Was kann ich hoffen?

Die Unsterblichkeit?
Goethe hat dieses Wort nicht gescheut. In seinem Buch Aus meinem Leben, das er mit dem berühmt gewordenen Untertitel Dichtung und Wahrheit versah, beschreibt er einen Vorhang, den er im neuen Theater von Leipzig sah, als er neunzehn Jahre alt war. Auf dem Vorhang war (ich zitiere Goethe) »der Tempel des Ruhms« abgebildet, um den herum sich die großen Schauspieldichter und die Göttinnen der Künste versammelt hatten: »Durch die freie Mitte sah man das Portal des fernstehenden Tempels, und ein Mann in leichter Jacke ging zwischen beiden obgedachten Gruppen, ohne sich um sie zu bekümmern, hindurch, gerade auf den Tempel los; man sah ihn daher im Rücken, er war nicht besonders ausgezeichnet. Dieser nun sollte Shakespeare bedeuten, der ohne Vorgänger und Nachfolger, ohne sich um die Muster zu bekümmern, auf seine eigene Hand der Unsterblichkeit entgegengehe.«

Die Unsterblichkeit, von der Goethe spricht, hat freilich nichts mit dem religiösen Glauben an eine unsterbliche Seele zu tun. Es handelt sich um eine andere, durchaus irdische Unsterblichkeit jener, die nach ihrem Tod im Gedächtnis der Nachfahren weiterleben [...]

Milan Kundera- Die Unsterblichkeit

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Wir besitzen, das steht fest, keinen Weltbegriff, den wir auf das Werk, das wir hervorbringen, anwenden könnten. Wir bringen es hervor, das ist ganz sicher, um uns zu zerstreuen, aber nicht . . .
Wir besitzen, das steht fest, keinen Weltbegriff, den wir auf das Werk, das wir hervorbringen, anwenden könnten. Wir bringen es hervor, das ist ganz sicher, nur um uns zu zerstreuen . . . Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe
Du mußt dein Leben ändern: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik

Peter Sloterdijk

Die Hinaufpflanzungslehre

Die Ehe, evolutionär gedacht

Es dürfte niemanden verwundern, wenn ich das erste Stichwort für die Ausarbeitung einer übungsanthropologischen Sicht auf den Komplex der Humantatsachen erneut bei Nietzsche finde, dem Wiederentdecker des asketischen Feldes in seiner ganzen Breite und Schichtung. In dem Gesang Von Kind und Ehe aus dem ersten Teil von Also sprach Zarathustra, 1883, versucht sich der neue Prophet in der Rolle des Lebensberaters für höhere Menschen:

 ....über dich  hinaus sollst  du bauen.  Aber erst mußt du mir selber

gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele.
Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir

der Garten der Ehe.
Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus

sich rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.
Ehe: so heisse ich den Willen zu zweien,  das Eine zu schaffen,  das

mehr ist als die, die es schufen .... «

 

      Friedrich Nietzsche - Also sprach Zarathustra

 

Was heißt: Hinauf ? Für eine Kritik der Vertikalen

Die zitierte Passage bringt Nietzsches Spezialität, die Aufmerksamkeit für Fragen der Vertikalität in den menschlichen Wert-, Rang- und Leistungsverhältnissen, auf effektvolle Weise ins Spiel. Von ihr ausgehend lassen sich die Leitfragen der Allgemeinen Asketologie schärfer formulieren: Was heißt und zu welchem Ende treibt man das Geschäft des übenden Lebens? In welchem Sinn kann hierbei zwischen Horizontalität und Vertikalität unterschieden werden, ob es sich nun um die aufsteigende Linie von den Eltern zu den Kindern im besonderen handeln soll oder um die Gradation zwischen den Ebenen des übenden Lebens im allgemeinen? [...]

 

Man muß sich vergegenwärtigen, wie sehr Nietzsche hier als Künstler für Künstler spricht: Der Wunsch nach dem Höhertreiben der Unwahrscheinlichkeit zu einem Gebirge aus Gebirgen artikuliert das Äußerste, wozu eine artistische Konfession vorzudringen vermag. Allein der artistische Wille zur Verwandlung der Zukunft in einen Raum grenzenloser Kunst-Erhöhungschancen macht den Schlüsselsatz der zitierten Fortpflanzungsregel begreiflich: „einen Sehaffenden sollst du schaffen . . . ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung“. Diese Regel enthält nicht weniger als Nietzsches Theologie nach dem Tode Gottes: Es wird auch weiterhin Gott und Götter geben, allerdings nur noch menschheits-immanent und allein in dem Maß, wie es Schaffende gibt, die am Erreichten anknüpfen, um höher, schneller und weiter zu gehen.[...]

 

"Nicht den Wind habe ich gesehen, ich habe die Wolken dahinziehen sehen. Nicht die Zeit habe ich gesehen, ich habe das Laub fallen gesehen." Eduardo Chillida
"Der Raum ist das Lebendigste von allem, was uns umgibt. Er ist wie ein Geist." Eduardo Chillida

Martin Heidegger

Was ist das Wohnen?

1. Bauen ist eigentlich Wohnen.
2. Das Wohnen ist die Weise, wie die Sterblichen auf der Erde sind.
3. Das Bauen als Wohnen entfaltet sich zum Bauen, das pflegt,       

    nämlich das Wachstum, und zum Bauen, das Bauten errichtet.

 

Wir wohnen nicht, weil wir gebaut haben, sondern wir bauen und haben gebaut, insofern wir wohnen, d. h. als die Wohnenden sind. Doch worin besteht das Wesen des Wohnens? Hören wir noch einmal auf den Zuspruch der Sprache: Das altsächsische «wunon», das gotische «wunian» bedeuten ebenso wie das alte Wort bauen das Bleiben, das Sich- Aufhalten. Aber das gotische «wunian» sagt deutlicher, wie dieses Bleiben erfahren wird. Wunian heißt: zufrieden sein, zum Frieden gebracht, in ihm bleiben. Das Wort Friede meint das Freie, das Frye, und fry bedeutet: bewahrt vor Schaden und Bedrohung, bewahrt - vor . . . d. h. geschont. Freien bedeutet eigentlich schonen. Das Schonen selbst besteht nicht nur darin, daß wir dem Geschonten nichts antun. Das eigentliche Schonen ist etwas Positives und geschieht dann, wenn wir etwas zum voraus in seinem Wesen belassen, wenn wir etwas eigens in sein Wesen zurückbergen, es entsprechend dem Wort freien: einfrieden. Wohnen, zum Frieden gebracht sein, heißt: eingefriedet bleiben in das Frye, d. h. in das Freie, das jegliches in sein Wesen schont. Der Grundzug des Wohnens ist dieses Schonen. Er durchzieht das Wohnen in seiner ganzen Weite. Sie zeigt sich uns, sobald wir daran denken, daß im Wohnen das Menschsein beruht und zwar im Sinne des Aufenthalts der Sterblichen auf der Erde.

 

Cosmin Neidoni

Über die dreifache Notwendigkeit der Kunst bei Nietzsche

 

Philosophie will, was Kunst will, dem Leben und dem Handeln möglichste Tiefe und Bedeutung geben - M. Djuric

Kunst ist ein Lächeln, vielleicht das letzte Lächeln des Lebens - Lucian Blaga

 

In der ganzen Philosophie bis heute - sagte Nietzsche - fehlt überhaupt der Künstler. Unsere Religion, Moral und Philosophie sind décadence–Formen des Menschen.

 

Für Nietzsche gibt es keine Objektive Wahrheit, alles ist Interpretation, so daß der Künstler-Philosoph nicht analysiert, sondern er interpretiert nur mit Hilfe der Philosophie, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben. In diesem Sinne ist Kunst als Organon der Philosophie zu verstehen, und das bedeutet so wie T. Mayer in seinem Buch über Nietzsche sagte:


1. Die neue Philosophie muß eine künstlerische sein, das heißt: die Welt wird

    schöpferisch und nicht logisch, prinzipiell interpretiert.
2. Der Künstler-Philosoph soll nicht erkennen, sondern schaffen.
3. Nicht kritische Analyse, sondern produktive Naivität macht das Wesen des Künstlers aus.

 

Kunst als Notwendige Lüge. Warum ist Kunst eine Lüge, und inwiefern ist sie als Lüge notwendig [...]

 

     Friedrich Nietzsche    ca. 1875

 

Friedrich Nietzsche

Der Wille zur Macht als Kunst

 

Die Grund- und die Leitfrage der Philosophie
Die allgemeine Kennzeichnung des Willens als des Willens zur Macht wurde vorgetragen, um das Blickfeld, in das wir jetzt hineinfragen, Um einiges aufzuhellen.

Wir beginnen die Auslegung des III. Buches: »Prinzip einer neuen Wertsetzung« mit dem 4. und letzten Kapitel: »Der Wille zur Macht als Kunst«. Indem wir zunächst in den Hauptzügen deutlich machen, als was Nietzsche die Kunst begreift und wie er die Frage nach ihr ansetzt, wird zugleich klar, warum eine Auslegung des Kernstückes des Willens zur Macht gerade hier, bei der Kunst, beginnen muß.

Dabei ist allerdings entscheidend, daß die grundsätzliche philosophische Absicht der Auslegung festgehalten wird. Sie sei erneut eingeschärft. Die Frage steht darnach, was das Seiende sei. Diese überlieferte »Hauptfrage« der abendländischen Philosophie nennen wir die Leitfrage. Aber sie ist nur die vorletzte Frage. Die letzte und d. h. erste lautet: Was ist das Sein selbst?

Diese allererst zu entfaltende und zu begründende Frage nennen wir die Grund-frage der Philosophie, weil in ihr die Philosophie erst den Grund des Seienden als Grund und zugleich ihren eigenen Grund erfragt und sich begründet [...]

 

Friedrich Hölderlin

 

Pirmin Stekeler-Weithofer

Hölderlins philosophische Dichtung

 

Ich will an einem von Heidegger selbst an verschiedenen Stellen, aber immer nur im Ansatz und ausschnitthaft diskutierten Beispiel vorführen, wie das zu verstehen ist. Der folgende Deutungsversuch der wesentlichen Teile des Gedichtfragments „Mnemosyne I/II“ von Friedrich Hölderlin führt dabei nicht nur unser Thema fort, sondern zeigt gerade gegen Heideggers eigene Auslegungen von Passagen etwa im Hölderlin - Buch, wie das von uns gesuchte Denken wesentlich im Fragen beruht.

 

Zunächst ist zu beachten, dass Hölderlin den Teil b. aus einem anderen Gedichtfragment mit dem Titel „Die Nymphe“ übernommen hat. Gemeint ist natürlich die Nymphe Echo. Hölderlin hat also die Teile a. und b. in ein neues Gedicht zum Thema ‚Erinnerung‘ oder ‚Gedenken‘ zusammenzufügen versucht. Diesen Versuch hat er am Ende aufgegeben und der ‚Endfassung‘ in Mnemosyne II einen ganz anderen Anfang gegeben, also die Passagen aus a gestrichen.

 

Die erste Frage an unser Fragment Mnemosyne I (dessen übliche ‚Endfassung‘ in traditionellen Hölderlin-Ausgaben übrigens nicht von Hölderlin selbst stammt) ist diese: Was heißt es zu sagen, dass wir ein Zeichen sind? Diese Frage hilft uns Heidegger zu beantworten, indem er uns einfach darauf aufmerksam macht, dass ein Zeichen etwas ist, das etwas zeigt. Daher sagt der Satz, dass wir ein Zeichen seien, das Folgende: Wir sind Wesen, die etwas zeigen können [...]