzeugt wird. In diesem Momenten springt Einen die Frage nach dem Warum unvermittelt an;

Überdruß stellt sich ein. ,,[Er] steht am Ende der Handlungen eines mechanischen Lebens [...] Die einfache Sorge ist aller Dinge Anfang."

 

In diesem Moment, dem Moment, in dem man den Überdruss an sich selbst wahrnimmterwacht das Bewusstsein; und es erscheinen zwei Möglichkeiten vor ihm:

 

Entweder kehrt man zurück in die Kette alltäglicher unbewusster Handlungen oder man verharrt in der Betrachtung der Sinnlosigkeit, die durch die nicht zu beantwortende Frage nach dem Warum entsteht.

 

Das Bewusstsein von der Sinnlosigkeit wird durch das Geühl der Fremdheit der Welt gegenüber erzeugt, denn die ursprüngliche Feindseligkeit der Welt kommt, durch die Jahrtausende hindurch. wieder auf uns zu. Eine Sekunde verstehen wir die Welt nicht mehr, denn jahrhundertelang haben wir in ihr nur Bilder und Gestalten gesehen, die wir zuvor in sie hineingelegt hatten, und nun fehlen uns die Kräfte, von diesem Kunstgriff Gebrauch zu machen. Die Welt enlgleitet uns, da sie wieder sie selbst wird. Die von der Gewohnheit verstellten Kulissen werden wieder, was sie wirklich sind.

 

Mit eigenen Worten: die Welt kann uns keine Wahrheiten mehr erzählen, die Ordnung verliert sich und mit ihr geht die Sicherheit verloren, die doch notwendig für den Menschen als Fundament aller gewohnten Handlungen ist. (vgl. Sartre: ,,Der Ekel").

 

Dieselbe Sinnlosigkeit erscheint vor dem menschlichen Bewusstsein bei der Beschätftigung mit dem Tod. In gewisser Weise ist er das Endziel der Existenz, ,,denn wir Leben [stets] auf die Zukunft hin: morgen, später, wenn du eine Stellung haben wirst. mit den Jahren wirst das verstehen."

Diese Kette von Verweisen auf die Zukunft ist Bestandteil eines jeden Lebens und in das Unendliche fortsetzbar, wobei der Tod am Ende steht. ,,Man kann jedoch nie genug darüber staunen, dass alle so leben, als ob niemand [vom Ende] wüsste"

 

Doch das Ende in Gestalt des Todes wird früher oder später alles Sterbliche einholen. ,.Das Grauen [vor dem Tod] rührt in Wirklichkeit von der rechnerischen Seite des Ereignisses her. Wenn die Zeit uns erschreckt, dann, weil sie den Beweis führt, die Lösung kommt erst hinterher." Und gerade diese Einsicht zeigt uns die Sinnlosigkeit auf; denn welche Mühe der Mensch auch immer im Leben auf sich nimmt, die Behebung des strukturellen Problems des Mangels kann er nicht behebenvielmehr fungiert gerade seine Endlichkeit als Hauptargument für seine Fremdheit und gegenjeden Einheitsglauben. denn ,.im tödlichen Licht dieses Verhängnisses tritt die Nutzlosigkeit in Erscheinung. Keine Moral und keine Anstrengung lassen sich apriori vor der blutigen Mathematik rechtfertigen, die über uns herrscht"

 

Die hier beschriebene Nutzlosigkeit der menschlichen Handlungen. Ideen und Wahrheiten angesichts des Todes ist der lnlalt des absurden Gefühls.

 

Dies erkärt Camus am Beispiel des parmenidischen Denken der Einheit: wenn die Wirklichkeit des Einen Seins behauptet wird, geraten wir in den lächerlichen Wiederspruch eines Geistes, der die totale Einheit behauptet und gerade durch diese Behauptuug sein eigenes Anderssein und die Mannigfaltigkeit beweist, die er angeblich aufgehoben hat. Dies genügt, um die Hoffnung auf das Eine Prinzip, die Einheitserfahrung zu beenden.

 

An diesem Punkt erwacht ebenso wie durch das absurde Gefühl das Bewusstsein; durch die Verneinung der Hoffnung, die geistige Anerkennung der Endlichkeit als Grundbedingung unserer Existenz, erscheint die Relativtät, die ,,auf unser gesamtes Wissen zutrifft, vor unserem inneren Auge.

 

Damit einher geht das Ende des Versuchs, das Absolute zu beweisen; der Meusch erkennt die Unmöglichkeit, das Wahre zu erkennen und zu beweisen: ,,Solange der Geist in der reglosen Welt seiner Hoffnungen schweigt, spiegelt und ordnet sich alles in jener Einheit seiner Sehnsucht. Bei seiner ersten Regung aber wird diese Welt brüchig, sie stürzt ein: eine Unzahl schillernder Bruchstücke bietet sich der Erkenntnis dar."

 

Nun stellt sich natürlich die Frage wovon man überhaupt Wissen haben kann, nachdem man diese Bewusstseinsregung erlebte.

 

Übrig bleibt allein die Existenz des eigenen lchs. Dieser descartes'sche Gedanke ist die Basis jedes Erkennens; aus ihm folgt zugleich die Anerkennung der Existenz der Welt, denn ,,Die Welt kann ich berühren, und daraus schließe ich, dass sie existiert. Damit aber hört mein ganzes Wissen auf, alles andere ist Konstruktion", denn schon bei dem Versuch, den Inhalt dieses Ichs zu definieren, scheitert der Mensch.

 

So ,,wird der Graben [nie] zu füllen sein zwischen der Gewissheit meiner Existenz und dem lnhalt, den ich dieser Gewissheit zu geben suche. Ich werde mir selbst immer fremd sein.“

 

Doch nicht nur sich selbst gegenüber empfindet der denkende Mensch seine eigene Fremdheit, sondern zu dem der Welt gegenüber. Denn jeder Erklärungsversuch und sei er noch so wissenschaftlich, läuft r Camus auf Hypothesen hinaus, auf Bilder, die wiederum dem menschlichen Geist entsprechen müssen, um sie erkennen zu können. ,,So läuft diese Wissenschaft , die mich alles lehren sollte, schließlich auf eine Hypothese hinaus, die Klarheit versinkt in einer Metapher, die Ungewissheit löst sich in einem Kunstwerk auf“.