Über die Dienstbarkeit der Intellektuellen


Antonio Gramsci 1930

Julien Benda hat die Intellektuellen des Verrats bezichtigt – das Verdikt ist noch immer im Schwange, ja, der Verdacht, daß sie willfährig den Lockungen der Macht folgten, ist eher gewachsen. In der Tat ist die Funktionalisierbarkeit der Intelligenz, ihre Bereitschaft, als »Legitimationsagent« von Herrschaft und Beschwichtigung einen faulen Frieden mit den Verhältnissen zu schließen, notorisch. Es bestünde also der Vorwurf, den Benda vorgetragen hat, zu Recht? Es kann, wenn vom Sinn oder vom Widersinn der Intellektuellen-Existenz heute gehandelt werden soll, nicht abgesehen werden von ihrer Dienstbarkeit gegenüber den Mächtigen, ihrem Anteil an den »Befriedungsverbrechen«, die täglich im Namen einer Mehrheit oder einer Minderheit, der »Ordnung«, einer Klasse, einer Ideologie etc. begangen werden, noch von der Widerständigkeit des Denkens, vom Dissens, von der Verantwortlichkeit der »Kopfarbeiter« in der Gesellschaft.

Hier ist die Rede von der Deformierung und Selbstdeformierung der Intellektuellen durch Anbindung bzw. Selbstanbindung an institutionelle Interessenlagen, hauptsächlich die der Psychiatrie. Es kehrt, indem es solche Deformierungen an ausgewählten Beispielen untersucht, das Zweifelsgebot gegen die »Kopfarbeiter«, sofern diese, ausgestattet mit abgeleiteter oder geborgter Autorität und unter Berufung auf sie, sich an »Entmündigungs- und Domestizierungsprojekten« beteiligen. Zur ›Dialektik der Aufklärung‹ gehört, heute mehr denn je, die Selbstaufklärung der Aufklärer.

Der Techniker des praktischen Wissens – Von der Zustimmung zur Herrschaft
»Die Intellektuellen dienen der herrschenden Klasse als ›Angestellte‹. Sie sind für die Vielzahl subalterner Aufgaben der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Regierung zuständig, d.h.


1. für die ›spontane‹ Zustimmung der großen Masse der Bevölkerung zum gesellschaftlichen Leben der herrschenden Hauptgruppe, eine Zustimmung, die sich ›historisch‹ aus dem Prestige (und damit dem Vertrauen) ableitet, das der herrschenden Gruppe aufgrund ihrer Position und Funktion im Produktionsbereich zufällt; und


2. für den staatlichen Zwangsapparat, der ›gesetzlich‹ die Disziplinierung der Gruppen sicherstellt, die aktiv oder passiv ›die Zustimmung verweigern‹


- dieser Apparat ist aber für die gesamte Gesellschaft geschaffen, in Voraussicht von Herrschafts- und Führungskrisen, in denen die ›spontane‹ Zustimmung nachläßt.«


ZEIT ONLINE

Ihn brennt der Tod - Peter Kümmel                                  30. April 2009  17:20 Uhr

 

Sechseinhalb Milliarden Menschen leben auf unserem Planeten, alle werden sterben, darf sich da ein Einzelner, dem das Ende droht, so wichtig nehmen? Hundert Milliarden Menschen sind schon auf dieser Erde gewandelt, ihre Mortalitätsrate beträgt hundert Prozent, die Geschichte kennt keine Überlebenden, darf da einer derart himmelschreiend klagen, dem es womöglich an den Kragen geht?


Christoph Schlingensief hat diese Fragen für sich beantwortet: Er schreit. Er hat sich stets geweigert, zwischen Kunst und Leben zu unterscheiden, er war zu dieser Trennung gar nicht fähig, und so war klar, dass seine verheerende Krebserkrankung, die im Januar offensichtlich wurde und die ihn einen Lungenflügel kostete, Teil seines Werks werden würde.

 

 

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Hypomnema

Hypomnema (altgriechisch Neutrum: ὐπόμνημα, hypómnema; Plural: ὐπομνήματα, hypomnēmata) ist ein antikes literarisches Genre. Der Begriff setzt sich aus der altgriechischen Präposition Hypo- (ὑπό, unter, nieder) und Mneme (Μνήμη, Erinnerung) zusammen und bedeutet wörtlich ‚niedergelegte Erinnerung‘.


Hypomnemata waren in der Antike Schreibhefte und Notizbücher. Sie dienten als Gedächtnisstützen, waren aber auch persönliche Leitfäden zur Lebensführung. In sie trug man Zitate, Teile von Arbeiten, Aphorismen und Beispiele ein. Aber auch Handlungen, deren Zeuge man gewesen war oder über die man Berichte gelesen hatte, Gedanken und Überlegungen, die man gehört hatte oder die einem selbst in den Sinn gekommen waren. Das Hypomnema bildete ein materielles Gedächtnis gelesener, gehörter und gedachter Dinge und bot diese dem Benutzer als einen angehäuften Schatz zum Wiederlesen und für spätere Meditationen an. Der französische Philosoph Michel Foucault verweist darauf u. a. im Zusammenhang mit Senecas Übungen der Selbsterkenntnis: „In dieser Zeit gab es so etwas wie eine Kultur des persönlichen Schreibens: Notizen zu gelesenen Texten, Gesprächen und Reflexionen, die man gehört oder an denen man sich beteiligt hat; das Führen von (bei den Griechen Hypomnēmata genannten) Notizbüchern über bedeutende Dinge, die von Zeit zu Zeit wiedergelesen werden mussten, um die Erinnerung aufzufrischen.“


Hypomnemata sind nicht zu verwechseln mit Tagebüchern, da sie keine Berichte waren, die der Schreiber von sich selbst gab, sondern eine Zusammenfassung von Sätzen zur Reflexion und Selbstkonstituierung bzw. Selbstbetrachtung.


Zu ihrer eigentlichen Bedeutung gelangten die Hypomnemata in der Spätantike. Sie waren für die Stoiker, aber auch für die ersten christlichen Kirchenväter ein unverzichtbares Instrument der Sammlung, Ordnung, Reflexion und Selbstbetrachtung. Die Schrift ersetzte den Blick des Freundes in der Selbstprüfung.