Fernando Pessoa

Pessoa wurde zu Lebzeiten nur von wenigen Freunden als Dichter geschätzt und anerkannt. Die meisten seiner Manuskripte landeten unveröffentlicht in einer Truhe. Als er starb, umfasste sein Werk über 24.000 Fragmente. Neben Prosa und Dichtungen gehören dramatische Skizzen sowie politische und soziologische Schriften zu einem epochalen Nachlass, der immer noch nicht vollständig redigiert und veröffentlicht ist.


Das Buch der Unruhe (Livro Do Desassossego) gilt als seine wichtigste Prosa-Arbeit. Pessoa sammelte etwa ab 1913 bis 1934 tagebuchartige Reflexionen und Beobachtungen, die er auf Zetteln und in Notizbüchern niederschrieb. Er beabsichtigte bereits zu Lebzeiten, diese Notizen unter dem Titel Buch der Unruhe zu veröffentlichen. Doch erst 47 Jahre nach seinem Tod erschien 1982 eine erste Ausgabe. Die aktuelle Ausgabe enthält 481 in sich geschlossene Abschnitte, die Pessoa zumeist auf einen Wurf hin gelangen.
Es ist von dichter, poetischer Genauigkeit der Darstellung und handelt überwiegend von der Wahrnehmung und Beschreibung subtiler Dinge des Alltags und des Daseins überhaupt. In seiner intellektuellen Brillanz und Überlegenheit ist es nicht ohne Traurigkeit und Kälte.


Der Buchhalter Soares, dem »das Leben als ein metaphysischer Irrtum der Materie« erscheint, ist ein geheimer Philosoph, ein Philosoph des Verzichts, und er ist eine vorsätzliche Randfigur. Er bewegt sich in der Baixa fast nur zwischen seinem möblierten Zimmer, einigen der kleinen Speisegaststätten mit Obergeschoss und seinem Kontor, und als »äußerste Schwäche der Einbildungskraft« erscheint ihm die Vorstellung, man müsse »den Ort wechseln, um zu fühlen«. »Existieren ist reisen genug«, lautet seine Devise. Tatsächlich entdeckt er in seiner kleinen Welt mehr als die meisten in der sogenannten großen, weiten Welt, ist er doch nicht auf Abenteuer aus, sondern es erscheint ihm schlechthin alles abenteuerlich.


»Die Ekstase des Schauens« ist es, die diesen Mystiker des Alltags beherrscht, und als »Hauptsorge seines Schicksals« bezeichnet er den Blick zum Himmel mit seinen Wolkenbildungen. Für Bernardo Soares sind »Sehen und Hören die einzigen edlen Dinge, die das Leben enthält, die übrigen Sinne sind plebejisch und rein körperlich«. Entsprechend entsagt er auch der geschlechtlichen Liebe: »Die Frau ist eine gute Quelle für Träume. Berühre sie nie!« Die einzige Illusion, die Pessoas Alter Ego Soares akzeptiert, ist die Kunst: »In der Kunst gibt es keine Enttäuschung, weil die Täuschung von Anfang an inbegriffen war.« Dem Buchhalter Soares gilt der Traum mehr als die Tat.


Könnte das Herz denken, stünde es still.




DAS BUCH DER UNRUHE

Der 1935 als nahezu Unbekannter in Lissabon gestorbene Fernando Pessoa gilt heute als der bedeutendste portugiesische Dichter des 20. Jahrhunderts und eine der Schlüsselfiguren der literarischen Moderne. Sein "Buch der Unruhe", an dem er über 20 Jahre gearbeitet hat, ist ein grandioses Dokument existentieller Traurigkeit. Es ist geftígt aus den Aufzeichnungen - Beobachtungen, Reflexionen, Meditationen - des ftktiven Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, in denen dieser sich in radikaler Weise den Fragen nach der Bestimmung des Menschen, dem Sinn des Lebens und den Geheimnissen seines Ichs stellt.

Als Pessoas >Buch der Unruhe< 1985, 50 Jahre nach dem Tod des Autors, in deutscher Übersetzung erschien, wurde es von der Kritik sogleich als ein literarisches Ereignis eısten Ranges gefeiert.

>Das Buch der Unruhe<, eines der traurigsten Bücher Portugals, setzt sich aus den ftktiven Aufzeichnungen des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares zusammen, der im konkreten Sinne eine gewisse Ähnlichkeit, wenngleich keine Identität mit dem Autor Pessoa hat, im metaphorisch-übertragenen aber für den Menschen schlechthin steht: »Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in einem Geschäft mit einem anderen Stoff in irgendeiner anderen Altstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir sumınieren und gehen dahin; wir schließen Bilanz und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns." So ist auch die Rua dos Douradores in der Lissabonner Altstadt, wo sich das unscheinbare Leben des Hilfsbuchhalters abspielt, als ein verkleinertes Abbild der ganzen Welt zu sehen.

Aus zahlreichen Fragmenten, Skizzen und Aphorismen komponiert, keinem erzählerischen Kontinuum, sondern Assoziationsketten folgend, hat das Buch eine extrem offene, extrem ınodeme Form Ein Hauptgegenstand dieser Beobachtungen, Meditationen, Reflexionen, die Soares-Pessoa über die Welt im allgemeinen und die eigene Persönlichkeit anstellt, ist die Frage nach der Bestimmung des Menschen, nach dem Sinn des Lebens und den Geheimnissen seines Ichs, und sie führt ihn in eine erbarmungslose, um Begriffe wie >Überdruß<, >Angst >Lebensekel, >Fremdheit< zentrierte Selbst- und Zeitdiagnose.

Das Buch der Unruhe ist ein grandioses Dokument existentieller Traurigkeit. »Es scheint mir unmöglich, von ihm nicht gefesselt zu sein. Denn auf diesen Seiten wird unsere Sache abgehandelt« (C. Meyer-Clason)

Fernando Pessoa, der 1935 im Alter von 4- Jahren gestorben ist, gilt heute als der wichtigste Dichter der Modeme in der portugiesischen Literatur. Zu Lebzeiten hat er nur wenig veröffentlicht; wenn überhaupt, so kannte die Nachwelt ihn als Lyriker. Das Erscheinen der Prosaaufzeichmmgen Pessoas, 1982 im portugiesischen Original, war daher eine literarische Sensation.

Pessoa wurde 1888 in Lissabon geboren; er verbrachte seine Jugend in Durban in Südafrika, wo sein Stiefvater Konsul war. Mit 1- Jahren kehrte er nach Lissabon zurück und führte dort bis zu seinem Tod eine äußerst unscheinbare Existenz als Handelskorrespondent. Pessoa schrieb für die Truhe. Sein literarischer Nachlaß, der 2-543 Manuskripte umfaßt, enthält Lyrik, dramatische Skizzen, politische, soziologische und essayistische Schriften.




 Fernando Pessoa
Das Buch der Unruhe
des Hilfsbuchhalters
Bernardo Soares
Aus dem Portugiesischen
übersetzt und mit
einem Nachwort versehen
  von Georg Rudolf Lind




                                                       Aspekte
Das vielgestaltige Werk, das hier vorliegt, ist seiner Grundhaltung nach dramatisch, wenngleich auf unterschiedliche Weise f in Prosastücken, in Gedichten oder philosophischen Texten.

Die Geistesverfassung, aus der es entsprang, mag man als Privileg oder als Krankheit betrachten. Sicher ist indessen, daß der Autor dieser Zeilen - ich weiß nicht, ob auch der Autor dieser Bücher - niemals nur eine einzige Persönlichkeit war, niemals anders als dramatisch gedacht und empfunden hat, das heißt durch die Maske einer angenommenen Person oder Persönlichkeit, die besser als er selbst diese Gefühle empfinden konnte. Manche Schriftsteller schreiben Dramen und Novellen. und in diesen Dramen und Novellen unterstellen sie ihren Gestalten Gedanken und Gefühle und sind häuftg genug entrüstet, wenn man diese für ihre eigenen Gedanken oder Gefühle hält. Bei dem vorliegenden Werk verhält es sich, obschon in anderer Form, im Grunde genauso.

Jeder dauerhafteren Persönlichkeit, die der Verfasser dieser Bücher in sich zu erleben vermochte, hat er eine bestimmte Ausdrucksweise gegeben und aus dieser Persönlichkeit einen Autor mit seinem Buch oder verschiedenen Büchern entwickelt; mit ihren Gedanken, ihren Gefühlen, ihrer Kunst hat er, der wirkliche Verfasser (oder vielleicht auch nur der scheinbare, denn wir wissenja nicht, was die Wirklichkeit ist), nichts zu schaffen, abgesehen davon. daß er bei der Niederschrift das Medium von Gestalten war, die er selbst geschaflen hat.

Weder dieses noch die folgenden Werke haben irgend etwas mit dem Erfasser zu tun. Weder ist er einverstanden mit dem, was in ihnen niedergelegt ist, noch ist er dagegen. Er schreibt wie unter Diktat; als ob es ein Freund ihm diktierte und man ihn also mit Recht bitten könnte. das Diktat niederzuschreiben, findet er das interessant - vielleicht nur aus Freundschaft -, was er da als Diktat niederschreibt.

Als privates Ich kennt der Autor in sich selbst überhaupt keine Persönlichkeit. Wenn er einmal eine Persönlichkeit in sich aufsteigen fühlt, bemerkt er bald, daß es sich um ein von ihm selber verschiedenes, wiewohl ähnliches Wesen handelt; um einen Sohn im Geiste sozusagen, mit ererbten
Eigenschaften, aber allen Unterschieden eines anderen Menschen. Daß diese Eigenheit des Schriftstellers eine Form der Hysterie oder der sogenannten Persönlichkeitsspaltung sei, wird vom Autor dieser Zeilen weder bestritten noch bejaht. Da er ein Sklave seiner eigenen Vielheit ist, würde es ihm nichts nützen, wenn er dieser oder jener Theorie über die schriftlichen Ergebnisse dieser Vielheit beipflichtete.

Es kann nicht wundernehmen, daß dieses Verfahren, Kunst hervorzubringen, befremdlich wirken muß; verwunderlich ist vielmehr, daß es überhaupt etwas geben sollte. was nicht befremdlich wirkt.

Manche Theorien, die der Verfasser zum gegenwärtigen Zeitpunkt vertritt, warden ihm von einer der Personen eingegeben, die, auf einen Augenblick. eine Stunde oder eine gewisse Zeit mit ihm verschmolzen, durch seine eigene Persönlichkeit hindurchgezogen sind falls es diese eigene Persönlichkeit geben sollte.

Zu der Behauptung, diese ganz verschiedenen, klar umrissenen Menschen, die verkörpert durch seine eigene gebogen sind, existierten gar nicht, kann sich der Erfasser dieser Bücher nicht versteigen; denn weder weiß er, was existieren heißt, noch wer wirklicher ist. Hamlet oder Shakespeare, oder wer von ihnen in Wahrheit wirklich.

Bei diesen Büchern handelt es sich einstweilen umfolgende: Zunächst um das »Buch der Unruhe«, geschrieben von jemandem, der von sich selbst behauptet, er heiße Vicente Guedes; ferner um »Der
Hirte« und andere Gedichte und Fragmente eines gewissen (ebenfalls und aufgleiche Art verstorbenen) Alberto Caeiro, der l889 in der Nähe von Lissabon geboren wurde und 1915 ebendort verstarb. Wenn jemand meinen sollte, es sei absurd, so von jemandem zu sprechen, der nie existiert hat. so antworte ich ihm: Mir ist kein Beweis bekannt, wonach Lissabon je existiert hat, oder ich, der dies niederschreibt, oder überhaupt etwas, wo auch immer.

Dieser Alberto Caeiro hatte zwei Schüler und einen philosophischen Nachfolger. Die beiden Schüler, Ricardo Reis und Alvuro de Campos, schlugen verschiedene Wege ein; der erste verstärkte das von Caeiro entdeckte Heidentum und verwandelte es in künstlerische Orthodaxie, der zweite ging von einem anderen Teil des Caeiro-Werks aus und entwickelte ein gänzlich andersartiges System, das völlig auf den Empfingungen aufbaut. Der philosophische Nachfolger Antonio Mora (die Namen sind so unvermeidlich und von außen auferlegt wie die Personen) arbeitet an einem oder zwei Büchern, in denen er die metaphysische und praktische Wahrheit des Heidentums vollkommen beweisen wird. Ein zweiter Philosoph dieser heidnischen Schule, dessen Name jedoch vor meinem inneren Seh- oder Hörvermögen noch nicht aufgetaucht ist, wird eine Verteidigung des Heidentums liefern, die aufganz anderen Argumenten basiert.

Es ist durchaus möglich, daß später noch andere Individuen von der gleichen Art wahrer Wirlichkeit zum Vorschein kommen. Ich weiß es nicht; doch meinem Innenleben werden sie stets willkommen sein, da ich mit ihnen besser als mit der äußeren Wirklichkeit zusammenzuleben vermag. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich mit einem Teil ihrer Theorien einverstanden bin, mit anderen Teilen hingegen nicht. Das ist auch gänzlich gleichgültig. Wenn sie etwas Schönes schreiben, so ist es schön, unabhängig von irgendwelchen metaphysischen Betrachtungen über die »wirklichen« Autoren. Wenn ihre Gedankengänge Wahrheiten enthalten - falls es Wahrheiten geben sollte in einer Welt, die ein »esgibt nichts« ist - so sind sie wahr, unabhängig von der Absicht oder »Wirklichkeit« dessen, der sie hervorgebracht hat.

Dergestalt werde ich im Mindestfall zum Narren, der hohe Träume hegt, im Höchstfall nicht ein einzelner Schriftsteller, sondern eine ganze Literatur, und selbst wenn das nicht dazu beitrüge, mich zu unterhalten, was für mich schon vollkommen ausreichend wäre, trage ich möglicherweise dazu bei, das Weltall zu vergrößern; denn wer bei seinem Tode einen schönen Vers hinterläßt, hat Himmel und Erde bereichert und den Grund für das Vorhandensein von Sternen und Menschen in ein stärker gefühltes Geheimnis erhoben.

Was kann denn ein genialer Mensch angesichts eines heute derart spürbaren Mangels an Literatur anderes tun als sich ganz für sich allein in eine Literatur verwandeln? Was kann ein sensibler Mensch angesichts des Mangels an Zeitgenossen, mit denen sich der Umgang lohnt, Besseres tun, als seine Freunde oder zumindest geistigen Gefährten selbst zu erfinden? - - -

Vor meinem Auge, das ich nur deshalb inneres Auge nenne, weil ich eine bestimmte Welt »äußerlich« nenne, stehen fest, klar umrissen, bekannt und genau unterschieden die Physiognomien, Wesenszüge, Lebensläufe, Herkunft und in einigen Fällen auch der Tod dieser Gestalten. Einige von ihnen waren miteinander bekannt, andere nicht. Mich persönlich hat keiner von ihnen gekannt, außer Alvaro de Campos. Aber sollte ich morgen auf einer Amerikareise plötzlich leibhaftig auf Ricardo Reis treffen, der meines Wissens drüben lebt, so würde meine Seele keine Geste des Erstaunens auf den Körper übertragen; alles hätte nur seine Richtigkeit, wie schon zuvor alles seine Richtigkeit hatte.

                                                                                                  (Aus: »Paginas intimas e de auto-interpretacao«)


                                                    Vorwort
In Lissabon gibt es einige wenige Restaurants oder kleine Gasthäuser, da liegt oberhalb eines Geschäftes, das wie eine dezente Taverne aussieht, ein Zwischengeschoß, das so schwerfällig und hausbacken wirkt wie ein Restaurant in einer Ortschaft ohne Bahnanschluß. In diesen, abgesehen von den Sonntagen, wenig besuchten Zwischengeschossen kann man häuftg sonderbare Typen, Gesichter ohne Interesse, Abseitige des Lebens antreffen.

Der Wunsch nach Ruhe und die mäßigen Preise ließen mich in einer gewissen Epoche meines Lebens zum häuftgen Gast in einem soIchen Zwischengeschoß werden. Es ergab sich nun, daß ich dort, wenn ich zufällig gegen sieben zu Abend aß, fast immer ein Individuum antraf, dessen Aussehen mich anfänglich nicht, dann aber nach und nach zu fesseln begann.

Der Mann war ungefahr dreißig Jahre alt, mager und eher groß als klein, er beugte sich übertrieben vornüber, wenn er saß, weniger wenn er stand, und war mit einer gewissen Nachlässigkeit, aber doch nicht ganz nachlässig gekleidet. Seinem blassen, nicht gerade ausdrucksstarken Gesicht konnte auch seine Leidensmiene keinen stärkeren Ausdruck verleihen, und es erwies sich als schwierig, genauer zu beschreiben, auf weIche Art Leiden diese Miene hindeutete - sie schien auf mehrere zu vewveisen, auf Entbehrungen, Ängste und jenes dem Gleichmut entstammende Leid, das auftritt, wenn man viel durchgemacht hat.

Er aß stets wenig zu Abend und rauchte anschließend billigen, nach Gewicht gekauften Tabak. Aufmerksam, nicht mißtrauisch, sondern mit besonderer Teilnahme beobachtete er die anwesenden Gäste; doch beobachtete er sie nicht, als ob er sie eingehend zu ergründen suche, sondern als ob er an ihnen gleichsam Anteil nehme, ohne sich ihre Gesichtszüge oder die Äußerungen ihrer Wesensart im einzelnen einprägen zu wollen. Diese Eigenheit weckte mein Interesse für ihn zuerst.

Ich sah ihn mir nun genauer an. Ich bemerkte, daß ein gewisser Ausdruck von Intelligenz in unbestimmt-bestimmter Weise seine Züge belebte. Doch verhüllte sie Niedergeschlagenheit und die
Stagnation der kalten Angst mit soIcher Regelmäßigkeit, daß es schwierig wurde, einen anderen Wesenszug außer diesem ausfındig zu machen.

Zufällig hörte ich von einem Kellner des Restaurants, daß er kaufmännischer Angestellter in einem nahe gelegenen Geschäftshaus war.

Eines Tages kam es auf der Straße unter unseren Fenstern zu einem Zwischenfall: Zwei Kerle prügelten sich. Wer sich gerade im Zwischengeschoß aufhielt, lief ans Fenster, auch ich und der Mann, von dem ich rede. Ich wechselte mit ihm einen hingeworfenen Satz, und er antwortete mir in gleicher Weise. Seine Stimme klang matt und zaghaft, wie die Stimme eines Menschen, der nichts erwartet, weil es ganz nutzlos ist, irgend etwas zu erwarten. Vielleicht war es aber auch ganz verfehlt, daß ich meinem abendlichen Restaurantgefährten diese Bedeutung beimaß.

Seitjenem Tage gingen wir - ich weiß nicht warum - dazu über, einander zu grüßen. Eines guten Tages, als wir uns möglicherweise durch den absurden Umstand nähergekommen waren, daß wir beide um halb zehn zum Abendessen erschienen, kamen wir zufallig ins Gespräch, Dabei fragte er mich, ob ich schriftstellerisch tätig sei. Ich bejahte das. Ich erzählte ihm von der Zeitschrift "Orpheu",* die kurz zuvor erschienen war, Er lobte sie, lobte sie ziemlich ausführlich, und darüber war ich nun wirklich erstaunt. Ich erlaubte mir, ihm meine Verwunderung zu verstehen zu geben, denn die Kunst der "Orpheu“-Beiträger pflegt nur wenige zu erreichen. Er erwiderte, vielleicht gehöre er zu diesen wenigen. Im übrigen, fügte er hinzu, habe ihm die "Orpheu"-Lektüre eigentlich nichts Neues gebracht: Schüchtern deutete er an, weil er nicht wisse, wohin er gehen und was er anstellen solle, weil er keine Freunde zu besuchen und keine Freude am Bücherlesen aufbringen könne, pflege er die Nächte zu verbringen, indem er ebenfalls schriebe.

                                                   * Die Zeitschrift des portugiesischen Modemismus, 1915 erschienen (Anm. d, U.)



                                                                    l . Artikel
Als die Generation geboren wurde, der ich angehöre, fand sie die Welt ohne Stützen für Leute mit Herz und Hirn vor. Die zerstörerische Arbeit der vorangegangenen Generation hatte bewirkt, daß die Welt, in die wir hineingeboren wurden, uns keinerlei Sicherheit in religiöser Hinsicht, keinerlei Halt in moralischer Hinsicht und keinerlei Ruhe in politischer Hinsicht bieten konnte. Wir Wurden in metaphysische Angst, in moralische Angst, in politische Unruhe hineingeboren. Trunken von äußerlichen Formeln, von den bloßen Verfahren der Vernunft und der Wissenschaft hatten die uns vorangegangenen Generationen alle Fundamente des christlichen Glaubens unterhöhlt, weil ihre Bibelkritik, die von der Kritik an den Texten zur Kritik an der Mythologie des Christentums übergegangen war, die Evangelien und die vorangehende Hierographie der Juden auf eine Ungewisse Ansammlung von Mythen, Legenden und bloßer Literatur reduziert hatte; ihre wissenschaftliche Kritik deckte Schritt um Schritt die Irrtümer und groben Naivitäten der ursprünglichen "Wissenschaft« der Evangelien auf; gleichzeitig schwemmte die Diskussionsfreiheit, die alle metaphysischen Probleme zur Debatte stellte, die religiösen Probleme mit sich fort, so weit sie metaphysischer Natur waren. Trunken von einer Ungewissen Sache, die sie »Positivismus« nannten, kritisierten diese Generationen die gesamte Moral, durchstöberten alle Lebensregeln, und von diesem Zusammenstoß der Lehrmeinungen blieb nur die Ungewißheit aller zurück und der Schmerz darüber, daß es keine Gewißheit gab. Eine soIcherart in ihren Grundlagen erschütterte Gesellschaft konnte konsequentewveise auch in der Politik nur ein Opfer dieser Disziplinlosigkeit werden; und so erwachten wir für eine nach gesellschaftlichen Neuerungen begierige Welt, und mit Freude ging man auf die Eroberung einer Freiheit los, von der man nicht wußte, was sie war, und auf einen Fortschritt, der nie genau definiert worden war.

Aber der grobschlächtige Kritizismus unserer Eltern hinterließ uns zwar die Unmöglichkeit, Christen zu sein, nicht aber die Zufriedenheit mit dieser Unmöglichkeit; er hinterließ uns den Unglauben an die überlieferten moralischen Formeln, nicht aber die Gleichgültigkeit gegen die Moral und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens; er ließ zwar das politische Problem in der Schwebe, unseren Geist aber nicht gleichgültig gegenüber der Lösung dieses Problems. Unsere Eltern zerstörten mit Befriedigung, weil sie in einer Epoche lebten, in der noch Reste der soliden Vergangenheit übriggeblieben waren. Eben das, was sie zerstörten, hatte der Gesellschafl Kraft verliehen, so daß sie es zerstören konnten, ohne die Risse am Gebäude zu bemerken. Wir haben die Zerstörung und ihre Resultate geerbt.

Im heutigen Leben gehört die Welt nur den Narren, den Grobschlächtigen und den Betriebsamen. Das Recht zu leben und zu triumphieren erwirbt man heute fast durch die gleichen Verfahren, mit denen man die Einweisung in ein Irrenhaus erreicht: die Unfähigkeit zu denken, die Unmoral und die Übererregtheit. Ich gehöre zu einer Generation, die den Unglauben an den christlichen Glauben geerbt und in sich den Unglauben gegenüber allen anderen Glaubensüberzeugungen hergestellt hat. Unsere Eltern besaßen noch den Impuls des Glaubens und übertrugen ihn vom Christentum auf andere Formen der Illusion. Einige waren Enthusiasten der sozialen Gleichheit, andere nur in die Schönheit verliebt, andere glaubten an die Wissenschaft und ihre Vorzüge, und wieder andere gab es, die dem Christentum stärker verbunden blieben und in Orient und Okzident nach religiösen Formen suchten, mit denen sie das ohne diese Formen hohle Bewußtsein, nur noch am Leben zu sein, beschäftigen könnten.

All das haben wir verloren, all diesen Tröstungen gegenüber sind wir als Waisenkinder geboren worden. Jede Zivilisation folgt der inneren Linie einer Religion, die sie repräsentiert: Auf andere Religionen übergehen heißt, diese verlieren und damit letztlich alle verlieren.

Wir haben diese eingebüßt und die anderen ebenfalls.

Mithin ist jeder einzelne von uns sich selbst überlassen worden und der Trostlosigkeit, sich am Leben zu fühlen. Ein Schiff scheint ein Gegenstand zu sein, dessen Bestimmung die Seefährt ist; doch seine Bestimmtmg ist nicht die Seefährt, sondern die Einfährt in einen Hafen. Wir haben uns auf hoher See gefunden ohne die Vorstellung von einem Hafen, in dem wir hätten Zuflucht suchen können. So wiederholen wir auf schmerzliche Art und Weise die Abenteuerformel der Argonauten: Seefàhrt tut not, Leben tut nicht not.

Illusionslos leben wir nur vom Traum, der Illusion dessen, der keine Illusionen haben kann. Aus uns selber lebend vermindern wir unseren Wert, denn der vollständige Mensch ist der Mensch, der sich nicht kennt. Ohne Glauben haben wir keine Hoffnung und ohne Hoffnung haben wir kein Leben im eigentlichen Sinne. Da wir keine Vorstellung von der Zukunft haben, haben wir auch keine Vorstellung vom Heute, denn das Heute ist für den Tatmenschen nur ein Vorspiel der Zukunft. Der Kampfesmut ist abgestorben mit uns auf die Welt gelangt, denn wir wurden ohne Begeisterung für den Kampf geboren.

Einige von uns stagnierten in der schalen Eroberung des Alltags, gemein und niedrig auf der Jagd nach dem täglichen Brot, und sie wollten es ohne das Gefühl der Arbeit, ohne das Bewußtsein der Anstrengung, ohne den Adel des Gelingens erhalten.

Wir anderen, besser Gearteten enthielten uns der Teilnahme am öffentlichen Leben, verlangten nichts und wünschten nichts und versuchten statt dessen, das Kreuz unseres bloßen Existierens auf den Kalvarienberg des Vergessens zu schleppen. Eine aussichtslose Bemühung für denjenigen, der nicht, wie der Träger des Kreuzes, einen göttlichen Ursprung in seinem Bewußtsein fühlt.

Andere haben sich extrovertiert dem Kult der Verwirrung und des Lämrs ergeben und zu leben gemeint, wenn sie sich nur selber hörten, und zu lieben geglaubt, wenn sie die Äußerlichkeiten der Liebe nachvollzogen. Das Leben schmerzte uns, weil wir wußten, daß wir lebendig waren; das Sterben erschreckte uns nicht, weil wir den normalen Begriff des Todes verloren hatten.

Andere jedoch, Rasse des Endes, geistige Grenze der toten Stunde, fanden nicht einmal den Mut zur Negation und zum Asyl in sich selber. Ihr Leben verlief in Verneinung, in Unzufriedenheit und in Trostlosigkeit. Wir aber erleben es von innen, ohne uns zu gebärden, stets mindestens in der Art und Weise unserer Lebensführung in die vier Wände des Zimmers eingeschlossen und in die vier Mauern, handlungsunfähig zu sein.


(zum Anfang gehörend)                                                                                                                        29.3.1930

Ich bin zu einer Zeit geboren worden, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott verloren hatte, aus dem gleichen Grund, aus weIchem ihre Vorfahren an Gott geglaubt hatten - ohne zu wissen warum. Und da wählte die Mehrheit dieser jungen Leute, weil der menschliche Geist von Natur aus dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, nicht weil er denkt, die Menschheit als Ersatz für Gott. Ich gehöre jedoch zu jener Art von Menschen, die immer am Rande stehen und nicht nur die Menschenmenge sehen, deren Teil sie bilden, sondern auch die Freiräume daneben. Deshalb habe ich Gott nie so weitgehend aufgegeben wie sie und niemals die Menschheit als Ersatz akzeptiert. Ich war der Ansicht, daß Gott, auch wenn er unwahrscheinlich war, dennoch vorhanden sein und also auch angebetet werden konnte, daß aber die Menschheit, da sie eine rein biologische Vorstellung ist und nicht mehr bedeutet als die Gattung menschlicher Lebewesen, der Anbetung nicht würdiger sei als irgendeine andere tierische Gattung. Dieser Menschheitskult mit seinen Riten von Freiheit und Gleichheit erschien mir stets wie ein Wiederaufleben jener alten Kulte, in denen Tiere Götter waren oder die Götter Tierköpfe trugen.

Da ich also weder an Gott noch an eine Summe von Lebewesen glauben konnte, verblieb ich wie andere Außenseiter in jener Distanz zu allem, die man gemeinhin Dekadenz nennt. Dekadenz bedeutet den vollständigen Verlust der Unbewußtheit, denn die Unbewußtheit ist das Fundament des Lebens, wenn das Herz denken könnte, würde es still stehen.

Was bleibt jemandem, der wie ich lebendig ist und doch kein Leben zu haben versteht - ebenso wie den wenigen Menschen meiner Art - anderes übrig als der Verzicht als Lebensweise und die Kontemplation als Schicksal? Da wir nicht wissen, was religiöses Leben ist, es auch nicht wissen können, weil man nicht mit der Vernunft Glauben haben kann, da wir auch nicht an die Abstraktion Mensch glauben können und nicht einmal wissen, was wir für uns selbst mit ihr anfangen sollen, blieb uns als Motiv für unsere Seele nur die ästhetische Betrachtung des Lebens. Und so ergeben wir uns, fühllos für die Feierlichkeiten aller Wehen, gleichgültig gegenüber dem Göttlichen und Verächter des Menschlichen nichtsnutzig der absichtslosen Empfingung und pflegen sie in einem verfeinerten Epikureertum, wie es unseren Gehirnnerven zugute kommt.

Indem wir von der Naturwissenschaft nur ihr Hauptgebot behalten, daß alles schicksalhaflen Gesetzen unterworfen ist, gegen die man nicht unabhängig reagieren kann, weil reagieren schon heißen würde, sie hätten bewirkt, daß wir reagieren mußten, indem wir außerdem feststellen, daß dieses Gebot mit dem anderen, älteren vom göttlichen Verhängnis der Dinge übereinstimmt, verzichten wir auf die Anstrengung wie die Schwächlinge auf das Training der Athleten und beugen uns über das Buch der Empfingungen mit dem großen Skrupel gefühlter Gelehrsamkeit.

Indem wir nichts ernst nehmen und auch nicht meinen, daß uns eine andere Wirklichkeit als gewiß gegeben sei als unsere Empfindungen, suchen wir bei ihnen Zuftucht und erforschen sie wie große unbekannte Länder. Und wenn wir so großen Fleiß nicht nur auf die ästhetische Betrachtungsweise, sondern auch auf den Ausdruck ihrer Vorgänge und Ergebnisse verwenden, so geschieht das, weil Prosa oder Verse, die wir schreiben, von der Absicht befreit, fremdes Verständnisvermögen überzeugen zu wollen oder fremden Willen zu bewegen, nur wie das laute Vorsichhinsprechen eines Lesenden sind, das dazu beiträgt, dem subjektiven Genuß der Lektüre volle Objektivität zu verschaffen. Wir wissen wohl, daß jedes Werk unvollkommen sein muß und unsere ästhetische Betrachtung dem gegenüber, was wir schreiben, am unsichersten ist. Unvollkommen jedoch ist alles, es gibt keinen noch so schönen Sonnenuntergang, der nicht noch schöner sein könnte, keine leichte Brise, die uns Schlaf verschafft, die uns nicht einen noch ruhigeren Schlaf verschaffen könnte. Und so werden wir, gleichmäßige Betrachter der Berge und der Statuen, die Tage genießen wie die Bücher und alles vor allem zu dem Zweck erträumen, es unserer inneren Substanz anzuverwandeln und dazu Beschreibungen und Analysen anfertigen, die, wenn sie erst einmal vorliegen, zu fremden Dingen werden, die wir genießen können, als ob sie zur Abendzeit kämen. Das ist keine pessimistische Vorstellung wie diejenige de Vignys, dem das Leben als ein Gefängnis vorkam, in dem er zu seiner Unterhaltung Stroh flocht. Pessimist sein heißt etwas als tragisch auffassen, und diese Haltung ist eine Übertreibung und eine Unbequemlichkeit. Wir besitzen, das steht fest, keinen Weltbegriff, den wir auf das Werk, das wir hervorbringen, anwenden könnten. Wir bringen es hervor, das ist ganz sicher, um uns zu zerstreuen, aber nicht wie der Gefangene, der Stroh flicht, um sich angesichts des Schicksals zu zerstreuen, sondern wie das junge Mädchen, das Kissen bestickt, um sich zu unterhalten – und weiter nichts.

Ich betrachte das Leben als eine Herberge, in der ich Verweilen muß, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft. Ich weiß nicht, wohin sie mich führen wird, weil ich gar nichts weiß. Ich kann diese Herberge als ein Gefängnis betrachten, weil ich gezwungen bin, in ihr zu warten; ich kann sie auch als einen Ort der Geselligkeit ansehen, weil ich hier anderen Menschen begegne. Ich bin jedoch weder ungeduldig noch gewöhnlich. Ich überlasse diejenigen ihrer Neigung, die sich in ihrem Zimmer einschließen und schlaff auf ihr Bett werfen, wo sie schlaflos warten; ich überlasse auch diejenigen ihrem Treiben, die sich in den Sälen unterhalten, aus denen bewegte Stimmen und Musik zu mir dringen. Ich setze mich an die Tür und tränke meine Augen und Ohren mit den Farben und Tönen der Landschaft und singe langsam, für mich allein, undeutliche Lieder, die ich während des Wartens komponiere.

Für uns alle wird die Nacht hereinbrechen und die Postkutsche eintreffen. Ich genieße die Brise, die mir vergönnt ist, und die Seele, die man mir gab, um sie zu genießen, und ich hinterfrage und suche nicht weiter. Wenn das, was ich ins Buch der Reisenden eingetragen zurücklasse, eines Tages von anderen nachgelesen wird und sie während der Durchreise unterhält, soll es gut sein. Wenn sie es nicht lesen und sich nicht damit unterhalten, ist es ebenfalls gut.

Ich beneide und weiß doch nicht, ob ich wirklich beneide diejenigen, über die man eine Biographie schreiben kann oder die ihre eigene Biographie schreiben können. Vermittels dieser Eindrücke ohne Zusammenhang und ohne den Wunsch nach einem Zusammenhang erzähle ich gleichmütig meine faktenlose Autobiographie, meine Geschichte ohne Leben. Es sind meine Bekenntnisse und, wenn ich in ihnen nichts aussage, so, weil ich nichts auszusagen habe.

Was sollte denn wohl jemand bekennen, was wertvoll oder nützlich sein könnte? Was uns zugestoßen ist, ist entweder allen zugestoßen oder uns allein; im einen Falle ist es keine Neuigkeit, im anderen unverständlich. Wenn ich das aufschreibe, was ich fühle, so tue ich es, weil ich so das Fieber zu fühlen senke. Was ich bekenne, hat keine Wichtigkeit, denn nichts hat Wichtigkeit. Ich mache Landschaften aus dem, was ich fühle. Ich mache Ferien aus den Empfingungen. Ich kann gut begreifen, daß Stickerinnen aus Kummer sticken und Frauen Strümpfe stricken, weil es das Leben gibt. Meine alte Tante legte Patiencen während der Endlosigkeit des Abends. Diese Bekenntnisse des Fühlens sind meine Patiencen. Ich deute sie nicht, wie jemand Spielkarten benutzt, um sein Schicksal zu erfahren. Ich horche sie nicht ab, denn in den Patiencen besitzen die Karten keinen eigentlichen Wert. Ich rolle mich auf wie ein buntes Gewebe oder ich mache Stoffpuppen aus mir, wie man sie auf den ausgespreizten Händen webt und von Kind zu Kind weiterreicht. Ich achte nur darauf, daß der Daumen nicht die ihm zugedachte Schlinge verfehlt. Dann drehe ich die Hand herum, und das Bild verändert sich. Und ich beginne von vorn.

Leben heißt Strümpfe stricken aus einer Absicht der Mitmenschen. Dabei aber sind die Gedanken frei, und alle verzauberten Prinzen können in ihren Parks Spazierengehen, während die Elfenbeinnadel mit der umgekehrten Spitze wieder und wieder eintaucht. Hakelei der Dinge . . . Abstand. . . Nichts . . .

Womit kann ich im übrigen bei mir rechnen? Mit einer schrecklichen Schärfe der Empfingungen und dem tiefen Verstehen, eben jetzt zu fühlen . . . Mit einer schneidenden Intelligenz, mich zu zerstören, und mit einer Fähigkeit zu träumen, die es dazu drängt, mich zu unterhalten. . . Mit einem abgestorbenen Willen und einer Reflexion, die ihn einwiegt, als wäre er ein lebendiges Kind. . .  Jawohl, Häkelarbeit. . .

Ich sehe mit Gelassenheit, ohne mehr als ein mögliches Lächeln der Seele, voraus, daß mein Leben für immer auf diese Rua dos Douradores eingeschränkt sein wird, auf dieses Büro, auf diese Menschen und ihre Atmosphäre. Etwas zu verdienen, was mir mein Essen und Trinken sichert, eine Behausung verschafft und einen geringen Spielraum in der Zeit, um zu träumen, zu schreiben und - zu schlafen, was könnte ich mehr von den Göttern erbitten oder vom Schicksal erwarten?

Ich habe ehrgeizige Pläne und ausschweifende Träume gehegt - doch die haben auch der Dienstmann oder die Näherin genährt, denn Träume hegen alle Leute: was uns unterscheidet, ist die Kraft, sie zu verwirklichen, oder die Schicksalsbestimmung, daß sie sich für uns verwirklichen.

In Träumen bin ich dem Dienstmann und der Näherin gleich. von ihnen unterscheidet mich nur, daß ich schreiben kann. Ja, das ist ein Akt, eine mir vorbehaltene Wirklichkeit, die mich von ihnen unterscheidet. In der Seele bin ich ihresgleichen.

Ich weiß wohl, es gibt Inseln im Süden und große kosmopolitische Leidenschaften [. . . ]

Wenn ich die Welt in der Hand hätte, würde ich sie, dessen bin ich sicher, gegen eine Fahrkarte zur Rua dos Douradores eintauschen.

Vielleicht ist es mein Schicksal, ewig ein Buchhalter sein zu müssen, und Dichtung und Literatur sind ein Schmetterling, der sich auf meinem Kopf niederläßt und mich um so lächerlicher erscheinen läßt, je größer seine Schönheit ist.

Ich werde Sehnsucht nach Herrn Moreira verspüren, aber was sind Sehnsüchte gegenüber einer Beförderung?

Ich weiß genau, daß der Tag, an dem ich Buchhalter des Hauses Vasques & Co. werde, einer der großen Tage meines Lebens sein wird. Ich weiß es in bitterer und ironischer Vorwegnahme, aber ich weiß es mit dem geistigen Vorzug der Gewißheit.


(. . .)
Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir ziehen die Summe und gehen vorüber; wir schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns.
(. . .)

An den ersten Tagen des jäh anbrechenden Herbstes, wenn der Einbruch der Dunkelheit vorzeitig wirkt und es den Anschein hat, als hätten wir uns bei dem, was wir über Tage tun, verspätet, genieße ich schon bei der täglichen Arbeit die vorweggenommene Empfindung, nicht zu arbeiten, das die Dunkelheit mit sich bringt, weil es dann Abend ist und Abend Schlaf, Heim und Befreiung bedeutet. Wenn im weiträumigen Büro das Licht angeht und das Büro aufhört, im dunklen zu liegen, und wir den Abend erleben, obwohl wir noch immer am Tage arbeiten, spüre ich ein absurdes Wohlbefinden wie eine Erinnerung an jemand anders. Ich beruhige mich bei dem, was ich schreibe, als ob ich läse, bis ich spüre, daß ich zu Bett gehen werde.

Wir alle sind Sklaven äußerer Umstände: ein sonniger Tag erschließt uns weite Felder mitten in einem Winkel-Cafe; ein Schatten auf dem Feld bewirkt, daß wir uns ins Innere ducken und nur mühsam schützen im türlosen Hause unserer selbst; der einbrechende Abend erweitert, wie ein sich langsam öffnender Fächer, selbst unter lauter Tagesdingen das innere Bewußtsein, sich ausruhen zu müssen.

Dabei aber gerät die Arbeit nicht in Verzug: Sie belebt sich eher. Wir arbeiten nun nicht mehr; wir erholen uns bei der Aufgabe, zu der wir verurteilt sind. Auf dem großen Bogen Linienpapier meines Zahlen reihenden Schicksals beherbergt das alte Haus meiner alten Tanten, abgeschlossen gegen die Welt, urplötzlich den schläfrigen 10-Uhr-Tee und die Petroleumlampe meiner verlorenen Kindheit, die nur auf dem leinengedeckten Tisch glänzt; sie verdunkelt mir mit ihrem Licht das Bild Herrn Moreiras, den eine schwarze Elektrizität unendlich weit jenseits meiner selbst erhellt. Man serviert den Tee das Dienstmädchen, das noch älter ist als die Tanten, bringt ihn noch schlaftrunken herein, mit der geduldigen Mißlaunigkeit zärtlicher langer Vasallenschaft, und ich trage, ohne mich zu irren, einen Posten oder eine Summe durch all meine tote Vergangenheit hindurch ein. Ich sauge mich wieder auf, ich verliere mich in mir, ich vergesse mich in fernen Nächten, unbefleckt von Pflicht und Welt, jungfräulich in Geheimnis und Zukünftigkeit.

Und so sanft ist die Vision, die mich Soll und Haben entfremdet, daß ich, wenn man mir zufällig eine Frage stellt, diese sanft beantworte, so als ob ich mein hohles Sein wirklich besäße, als ob ich nur die Schreibmaschine wäre, die ich mit mir trage, so tragbar wie mein geöffnetes Selbst. Die Unterbrechung meiner Träume schockiert mich nicht: Weil sie so sanft sind, träume ich sie weiter fort unter all dem Reden, Schreiben, Antworten und Unterhalten. Und durch das alles hindurch geht die verlorene Teestunde zu Ende, und das Büro schließt. . . von dem Hauptbuch, das ich langsam schließe, hebe ich meine von nicht vergossenen Tränen erschöpften Augen auf und nehme es mit gemischten Gefühlen hin, daß mit der Schließung des Büros auch mein Traum geschlossen wird; daß ich mit der Geste der Hand, mit der ich das Buch zuklappe, die unwiederbringliche Vergangenheit zudecke; daß ich schlaflos in das Bett des Lebens steige ohne Gesellschaft und ohne Ruhe, in Ebbe und Flut meines vermischten Bewußtseins, wie zwei Gezeiten in der schwarzen Nacht, am Ende des Schicksals von Sehnsucht und Untröstlichkeit.