Martin Heidegger - Die Sprache im Gedicht


Eine Erörterung von Georg Trakls Gedicht


Heideggers Interpretation ist eigentlich keine Deutung von Georg Trakls Gedicht, sondern eine Festlegung auf Be-Deutung. Der Gedicht-Text dient als Tiefenstruktur, die erst durch den Philosophen in die Unverborgenheit des denkerischen Begriffs emporgehoben wird. Er suchte, wie die meisten Philosophen auch, eine Bestätigung seiner Philosophie in Werken der Kunst, vor allem in denen der Literatur. Heidegger liebte Sprach-Spiele und Etymologien, aber ich finde es immer wieder faszinierend seinen oft sehr eigenwilligen Gedankengängen zu folgen.

 
Erörtern meint hier zunächst: in den Ort weisen. Es heißt dann: den Ort beachten. Beides, das Weisen in den Ort und das Beachten des Ortes, sind die vorbereitenden Schritte einer Erörterung. Doch wagen wir schon genug, wenn wir uns im folgenden mit den vorbereitenden Schritten begnügen. Die Erörterung endet, wie es einem Denkweg entspricht, in eine Frage. Sie fragt nach der Ortschaft des Ortes.


Die Erörterung spricht von Georg Trakl nur in der Weise, daß sie den Ort seines Gedichtes bedenkt. Solches Vorgehen bleibt für das historisch, biographisch, psychoanalytisch, soziologisch an der nackten Expression interessierte Zeitalter eine offenkundige Einseitigkeit, wenn nicht gar ein Irrweg. Die Erörterung bedenkt den Ort.
Ursprünglich bedeutet der Name »Ort« die Spitze des Speers. In ihr läuft alles zusammen. Der Ort versammelt zu sich ins Höchste und Äußerste. Das Versammelnde durchdringt und durchwest alles. Der Ort, das Versammelnde, holt zu sich ein, verwahrt das Eingeholte, aber nicht wie eine abschließende Kapsel, sondern so, daß er das Versammelte durchscheint und durchleuchtet und dadurch erst in sein Wesen entläßt.


Jetzt gilt es, denjenigen Ort zu erörtern, der das dichtende Sagen Georg Trakls zu seinem Gedicht versammelt, den Ort seines Gedichtes.


Jeder große Dichter dichtet nur aus einem einzigen Gedicht. Die Größe bemißt sich daraus, inwieweit er diesem Einzigen so anvertraut wird, daß er es vermag, sein dichtendes Sagen rein darin zu halten.


Das Gedicht eines Dichters bleibt ungesprochen. Keine der einzelnen Dichtungen, auch nicht ihr Gesamt, sagt alles. Den-noch spricht jede Dichtung aus dem Ganzen des einen Gedichtes und sagt jedesmal dieses. Dem Ort des Gedichtes entquillt die Woge, die jeweils das Sagen als ein dichtendes bewegt. Die Woge verläßt jedoch den Ort des Gedichtes so wenig, daß ihr Entquellen vielmehr alles Bewegen der Sage in den stets verhüllteren Ursprung zurückfließen läßt. Der Ort des Gedichtes birgt als die Quelle der bewegenden Woge das verhüllte Wesen dessen, was dem metaphysisch-ästhetischen Vorstellen zunächst als Rhythmus erscheinen kann.


Weil das einzige Gedicht im Ungesprochenen verbleibt, können wir seinen Ort nur auf die Weise erörtern, daß wir versuchen, vom Gesprochenen einzelner Dichtungen her in den Ort zu weisen. Doch hierfür bedarf jede einzelne Dichtung bereits einer Erläuterung. Sie bringt das Lautere, das alles dichterisch Gesagte durchglänzt, zu einem ersten Scheinen.


Man sieht leicht, daß eine rechte Erläuterung schon die Erörterung voraussetzt. Nur aus dem Ort des Gedichtes leuchten und klingen die einzelnen Dichtungen. Umgekehrt braucht eine Erörterung des Gedichtes schon einen vor-läufigen Durchgang durch eine erste Erläuterung einzelner Dichtungen.


In diesem Wechselbezug zwischen Erörterung und Erläuterung verharrt jede denkende Zwiesprache mit dem Gedicht eines Dichters.


Die eigentliche Zwiesprache mit dem Gedicht eines Dichters ist allein die dichtende: das dichterische Gespräch zwischen Dichtern. Möglich ist aber auch und zuzeiten sogar nötig eine Zwiesprache des Denkens mit dem Dichten, und zwar deshalb, weil beiden ein ausgezeichnetes, wenngleich je verschiedenes Verhältnis zur Sprache eignet.


Das Gespräch des Denkens mit dem Dichten geht darauf, das Wesen der Sprache hervorzurufen, damit die Sterblichen wieder lernen, in der Sprache zu wohnen.


Die Zwiesprache des Denkens mit dem Dichten ist lang. Sie hat kaum begonnen. Dem Gedicht Georg Trakls gegenüber bedarf sie einer besonderen Zurückhaltung. Die denkende Zwiesprache mit dem Dichten kann dem Gedicht nur mittelbar dienen. Darum steht sie in der Gefahr, das Sagen des Gedichtes eher zu stören, statt es aus seiner eigenen Ruhe singen zu lassen.


Die Erörterung des Gedichtes ist eine denkende Zwiesprache mit dem Dichten. Sie stellt weder die Weltansicht eines Dichters dar, noch mustert sie seine Werkstatt. Eine Erörterung des Gedichtes kann vor allem nie das Hören der Dichtungen ersetzen, nicht einmal leiten. Die denkende Erörterung kann das Hören höchstens fragwürdig und im günstigsten Fall besinnlicher machen.


Eingedenk dieser Beschränkungen versuchen wir zuerst, in den Ort des ungesprochenen Gedichtes zu weisen. Hierbei müssen wir von den gesprochenen Dichtungen ausgehen. Die Frage bleibt: von welchen? Daß jede der Traklschen Dichtungen, gleich unverwandt, wenn auch nicht gleichförmig, in den einen Ort des Gedichtes zeigt, bezeugt den einzigartigen Einklang seiner Dichtungen aus dem einen Grundton seines Gedichtes.


Der jetzt versuchte Hinweis auf seinen Ort muß sich indessen mit einer Auswahl weniger Strophen, Verse und Sätze behelfen. Der Anschein ist unvermeidlich, daß wir dabei willkürlich verfahren. Die Auswahl ist jedoch von der Absicht geleitet, unsere Achtsamkeit fast wie durch einen Blicksprung an den Ort des Gedichtes zu bringen.
Eine der Dichtungen sagt:


Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden.

 

Unversehens finden wir uns bei diesem Satz in einer geläufigen Vorstellung. Sie stellt uns die Erde als das Irdische im Sinne des Vergänglichen dar. Die Seele gilt dagegen als das Unvergängliche, Überirdische. Die Seele gehört seit Platons Lehre zum Übersinnlichen. Erscheint sie aber im Sinnlichen, dann ist sie dahin nur verschlagen. Hier »auf Erden« hat es mit ihr nicht den rechten Schlag. Sie gehört nicht auf die Erde. Die Seele ist hier »ein Fremdes«. Der Leib ist ein Gefängnis der Seele, wenn nicht gar Schlimmeres. So bleibt der Seele anscheinend keine andere Aussicht, als den Bereich des Sinnlichen, der, platonisch gesehen, das Nicht-wahrhaft-Seiende und nur Verwesende ist, möglichst bald zu verlassen.


Doch wie merkwürdig! Der Satz:


Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden.

 

spricht aus einer Dichtung, die »Frühling der Seele« überschrieben ist. Von einer überirdischen Heimat der unsterblichen Seele verlautet darin kein Wort. Wir werden nachdenklich und tun gut daran, auf die Sprache des Dichters zu achten. Die Seele: »ein Fremdes«. In anderen Dichtungen sagt Trakl oft und gern aus derselben Wortprägung: »ein Sterbliches«, »ein Dunkles«, ein »Einsames«, »ein Abgelebtes«, »ein Krankes«, »ein Menschliches«, »ein Bleiches«, »ein Totes«, »ein Schweigendes«. Diese Wortprägung hat, abgesehen von der Verschiedenheit ihres jeweiligen Inhaltes, nicht immer denselben Sinn. Ein »Einsames«, »ein Fremdes« könnte etwas Vereinzeltes meinen, das von Fall zu Fall »einsam«, das zufällig, nach einer besonderen und beschränkten Hinsicht »fremd« ist. »Fremdes« dieser Art läßt sich in die Gattung des Fremden überhaupt einordnen und dahin abstellen. So vorgestellt, wäre die Seele lediglich ein Fall des Fremden unter anderen Fällen.


Doch was heißt »fremd«? Man versteht unter dem Fremdartigen gewöhnlich das Nichtvertraute, was nicht anspricht, solches, das eher lastet und beunruhigt. Allein, »fremd«, althochdeutsch »fram«, bedeutet eigentlich: anderswohin vorwärts, unterwegs nach..., dem Voraufbehaltenen entgegen. Das Fremde wandert voraus. Doch es irrt nicht, bar jeder Bestimmung, ratlos umher. Das Fremde geht suchend auf den Ort zu, wo es als ein Wanderndes bleiben kann. »Fremdes« folgt schon, ihm selber kaum enthüllt, dem Ruf auf den Weg in sein Eigenes.


Der Dichter nennt die Seele »ein Fremdes auf Erden«. Wohin ihr Wandern bisher noch nicht gelangen konnte, ist gerade die Erde. Die Seele sucht die Erde erst, flieht sie nicht. Wandernd die Erde zu suchen, daß sie auf ihr dichterisch bauen und wohnen und so erst die Erde als die Erde retten könne, erfüllt das Wesen der Seele. So ist denn die Seele keineswegs zunächst Seele und dazu noch aus irgendwelchen Gründen nicht auf die Erde gehörig.


Der Satz:

Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden.

 

nennt vielmehr das Wesen dessen, was »Seele« heißt. Der Satz enthält keine Aussage über die im Wesen schon bekannte Seele, gleich als ob, in der Form einer Ergänzung, nur festgestellt werden sollte, der Seele sei das ihr Ungemäße und darum Befremdliche zugestoßen, auf der Erde weder Zuflucht noch Zuspruch zu finden. Die Seele ist dem entgegen als Seele im Grundzug ihres Wesens »ein Fremdes auf Erden«. So bleibt sie das Unterwegs und folgt wandernd dem Zug ihres Wesens. Indessen bedrängt uns die Frage: Wohin ist der Schritt dessen, was in dem erläuterten Sinne »ein Fremdes« ist, gerufen? Eine Strophe aus dem dritten Stück der Dichtung »Sebastian im Traum« antwortet:

 

O wie stille ein Gang den blauen Fluß hinab                     
Vergessenes sinnend, da im grünen Geäst
Die Drossel ein Fremdes in den Untergang rief.


Die Seele ist in den Untergang gerufen. Also doch! Die Seele soll ihre irdische Wanderschaft beenden und die Erde verlassen. Davon ist in den genannten Versen nicht die Rede. Aber sie sprechen doch vom »Untergang«. Gewiß. Allein, der hier genannte Untergang ist weder Katastrophe, noch ist er das bloße Wegschwinden in den Verfall. Was den blauen Fluß hinab untergeht,


Das geht in Ruh und Schweigen unter.
» Verklärter Herbst«


In welche Ruh? In die des Toten. Aber welches Toten? Und in welches Schweigen?


Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden.


Der Vers, in den dieser Satz gehört, fährt fort:


. . . Geistlich dämmert
Bläue über dem verhauenen Wald . . .

 

Vordem ist die Sonne genannt. Der Schritt des Fremden geht in die Dämmerung fort. »Dämmern« bedeutet zunächst das Dunkelwerden. »Bläue dämmert«. Verdunkelt sich das Blaue des sonnigen Tages? Verschwindet es am Abend zugunsten der Nacht? »Dämmerung« ist jedoch kein bloßes Untergehen des Tages als Verfall seiner Helle in die Finsternis. Dämmerung meint überhaupt nicht notwendig Untergang. Auch der Morgen dämmert. Mit ihm geht der Tag auf. Dämmerung ist zugleich Aufgehen. Bläue dämmert über dem »verhauenen«, über dem sperrigen, zusammengesunkenen Wald. Die Bläue der Nacht geht auf am Abend.


»Geistlich« dämmert die Bläue. Das »Geistliche« kennzeichnet die Dämmerung. Was dieses mehrfach genannte »Geistliche« meint, werden wir bedenken müssen. Die Dämmerung ist die Neige des Sonnenganges. Darin liegt: Die Dämmerung ist sowohl die Neige des Tages als auch die Neige des Jahres. Die letzte Strophe einer Dichtung, die »Sommersneige« überschrieben ist, singt:

 

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne
Nacht. Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,

Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

 

Immer kehrt in Trakls Dichtung dieses »so leise« wieder. Wir meinen, »leise« bedeute nur: kaum merklich für das Ohr. In dieser Bedeutung wird das Genannte auf unser Vorstellen bezogen. Aber »leise« heißt: langsam; gelisian heißt »gleiten«. Das Leise ist das Entgleitende. Der Sommer entgleitet in den Herbst, den Abend des Jahres.

 

. . . und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne Nacht.


Wer ist dieser Fremdling? Wessen Pfade sind es, deren »ein blaues Wild« gedenken möchte? Gedenken heißt:

»Vergessenes sinnen«,

 

    ... da im grünen Geäst
Die Drossel ein Fremdes in den Untergang rief.


Inwiefern soll ein »blaues Wild« dem Untergehenden nachdenken? Empfängt das Wild sein Blaues aus jener »Bläue«, die »geistlich dämmert« und als die Nacht aufgeht? Zwar ist die Nacht dunkel. Aber das Dunkle ist nicht notwendig Finsternis. In einer anderen Dichtung wird die Nacht mit den Worten angerufen:


O, das sanfte Zyanenbündel der Nacht.


Ein Bündel von Kornblumen ist die Nacht, ein sanftes. Demgemäß heißt das blaue Wild auch das »scheue Wild«, das »sanfte Tier«. Das Bündel aus Bläue versammelt im Grunde seines Gebindes die Tiefe des Heiligen. Aus der Bläue leuchtet, aber zugleich durch ihr eigenes Dunkel sich verhüllend, das Heilige. Dieses verhält, während es sich entzieht. Es verschenkt seine Ankunft, indem es sich in den verhaltenden Entzug verwahrt. Die ins Dunkel geborgene Helle ist die Bläue. Hell, d. h. hallend, ist ursprünglich der Ton, der aus dem Bergenden der Stille ruft und also sich lichtet. Die Bläue hallt in ihrer Helle, indem sie läutet. In ihrer hallenden Helle leuchtet das Dunkel der Bläue.


Die Schritte des Fremdlings läuten durch das silbern Glänzende-Klingende der Nacht. Eine andere Dichtung singt:
Und in heiliger Bläue läuten leuchtende Schritte fort.

Anderswo heißt es von der Bläue:

 

. . . das Heilige blauer Blumen . . . rührt den Schauenden.

 

Eine andere Dichtung sagt:

 

   . . . Ein Tiergesicht
Erstarrt vor Bläue, ihrer Heiligkeit.

 

Das Blau ist kein Bild für den Sinn des Heiligen. Die Bläue selber ist ob ihrer versammelnden, in der Verhüllung erst scheinenden Tiefe das Heilige. Angesichts der Bläue und zugleich durch lauter Bläue zum Ansichhalten gebracht, erstarrt das Tiergesicht und wandelt sich in das Antlitz des Wilds. Die Starre des Tiergesichtes ist nicht die des Abgestorbenen. Im Erstarren fährt das Gesicht des Tieres zusammen. Sein Aussehen sammelt sich, um, an sich haltend, dem Heiligen entgegen in den »Spiegel der Wahrheit« zu schauen. Anschauen sagt: eingehen in das Schweigen.


Gewaltig ist das Schweigen im Stein.


lautet der unmittelbar folgende Vers. Der Stein ist das Gebirge des Schmerzes. Das Gestein versammelt bergend im Steinernen das Besänftigende, als welches der Schmerz ins Wesenhafte stillt. »Vor Bläue« schweigt der Schmerz. Das Antlitz des Wilds nimmt sich angesichts der Bläue in das Sanfte zurück. Denn das Sanfte ist dem Wort nach das friedlich Sammelnde. Es verwandelt die Zwietracht, indem es das Versehrende und Sengende der Wildnis in den beruhigten Schmerz verwindet.


Wer ist das blaue Wild, dem der Dichter zuruft, es möchte doch des Fremdlings gedenken? Ein Tier? Gewiß. Und nur ein Tier? Keineswegs. Denn es soll gedenken. Sein Gesicht soll ausschauen nach... und hinschauen auf den Fremdling. Das blaue Wild ist ein Tier, dessen Tierheit vermutlich nicht im Tierischen, sondern in jenem schauenden Gedenken beruht, nach dem der Dichter ruft. Diese Tierheit ist noch fern und kaum zu erblicken. So schwankt denn die Tierheit des hier gemeinten Tieres im Unbestimmten. Sie ist noch nicht in ihr Wesen eingebracht. Dieses Tier, nämlich das denkende, das animal rationale, der Mensch, ist nach einem Wort Nietzsches noch nicht fest gestellt.


Diese Aussage meint keineswegs, der Mensch sei noch nicht als Tatsache »konstatiert«. Er ist es nur allzu entschieden. Das Wort meint: Die Tierheit dieses Tieres ist noch nicht ins Feste, d. h. »nach Haus«, in das Einheimische ihres verhüllten Wesens gebracht. Um diese Feststellung ringt die abendländischeuropäische Metaphysik seit Platon. Vielleicht ringt sie vergebens. Vielleicht ist ihr der Weg in das »Unterwegs« noch verlegt. Das in seinem Wesen noch nicht fest-gestellte Tier ist der jetzige Mensch.


Im dichtenden Namen »blaues Wild« ruft Trakl jenes Menschenwesen, dessen Antlitz, d. h. Gegenblick, im Denken an die Schritte des Fremdlings von der Bläue der Nacht er-blickt und so vom Heiligen beschienen wird. Der Name »blaues Wild« nennt Sterbliche, die des Fremdlings gedenken und mit ihm das Einheimische des Menschenwesens erwandern möchten.


Wer sind sie, die solche Wanderschaft beginnen? Vermutlich sind es Wenige und Unbekannte, wenn anders das Wesenhafte sich in der Stille und jäh und selten ereignet. Der Dichter nennt solche Wanderer in der Dichtung »Ein Winterabend«, deren zweite Strophe beginnt:


Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.


Das blaue Wild hat, wo und wann es west, die bisherige Wesensgestalt des Menschen verlassen. Der bisherige Mensch verfällt, insofern er sein Wesen verliert, d. h. er verwest.


»Siebengesang des Todes« nennt Trakl eine seiner Dichtungen. Sieben ist die heilige Zahl. Das Heilige des Todes singt der Gesang. Der Tod wird hier nicht unbestimmt und im allgemeinen als Beendigung irdischen Lebens vorgestellt. »Der Tod« meint dichterisch jenen »Untergang«, in den »ein Fremdes« gerufen ist. Darum heißt das so gerufene Fremde auch »ein Totes«. Sein Tod ist nicht die Verwesung, sondern das Verlassen der verwesten Gestalt des Menschen. So sagt denn die vorletzte Strophe der Dichtung »Siebengesang des Todes«:



O des Menschen verweste Gestalt: gefügt
aus kalten Nacht und Schrecken versunkener Wälder [Metallen,
Und der sengenden Wildnis des Tiers;
Windesstille der Seele.



Die verweste Gestalt des Menschen ist der Marter des Sengenden und dem Stechenden des Dorns ausgeliefert. Ihre Wildheit ist nicht durchschienen von der Bläue. Die Seele dieser Menschengestalt steht nicht im Wind des Heiligen. Sie ist deshalb ohne Fahrt. Der Wind selber, Gottes Wind, bleibt darum einsam. Eine Dichtung, die das blaue Wild nennt, das sich jedoch kaum erst aus dem »Dornengestrüpp« lösen kann, schließt mit den Versen:


Immer tönt
An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.

 


»Immer«, dies meint: solange das Jahr und sein Sonnengang noch im Düsteren des Winters verharrt und niemand des Pfades gedenkt, auf dem der Fremdling »läutenden Schrittes« die Nacht durchschreitet. Diese Nacht ist selbst nur die bergende Verhüllung des Sonnenganges. »Gehen«, ίέναι, heißt indogermanisch: ier-, das Jahr.



Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,
Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

 

Das Geistliche der Jahre wird aus der geistlich dämmernden Bläue der Nacht bestimmt.



. . . O, wie ernst ist das hyazinthene Antlitz der Dämmerung.
» Unterwegs «

 

Die geistliche Dämmerung ist so wesentlichen Wesens, daß der Dichter eigens eine der Dichtungen mit dem Wort »Geistliche Dämmerung« überschreibt. Auch in ihr begegnet das Wild, aber ein dunkles. Sein Wildes hat zumal den Zug ins Finstere und die Neige zur stillen Bläue. Indessen befährt der Dichter selbst »auf schwarzer Wolke« den »nächtigen Weiher, den Sternenhimmel«. Die Dichtung lautet:



Geistliche Dämmerung
Stille begegnet am Saum des Waldes
Ein dunkles Wild;
Am Hügel endet leise der Abendwind,

Verstummt die Klage der Amsel,
Und die sanften Flöten des
Herbstes Schweigen im Rohr.

Auf schwarzer Wolke
Befährst du trunken von Mohn
den nächtigen Weiher,

Den Sternenhirnmel.
Immer tönt der Schwester mondene Stimme
Durch die geistliche Nacht.

 


Der Sternenhimmel ist im dichterischen Bild des nächtigen Weihers dargestellt. So meint es unser gewöhnliches Vorstellen. Aber der nächtliche Himmel ist in der Wahrheit seines Wesens dieser Weiher. Dagegen bleibt, was wir sonst die Nacht nennen, eher nur ein Bild, nämlich das verblaßte und entleerte Nachbild ihres Wesens. Oft kehrt im Gedicht des Dichters der Weiher wieder und der Weiherspiegel. Die bald schwarzen, bald blauen Wasser zeigen dem Menschen sein eigenes Antlitz, seinen Gegenblick. Im nächtigen Weiher des Sternenhimmels aber erscheint die dämmernde Bläue der geistlichen Nacht. Ihr Glanz ist kühl.


Das kühle Licht entstammt dem Scheinen der Möndin (σελάννα). Rings um ihr Leuchten verblassen und erkühlen sogar, wie altgriechische Verse sagen, die Sterne. Alles wird »mon-den«. Der die Nacht durchschreitende Fremde heißt »der Mondene«. Die »mondene Stimme« der Schwester, die immer durch die geistliche Nacht tönt, hört der Bruder dann, wenn er in seinem Kahn, der noch ein »schwarzer« ist und kaum beglänzt vom Goldenen des Fremdlings, diesem auf nächtiger Weiherfahrt zu folgen versucht.


Wenn Sterbliche dem in den Untergang gerufenen »Fremden«, d. h. jetzt dem Fremdling, nachwandern, gelangen sie selber ins Fremde, werden sie selbst Fremdlinge und Einsame.


Durch die Fahrt auf dem nächtigen Sternenweiher, das ist der Himmel über der Erde, er-fährt die Seele die Erde erst als Erde in ihrem »kühlen Saft«. Die Seele entgleitet in die abendlich dämmernde Bläue des geistlichen Jahres. Sie wird zur »Herbstseele« und als diese wird sie zur »blauen Seele«.


Die wenigen jetzt genannten Strophen und Verse weisen in die geistliche Dämmerung, führen auf den Pfad des Fremdlings, zeigen Art und Fahrt derer, die, seiner gedenkend, ihm in den Untergang folgen. Zur Zeit der »Sommersneige« wird das Fremde in seinem Wandern herbstlich und dunkel.


»Herbstseele« nennt Trakl eine Dichtung, deren vorletzte Strophe singt:


Bald entgleitet Fisch und Wild.
Blaue Seele, dunkles Wandern
Schied uns bald von Lieben, Andern.
Abend wechselt Sinn und Bild.



Die Wanderer, die dem Fremdling folgen, sehen sich alsbald geschieden »von Lieben«, die für sie »Andere« sind. Die Anderen - das ist der Schlag der verwesten Gestalt des Menschen.


Unsere Sprache nennt das aus einem Schlag geprägte und in diesen Schlag verschlagene Menschenwesen das »Geschlecht«. Das Wort bedeutet sowohl das Menschengeschlecht im Sinne der Menschheit, als auch die Geschlechter im Sinne der Stämme, Sippen und Familien, dies alles wiederum geprägt in das Zwiefache der Geschlechter. Das Geschlecht der »verwesten Gestalt« des Menschen nennt der Dichter das »verwesende« Geschlecht. Es ist aus der Art seines Wesens herausgesetzt und darum das »entsetzte« Geschlecht.


Womit ist dieses Geschlecht geschlagen, d. h. verflucht? Fluch heißt griechisch πληγή, unser Wort »Schlag«. Der Fluch des verwesenden Geschlechtes besteht darin, daß dieses alte Geschlecht in die Zwietracht der Geschlechter auseinandergeschlagen ist. Aus ihr trachtet jedes der Geschlechter in den losgelassenen Aufruhr der je vereinzelten und bloßen Wildheit des Wildes. Nicht das Zwiefache als solches, sondern die Zwietracht ist der Fluch. Sie trägt aus dem Aufruhr der blinden Wildheit das Geschlecht in die Entzweiung und verschlägt es so in die losgelassene Vereinzelung. Also entzweit und zerschlagen vermag das »verfallene Geschlecht« von sich aus nicht mehr in den rechten Schlag zu finden. Den rechten Schlag aber hat es nur mit jenem Geschlecht, dessen Zwiefaches aus der Zwietracht weg in die Sanftmut einer einfältigen Zwiefalt vorauswandert, d. h. ein »Fremdes« ist und dabei dem Fremdling folgt.


Im Verhältnis zu jenem Fremdling bleiben alle Nachkommen des verwesenden Geschlechtes die Anderen. Gleichwohl hängt an ihnen die Liebe und die Verehrung. Das dunkle Wandern im Gefolge des Fremdlings geleitet jedoch in die Bläue seiner Nacht. Die wandernde Seele wird zur »blauen Seele«.


Aber zugleich wird sie geschieden. Wohin? Dorthin, wo jener Fremdling geht, der bisweilen dichterisch nur mit dem hinweisenden Wort »Jener« genannt wird. »Jener« lautet in der alten Sprache »ener« und bedeutet der »andere«. »Enert dem Bach« ist die andere Seite des Baches. »Jener«, der Fremdling, ist der Andere zu den Anderen, nämlich zum verwesenden Geschlecht.  Jener ist der von den Anderen Hinweg- und Abgerufene. Der Fremdling ist der Ab-geschiedene.


Wohin ist ein solches, was in sich das Wesen des Fremden, d. h. das Voraus-Wandern übernimmt, gewiesen? Wohin ist ein Fremdes gerufen? In den Untergang. Er ist das Sichverlieren in die geistliche Dämmerung der Bläue. Er geschieht aus der Neige zum geistlichen Jahr. Wenn solche Neige durch das Zerstörende des nahenden Winters, des Novembers, hindurch muß, dann bedeutet jenes Sichverlieren gleichwohl nicht das Wegfallen in das Haltlose und in die Vernichtung. Sich verlieren besagt vielmehr nach dem Wortsinn: sich loslösen und langsam entgleiten. Der Sichverlierende entschwindet zwar in der, aber keineswegs in die Novemberzerstörung. Er gleitet, durch sie hindurch, weg in die geistliche Dämmerung der Bläue, »zur Vesper«, d. h. gegen den Abend.



Zur Vesper verliert sich der Fremdling in schwarzer
                                                        Novemberzerstörung,
Unter morschem Geäst, an Mauern voll Aussatz hin,
Wo vordem der heilige Bruder gegangen,
Versunken in das sanfte Saitenspiel seines Wahnsinns.
                                                                         »Helian«



Der Abend ist die Neige der Tage der geistlichen Jahre. Der Abend vollbringt einen Wechsel. Der Abend, der sich dem Geistlichen zuneigt, gibt anderes zu schauen, anderes zu sinnen.



Abend wechselt Sinn und Bild.



Das Scheinende, dessen Anblicke (Bilder) die Dichter sagen, erscheint durch diesen Abend anders. Das Wesende, dessen Unsichtbarem die Denker nachsinnen, kommt durch diesen Abend zu anderem Wort. Der Abend verwandelt aus anderem Bild und anderem Sinn die Sage des Dichtens und Denkens und ihre Zwiesprache. Dies vermag der Abend jedoch nur deshalb, weil er selbst wechselt. Der Tag geht durch ihn zu einer Neige, die kein Ende ist, sondern einzig geneigt, jenen Untergang zu bereiten, durch den der Fremdling in den Beginn seiner Wanderschaft eingeht. Der Abend wechselt sein eigenes Bild und seinen eigenen Sinn. In diesem Wechsel verbirgt sich ein Abschied vom bisherigen Walten der Tages- und Jahreszeiten.


Doch wohin geleitet der Abend das dunkle Wandern der blauen Seele? Dorthin, wo alles anders zusammengekommen, geborgen und für einen anderen Aufgang verwahrt ist.


Die bisher genannten Strophen und Verse weisen uns in eine Versammlung, d. h. an einen Ort. Welcher Art ist dieser Ort? Wie sollen wir ihn benennen? Doch wohl aus der Anmessung an die Sprache des Dichters. Alles Sagen der Dichtungen Georg Trakls bleibt auf den wandernden Fremdling versammelt. Er ist und er heißt »der Abgeschiedene«. Durch ihn hindurch und um ihn her ist das dichtende Sagen auf einen einzigen Gesang gestimmt. Weil die Dichtungen dieses Dichters in das Lied des Abgeschiedenen versammelt sind, nennen wir den Ort seines Gedichtes die Abgeschiedenheit.

 

 

                                                                                                             Denkspuren,

Zum Verhältnis von Philosophie und Literatur,
Ein Essay von Bernhard Sorg

 

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