Martin Heideggers Essay zu Georg Trakl


Denkspuren von Bernhard Sorg

Martin Heideggers Essays zu Trakl gehören in eine Zeit, in der Trakl durchaus noch nicht jene Aufmerksamkeit gefunden hat, die ihm dann in den folgenden Jahrzehnten zuteil geworden ist, bis heute. Trakls Lyrik ist für Heidegger ein Beispiel für das hermetische Sprechen am Beginn des 20. Jahrhunderts. „Hermetisch“ meint hier: in zuweilen provokanter Weise abweichend vom alltäglich-pragmatischen Sprachgebrauch - ohne daß es einen Schlüssel gäbe, mit dem diese Abweichungen transponiert werden könnten in das „gewöhnliche“ Alltags-Reden. Während bei Hölderlin im Hintergrund der Gedichte stets Motive religiös-messianischer Art hervorblitzen, was ihn für Heidegger so faszinierend macht, fehlen metaphysische Spekulationen bei Trakl gänzlich. Hinter den Fragmenten des Empirischen sammelt sich kein Heils-Pathos, das auf die Ankunft eines noch verborgenen Gottes hoffen ließe. Die lyrische Welt Trakls ist heil-los, erfüllt von einer enigmatischen Schönheit und einer anrührenden Trauer. Trakls Texte transportieren keine begrifflich faßbare Ideologie, verdoppeln keine vorgängige Welt-Anschauung, sondern sind eine ästhetische Welt in sich und für sich. Sie sind für Heidegger „rein Gesprochenes“. Dies definiert sich so: „Rein Gesprochenes ist jenes, worin die Vollendung des Sprechens, die dem Gesprochenen eignet, ihrerseits eine anfangende ist. Rein Gesprochenes ist das Gedicht.“ „Rein“ ist, wenn ich es einigermaßen verstehe, eine Kategorie des Ursprungs, die die spezifische Wahrheit des Traklschen Gedichts hervortreten läßt und sie beglaubigt [...]


Georg Trakls Gedichte sind eine zu Sprache gewordene Trauer über den irreversiblen Verlust eines sinnerfüllten Kosmos, der jetzt nur noch als kontingenter und rudimentärer darstellbar, und das bedeutet auch: poetisierbar ist.. [...]


. . . Heidegger dichtet den Trakl-Wortlaut in seinem Sinn weiter, bis seine, Heideggers, Philosophie, aus der Tiefe an der Oberfläche angekommen ist. Der Gedicht-Text erscheint als Tiefenstruktur, die erst durch den Philosophen in die Unverborgenheit des denkerischen Begriffs emporgehoben wird. Er suchte eine Bestätigung seiner Philosophie in Werken der Kunst, vor allem denen der Literatur. (Es ist dies ja eigentlich sein gutes Recht, als Philosoph. Welcher Philosoph ist je anders verfahren? Aber es ist unser gutes Recht, darauf hinzuweisen.)


Am Ende von Kapitel II und das gesamte Kapitel III  rekurriert Heidegger hier auf das Eigentümliche der Sprache Trakls. Er erkennt, daß Trakls lyrischer Weg, den die Sprache in hermetischen Chiffren antizipiert, wahrlich vorausdeutet, einer in den Untergang ist. Ein Untergang, der aber keine Unwiderruflichkeit der Zerstörung markiert, sondern das Ineinander von Anfang und Ende im Zeichen eines Aufganges. „Die Sprache des Gedichtes, das seinen Ort in der Abgeschiedenheit hat, entspricht der Heimkehr des ungeborenen Menschengeschlechts in den ruhigeren Anbeginn seines stilleren Wesens.“


Es erscheint die zerbrochene Welt Trakls als Chiffre eines Verborgenen, das unter der Dimension des Zukünftigen als Einheit und Einklang zu lesen wäre. In Heideggers Worten: „Eine Erörterung seines Gedichtes zeigt uns Georg Trakl als den Dichter des noch verborgenen Abend-Landes.“  Heidegger sieht in Trakls Lyrik den dichterischen Ausdruck einer Erfahrung der Geschichte als eines Geschickes, dh. einer Katastrophe, der die Rettung in undenkbarer Zukunft inhärent ist. Der Untergang wird so zum Zeichen eines unbeschreiblichen Übergangs. Der Weg des lyrischen Ich entbirgt sich als Pfad hin zum Untergang, dem die Hoffnung eines Aufganges eingeschrieben ist.



Exzerpt aus Denkspuren, Zum Verhältnis von Philosophie und Literatur,
4. Martin Heidegger: Georg Trakl, Seite 45, Ein Essay von Bernhard Sorg