Du mußt dein Leben ändern - Über Anthropotechnik

 

Peter Sloterdijk

 

HÖHENPSYCHOLOGIE

DIE HINAUFPFLANZUNGSLEHRE

UND DER SINN VON »ÜBER«

 

Die Ehe, evolutionär gedacht

Es dürfte niemanden, der bereit war, meine Überlegungen bis hierher zu begleiten, verwundern, wenn ich das erste Stichwort für die Ausarbeitung einer übungsanthropologischen Sicht auf den Komplex der Humantatsachen erneut bei Nietzsche finde, dem Wiederentdecker des asketischen Feldes in seiner ganzen Breite und Schichtung. In dem Gesang Von Kind und Ehe aus dem ersten Teil von Also sprach Zarathustra, 1883, versucht sich der neue Prophet in der Rolle des Lebensberaters für höhere Menschen:

 

»Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe ich die Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie sei.
Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf?
Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.
Oder redet aus deinem Wunsch das Thier und die Notdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?
Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.
Über dich hinaus sollst du bauen. Aber erst mußt du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele.
Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe.
Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.
Ehe: so heisse ich den Willen zu zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist als die, die es schufen . ... «

 

Wie immer bei der Lektüre des Zarathustra darf man sich auch hier von dem evangelischen Ton nicht in die Irre führen lassen. Wir haben es in der Sache nicht mit neu-religiösen Instruktionen zu tun, vielmehr mit neu-asketischen Traineranweisungen. Sie betreffen im gegebenen Fall nicht eine gymnastische oder athletische Leibesübung, vielmehr beziehen sie sich auf die sexuelle Diät, genauer die innere Haltung, die erreicht sein sollte, bevor die natürlichen Folgen menschlichen Fortpflanzungshandelns zu bejahen wären. Was Nietzsches prophetisches Double vorbringt, ist nicht weniger als ,eine Kritik der linearen Generationenfolge. Demnach sind Kinder, die ihren Eltern im status quo ähneln, überflüssig, genauer: überflüssige Repliken überflüssiger Originale. Von dem Grund ihrer Überflüssigkeit wird man gleich Näheres hören.

Aus der Sicht des neuen Prokreationstrainers (Reproduktion, Fortpflanzung. Von Latein procreatio (= Generation)) hat jede Ehe als Mesalliance (nicht standesgemäße Ehe, unglückliche Verbindung, Beziehung) zu gelten, in der sich bloß die Naturautomatik oder die Sozialmechanik des Kinderwunschs durchsetzt. Da der Mann, wie Nietzsche zu wissen meinte, für das »echte Weib« bislang nur das Mittel zum Kind war, muß dem wohldressierten Frauenversteher, diesem düpierten Erfüller weiblicher Wünsche, künftig ein Ratgeber zur Seite treten, der ihn zur Ausschau nach anderen Frauen ermuntert: nach ebenbürtigen, die den Gatten nicht zur »Magd eines Weibes« machen wollen, sondern mit ihm eine Gemeinschaft zur Verfolgung noblerer Ziele bilden. Daß das primäre Ziel der besseren Ehegemeinschaften einige Verse später mit dem nachmals politisch und massenkulturell belasteten Ausdruck - Übermensch bezeichnet wird (Walter Kaufmann, der Interpret des amerikanischen Zarathustra, übersetzt »Übermensch- unerschrocken mit superman), soll uns nicht beunruhigen. Es wäre nicht das erste Wort aus dem Lexikon des philosophischenjugendstils, das nach einer systematischen und sportiven Übersetzung akzeptable Bedeutungen zurückgewinnt - man denke an verwelkte Artikel wie den elan vital, das Fluidum, die Sinngebung des Sinnlosen, die schöpferische Pause usw., die heute unter neuen Firmenschildern zu einem zweiten, dritten, n-ten Leben erwachen.

Es geht mir hier nicht darum. das Verhältnis von Genetik, Pädagogik, Diätetik und Artistik in Nietzsches Forderung nach „Hinaufpflanzung“ zu untersuchen. Ich begnüge mich mit dem Hinweis. daß der biologische Part in diesem Projekt neben den drei anderen Momenten praktisch vernachlässigt werden kann. Es gibt bei Nietzsche - trotz okkasioneller Reden von Züchtung - keine Eugenik, jedenfalls nicht mehr, als in der Empfehlung einer Partnerwahl bei guter Beleuchtung und intakter Selbstachtung enthalten ist. Alles übrige fäillt auf die Seite von Dressur, Disziplin, Erziehung und Selbstentwurf - der Übermensch impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: ein akrobatisches Programm. Was in den zitierten Ehe-Empfehlungen zu denken gibt, ist allein der Unterschied zwischen Fortpflanzung und Hinaufpflanzung. Sie gehen mit einer Kritik der bloßen Wiederholung einher - offensichtlich soll es künftig nicht mehr genügen, wenn Eltern, wie man so sagt, in ihren Kindern wiederkehren. Es mag ein Recht auf Unvollkommenheit geben, ein Recht auf Trivialität besteht nicht.

 

Was heißt: Hinauf ? Für eine Kritik der Vertikalen

Die zitierte Passage bringt Nietzsches Spezialität, die Aufmerksamkeit für Fragen der Vertikalität in den menschlichen Wert-, Rang- und Leistungsverhältnissen, auf effektvolle Weise ins Spiel. Von ihr ausgehend lassen sich die Leitfragen der Allgemeinen Asketologie schärfer formulieren: Was heißt und zu welchem Ende treibt man das Geschäft des übenden Lebens? In welchem Sinn kann hierbei zwischen Horizontalität und Vertikalität unterschieden werden, ob es sich nun um die aufsteigende Linie von den Eltern zu den Kindern im besonderen handeln soll oder um die Gradation zwischen den Ebenen des übenden Lebens im allgemeinen? Woher bezieht Nietzsche seine Überzeugung, im Bewegungsindex „Fort“ liege ein geringerer Wert als in 'Hinauf“. Aus welchen Quellen gewinnt er sein Wissen darüber, was in solchen Angelegenheiten Oben und Unten bedeuten? Wie und wodurch kann überhaupt auf diesem Feld eine Leistung, eine Lebensform, eine Seinsweise ülber einer anderen stehen? Woher stammen die Kriterien für „Über“-Urteile? Sind sie den Verhältnissen immanent oder werden sie von außen herangetragen? Warum ist für Nietzsche das Weitermachen in der Ebene nicht mehr der höchste Wert - wie für das Gros gestandener Traditionsmensehen aller Zeiten und Völker -, und welche Motive bestimmen seine Überzeugung, eine Fortsetzung des Spiels der Replikationen sei nur dann bejahbar und nicht-trivial, wenn sie eine Steigenıng mit sich bringt?

Diese Fragen machen klar: Ohne eine „Kritik der Vertikalen“ kommen wir in diesen Überlegungen zum Wesen der Übungsrichtungen nicht weiter. Denn bei der pädagogischen, der athletischen, der akrobatischen, der künstlerischen, letztlich also bei jeder symbolischen oder „kulturell“ vermittelten Interpretation der Wörter -“Oben“ und „Über“ wird offensichtlich ein zweiter Raum-Sinn angesprochen, der die primären Orientierungen im physischen oder geographischen Raum überlagert. Diese beiden Raum-Sinne sind evolutionär gleichaltrig - ja, es ist nicht auszuschließen, daß dem hier so genannten zweiten Sinn, zumindest in entwicklungspsychologischer Sicht, der Vorrang vor dem ersten gebührt. Der Grund hierfür ist nicht esoterisch: jedes Infans erfährt im Verhältnis zu seiner Mutter ein prä-symbolisches und überräumliches Oben, zu dem es aufblickt, ehe es laufen lernt. Auch Väter und Großeltern sind „da oben“ und zwar lange bevor das Kind beginnt, im Spiel Türme aus Elementen aufzustellen und irgendeinen Stein als obersten auf die übrigen zu legen. Dann kann es seine Bauwerke umwerfen und die Erfahrung machen: Den selbstgemachten Konstrukten bleibt man überlegen. Es genügt zu beobachten, wie das obere Klötzchen nach dem Umsturz wieder da liegt, wo es herkam. Das stiftet eine Erfahrung primitiver Souveränität, die bis in die Kritikspiele der Erwachsenen fortgebildet wird – jede Dekonstruktion ist ein Türmchen-Spiel mit den Klassikern. Hingegen kann das Kind die eingelebte polarische Situation mit den Eltern da oben und sich selbst da unten nicht in derselben Weise umstoßen. Es bleibt auf der Erlebensebene, psychotische Deregulierungen ausgenommen, in eine stabile Vertikalspannung einbezogen, womöglich bis in ein Alter, in dem es physisch seinen Erzeugern längst über den Kopf gewachsen ist. Aus dem „Aufblick“ der Kinder zu den Eltern und den Erwachsenen im allgemeinen, darunter besonders zu den Kulturheroen und Wissensvermittlern, entwickelt sich ein psychosemantisches Koordinatensystem mit einer ausgeprägten Vertíkaldimension. Fast könnte man sagen, die Welt der frühen Psyche sei monarchisch.

Nietzsche setzt in seinem Zarathustra den Untergang des viertausendjährigen Reichs der Monarchien als Tatsache voraus. Die psychopolitische Lage, in der er sich als Fortpflanzungsberater nützlich machen will, ist also nicht allein durch den Satz „Gott ist tot“ geprägt, sondern ebenso durch die These „Der König ist tot”. Während der erste Satz bei Nietzsche den Zusatz „Gott bleibt tot“ erhalten muß - das ist das Neue an der Botschaft des Tollen Menschen, ob man sie nun als schlechte Nachricht hört oder als Evangelium begrüßt -, folgt auf den zweiten, dem alten Ritualgesetz zufolge, die Proklamation: „Es lebe der König“- Auch Nietzsche ordnet sich diesem Gesetz unter, nicht ohne es auf eine abstraktere Stufe zu heben. Zwar haben die empirischen Könige aufgehört, eindrucksvoll zu sein, und stehen nur noch im Sinne des Protokolls und des Boulevards „oben“, die Königsfunktion als solche jedoch, als Attraktionspol des reinen Oben, Über und Hinauf verstanden, bleibt ihrer Zerrüttung im Realen bei vielen Individuen imaginäir intakt und verlangt nach einer neuen Interpretation. Die Ersetzung der Könige durch Präsidenten und Prominente bietet für die bezeichnete Aufgabe keine Lösung. Sie regelt das Problem an der Oberfläche, ohne auch nur die Notwendigkeit zu bemerken, das Prä der Präsidenz und das Pro der Prominenz neu zu definieren.

 

Artistenzeit

Allein im Rahmen einer umfassenden Reform des Vertikalsystems unter sämtlichen psycho-semantischen und kulturdynamischen Aspekten kann die zarathustrische Kritik der profanen Fortpflanzung angemessen gewürdigt werden. Mit „Gott“ ist auch sein Vasall, der bisherige Mensch, gestorbem und wer einen Nachfolger proklamieren soll, hat zur Kenntnis zu nehmen, daß der Mensch, der herkömmliche Repräsentant der von Gottesvorstellungen gesteuerten symbolic-species, „tot bleibt“. Will man das Ritualgesetz befolgen und unter den neuen Bedingungen einen lebenden König proklamieren, hätte man sich nach einem Kandidaten umzusehen, der weder König noch Mensch im herkömmlichen Sinn ist. Hierfür kommt nur ein Wesen in Frage, das aufgrund besonderer Merkmale aus dem Horizont des gewöhnlichen Mensehseins herausfällt - ein Geschöpf. in hinreichendem Maß unmenschlich oder nach-menschlich, um den Ansprüchen der bizarren Thronfolge zu genügen. Nach allem, was wir über menschliche Lebensformen im allgemeinen und über Nietzsches Ansichten von ihnen im besonderen wissen, ist für diese Rolle nur eine Figur aus dem Pandämonium (Gesamtheit aller Dämonen, Schreckgestalten, Ort der Dämonen, des Grauens) des Menschliehen in Betracht zu ziehen: der Artist oder, genauer, der Akrobat. Mit ihm hat vor langer Zeit die Unterwanderung des Menschlichen durch das radikal Künstliche eingesetzt - könnte er die Figur sein, für die nun große Zeiten anbrechen?

Wir erinnern uns: Zarathustras erste Eroberung auf seinem Weg von der Höhe in die Städte war ein abgestürzter Seiltänzer, der von sich selber sagte, er sei zu Lebzeiten nicht viel mehr gewesen als ein durch Schläge und Futter dressiertes Tier. Akzeptiert man von ihm einen ersten Hinweis auf mögliche Bedeutungen des Reizworts „Übermensch”, so ergibt sich das Bild eines Lebewesens, das ständigen Dressuren unterworfen ist und Anpassungen an das Unwahrscheinliche am eigenen Leib vollzieht: Ein solcher „Übermensch” steht zum einen, wegen der physischen Dimension seiner Kunst, näher an der Animaliıät als der gebildete Bürger, zum anderen, wegen der Enthebung aus der alltäglichen Sphäre durch die tägliche Berufsgefahr, näher an einer außermenschlichen Dimension. Wer auf dem Hochseil balanciert, lebt davon, daß er den Zuschauern einen Grund liefert, nach oben zu schauen. Niemand würde hinaufsehen, gäbe es dort nicht effektive Attraktoren: die Gefahr, in welcher der Artist fortwährend schwebt, die verkörperte Bravour, die ihn bei jedem Schritt rettet, und die Überwindung der Unmöglichkeit, durch die ihr Bezwinger zwischen dem Abgrund rechts und dem Abgrund links dahingeht wie der Alltagsmensch von der Haustür in die gute Stube. So mag der ominöse Übermensch im übrigen beschaffen sein, wie er will, er bringt Merkmale mit, die ihn von den Altmenschen so unterscheiden, wie sich der Seiltänzer von den Zuschauern unterschied. Im übrigen hat schon Thomas Mann in dem Pariser Zirkus-Kapitel seiner Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull durch den Mund des Protagonisten die Zugehörigkeit der Artisten zum gewöhnlichen Menschengeschlecht vehement geleugnet. Von der Trapezkünstlerin Andromache, der „Tochter der Luft“, wird dort gesagt, sie sei weder eine Frau im landläufigen Sinn des Worts noch überhaupt ein menschliches Wesen. Ihrer wahren Natur nach sei sie ein „ernster Engel der Tollkühnheit“. Ähnlich Jean Genet: „Wer, wenn er normal und bei Verstand ist, geht schon auf einem Seil oder drückt sich in Versen aus? Mann oder Frau? Auf alle Fälle Ungeheuer“.

Das „Über“ in „Übermensch“ deutet zunächst allein auf die Höhe, in der sein Seil über den Köpfen von Zuschauern gespannt wird. Ich denke, man tritt Nietzsche nicht zu nahe mit der Feststellung, daß sich unter der romantischen Maske seines meistzitierten Gedankens fürs erste nichts anderes als eine Prominenz-Phantasie verbirgt - sofern man unter Prominenz die Kategorie der sehenswürdigen Menschen versteht - sehenswürdig unter Kriterien, über die zu reden bleibt. Ob die Hervor-Steher und Heraus-Rager (lateinisch: promínere, hervorstehen, eminere, herausragen) über Hochseile, Laufstege oder rote Teppiche gehen, ist nur eine technische Differenz. Worauf es ankommt, ist die Position des Monstrums (von lateinisch monere, ein Mahnzeichen aufrichten), bei dem das in strengen Trainings gesteigerte Können und dessen Exposition in totaler Sichtbarkeit zu einem einzigen Komplex zusammengezogen sind. In diesem Sinn liefert die Prominenz, nach der Artistik und mit dieser im Bündnis, den zweiten Impuls zur Subversion des Menschenwesens durch ein nicht-menschliches Prinzip. Nietzsche stellt durch seine hysteroide Übermensch-Propaganda letztlich nur die Möglichkeit sicher, neue Seile über den Köpfen zu spannen, zu denen hinaufzuschauen sich lohnt. Das „Über“ bezeichnet hier die Dimension Aufblick. Der Mensch des „Über“ ist der Artist, der den Blick dorthin zieht, wo er agiert. Für ihn heißt Dasein - da oben sein.

An dieser Stelle wird der Einwand fällig, der Artist Nietzsche sei doch in erster Linie ein Evolutionist gewesen, ein Biologist sogar der schlimmeren Sorte, bei dem man die faule Geste seines Jahrhunderts - den Verrat an der Welt des Geistes im Namen eines Naturalismus ohne Grenzen - exemplarisch beobachten kann. Was anders sollte es heißen, den „Mensehen in die Natur zurück übersetzen“ zu wollen? Hatte Nietzsche nicht wirklich eine gefährliche Konversion vollzogen, die ihn seinen Anfängen entfremdete? Hat er sich nicht von Schopenhauer, dem letzten Denker der Entsagung abgewendet, um ins Lager Darwins überzugehen, des Meisterdenkers der Affirmation durch Anpassung? Hat er die Idee des Lebenserfolgs durch Anpassung nicht sogar zu der noch gefährlicheren Doktrin des Erfolgs durch Eroberung vorangetrieben - wobei diese Umkehrung der Anpassungsrichtung ganz auf der Linie eines biologisch fundierten, meta-biologisch überhöhten Machtbegriffs lag? Wenn Nietzsche im bereits zitierten Prolog von Also sprach Zarathustra den Propheten in seiner ersten Ansprache an das Stadtvolk sagen läßt: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Überrnensch - ein Seil über einem Abgrunde . . .“. hört man dann nicht, neben manchem anderen, vor allem die Stimme des Biologen, der darauf insistiert, hinsichtlich von homo sapiens sei das letzte Wort der Evolution noch nicht gesprochen?

 

Naturakrobatik auf dem Mount Improbable

Dieser Einwand gegen die artistisch-akrobatische Lesart des Begriffs „Übermensch“ ist nicht stichhaltig, und zwar deswegen nicht, weil die Dimension des Artistischen sich der verbrauchten Trennung von Natur und Kultur nicht fügt. Die Evolutionsbiologie ınacht ihrerseits nur Sinn, wenn sie als eine Lehre von der Artistik der Natur betrachtet wird. Unter der Optik Darwins verwandelt sich die Natur selbst in einen Zirkus, in dem die Arten durch unablässige Wiederholung der einfachsten Prozeduren, bekannt als Variation, Selektion, Vererbung, sich zu den unglaublichsten Darbietungen emporschrauben, und dies in der Regel ko-evolutionär, ko-opportunistisch, in art-übergreifenden Ensembles – man denke allein an die 9oo Arten von Feigen, die es weltweit gibt: Von diesen besitzt jede einzelne eine nur zu ihr gehörige Species von Feigenfliegen, die in den Früchten leben und ohne welche keine der Feigenarten sich fortpflanzen könnte.“ Nietzsche erwähnt unter den artistischen Erfindungen der Kultur solche, die dem Naturkunstwerk „Weibes Busen“ gleichkommen, diesem Meisterstück vormenschlicher Evolutionsartistik, das zugleich „nützlich und angenehm“ sei. Was man Leben nennt, ist durch das Opernglas der Evolutionstheorie betrachtet nichts anderes als ein unermeßlich formenreiches Varieté, in dem jede Kunstsparte, das heißt jede Species, das Kunststück der Kunststücke zu vollbringen versucht, das Überleben heißt. Es gibt keine Species, die nicht auf ihre Weise, dem Seiltänzer Nietzsches analog, die Gefahr zu ihrem Beruf gemacht hätte. Wenn man von Naturhistorikern hört, weit über 90% der zahllosen je entstandenen Arten seien ausgestorben (beispielsweise allein in den letzten Jahrhunderten 150 der bekannten 9800 Vogelarten), so nimmt der  „Berufsrisiko” eine nicht-triviale Bedeutung an. Im Blick hierauf wird die Biologie zur historischen Thanatologie.

Spricht man hingegen von aktuellen Lebensformen, muß man, gerade als Naturalist, ihre Erfolgsgeschichten erzählen können und die Prinzipien ihrer Durchsetzung beleuchten - und dabei sagen, wie es ihnen gelang, bis heute auf der Seite der Überlebenden zu bleiben. An ein Unternehmen in dieser Art hat sich der Star-Biologe Richard Dawkins vor gut einem Jahrzehnt gewagt, als er in einer populären Vorlesungsreihe des Royal Institute - von der BBC unter dem scheinbar kinderfreundlichen Titel Growing Up in the Universe ausgestrahlt - die Geschichte des Lebens und seiner imposantesten Erfolgsformen erzählte.“ Der Buchtitel der Vorträge, Climbing Mount Improbable, stellt einmal mehr Dawkins' Fähigkeit unter Beweis, sein Fach mit anschaulichen Formulierungen zu popularisieren. Im gegebenen Fall hat er höher getroffen, als er gezielt hatte. Die Naturgeschichte - als Kletterpartie im Gebirge der Unwahrscheinlichkeiten beschrieben - wird unmittelbar zu einer naturartistischen Affaire, wobei man nicht entscheiden kann, und glücklicherweise auch nicht entscheiden muß, ob der Aufstieg auf Mount Improbable von den Arten zurückgelegt wird oder von dem Biologen, der sie erforscht. Vermutlich ist das Bild vom Erklettern der Unwahrscheinlichkeitsgipfel selbst unzulänglich, weil der Aufstieg der Arten ja nicht als Bezwingung eines schon vorab existierenden Gipfels verstanden werden kann. Vielmehr bedeutet er in seinem Verlauf selbst die Auffaltung des Gebirges zu seiner aktuellen Höhe. Hinter dem Bild vom Aufstieg zum Berg des Unwahrscheinlichen verbirgt sich die tiefere Figur der Emergenz eines Gipfels, der von trivialen evolutionären Kräften aus dem Wahrscheinlicheren ins Unwahrscheinlichere emporgehoben wird. Aber ob man den Weg zum Gipfel als ein Erklettern oder als eine Hebung des ganzen Massivs auffaßt, die Naturgeschichte erhält in dieser Betrachtung von sich her eine immanent artistische Dimension. Der Ausdruck „Überleben“ ist ein Codewort für Naturakrobatik. Immerhin, die Frage, wer der Natur bei ihren Kunststücken zusieht, ist aus menschlicher Sicht nicht zu beantworten - der einzige Beobachter, den wir dingfest machen können können, ist der Biologe, doch dieser betritt das Theater der Evolution mit einer Verspätung von Hunderten von Millionen Jahren.

Nach dem Gesagten liegt es nahe, das „Über” in „Überleben“ wie das „Über“ in „Übermensch“ auf die Dimension der wachsenden Unwahrscheinlichkeiten zu beziehen. Während das Aussterben stets das wahrscheinlichere Resulat der Lebensversuche einer Species wäre und das Stagnieren des Menschen in einer Endfonn von Menschsein allemal den wahrscheinlichern Ausklang der Menschheitsgeschichte darstellte - für den im übrigen die Ventreter eines vorgeblichen „Rechts auf Unvollkommenheit“ nicht ohne Selbstgefälligkeit eintreten -, verkörpern das Überleben und die Überhumanisierung gemeinsam die Tendenz zum Aufstieg vom Wahrscheinlichen ins weniger Wahrscheinliche. Eine überlebende Species verkörpert das aktuelle Glied in einer Kette von Replikationen, der die Stabilisierung ihrer Unwahrscheinlichkeit gelungen ist. Nimmt man an, daß eine stabilisierte Unwahrscheinlichkeit umgehend zum Basislager weiterer Aufstiege wird, so hat man die Grundlagen zum Verständnis der evolutionären Drift in Richtung auf den Gipfel des Mount Improbable gewonnen.

Die Rede des Biologen von den Gipfeln des Unwahrscheinlichen gibt somit auf die oben gestellte Frage nach dem Sinn des „Hinauf“ in Zarathustras Gebot- „Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf“ - eine im Kontext aktuellen Wissens plausible Antwort. Nach ihr geht es in der Evolution als solcher imıner schon “hinauf - in dem Sinn, daß sie ein Kontinuum von Lebensformexperimenten zu ständig erhöhten Ebenen stabilisierter Unwahrscheinlichkeit errichtet. Selbstverständlich ist das kein geplanter Fortschritt, und doch als Bewegung zu wachsender Komplexität ein unmißverständlich gerichteter Prozeß. Der Gegensatz zwischen „fort“ und „hinauf“ löst sich in der Abfolge der Generationen von selbst auf, weil alle Arten, die in synchroner Sicht stabile Endformen zu verkörpern scheinen, bei diachroner Betrachtung über große Zeiträume als momentane Zustände innerhalb einer im einzelnen unvorhersehbaren, insgesamt jedoch „nach oben“ weisenden genetischen Drift erkennbar werden. Die globale Drift im Fitnessstrom zeigt für die mit dem Überleben belohnten Arten eine ansteigende Tendenz - und genau diesen Tendenzzug: daß der Strom kontra-intuitiv bergauf fließt, beschreibt Dawkins mit dem Bild vom Klettern auf den Höhen des Unwahrscheinlichen.


„Die Höhen der Evolution sind nicht im Schnellgang zu erreichen. Selbst die schwierigsten Probleme sind zu lösen, und die steilsten Höhen lassen sich erklimmen, wenn man nur einen langsamen, allmählichen, Schritt für Schritt gangbaren Weg findet“


"Man" sind die „esgoistischen“ Gene, die beim permanenten Realitätstest des Species-Lebens zugleich fort und hinaufgereicht werden.

Nietzsches “Artisten-Metaphysik“ kann an den Vorgaben der darwinistischen Biologie unbemüht anknüpfen. Unter dem Aspekt der Unwahrscheinlichkeitsbetrachtung sind natürliche Arten und "Kulturen" - letztere definiert als traditionstüchtige Menschengruppen mit einem hohem Dressur und Kunstfertigkeitsfaktor - Phänomene auf demselben Spektrum. In der Naturgeschichte der Artifizialität stellt die Natur-Kultur-Schwelle keinen besonders nennenswerten Einschnitt dar, allenfalls einen Höcker in einer Kurve, die von diesem Punkt an schneller steigt. Das einzige Privileg der Kultur gegenüber der Natur besteht in ihrer Fähigkeit, die Evolution als Kletterpartie auf dem Mount Improbable zu beschleunigen. Beim Übergang von der genetischen zur sym-bolischen oder „kulturellen“ Evolution akzeleriert (beschleunigen schneller werden lassen schneller werden ein bestimmtes Beschleunigungsvermögen haben) sich der Gestaltprozeß bis zu dem Punkt, an dem die Menschen auf die Erscheinung des Neuen zu eigenen Lebzeiten aufmerksam werden.  Von da an nehmen Menschen zu ihrer eigenen Innovationsfähigkeit Stellung - und zwar bis vor kurzem fast immer ablehnend.

 

Primärer Konservatismus und Neophilie

Wahrend der letzten vierzigtausend Jahre der Humanevolution bestand die Standardreaktion auf das Auffälligwerden von zusätzlicher Unwahrscheinlichkeit, soweit man sieht, in bedingungsloser Abwehr. An ihren habituellen Oberflächen sind alle alten Kulturen, bis zurück zu den paläolithi-schen Frühformen, konservativer als konservativ. Sie scheinen von einer viszeralen Innovationsfeindschaft durchdrungen, vermutlich weil sie von der Aufgabe, ihre bewußten Inhalte, ihre symbolischen und technischen Konventionen leistungskonstant auf die folgenden Generationen zu übertragen, schon bis an die Grenze ihres Vermögens beansprucht werden. Kulturen als solchen liegt durchwegs der Grundwiderspruch zwischen der ererbten neophilen Einstellung von homo sapiens und der zunächst unvermeidlich neophoben Verfassung der Regelapparate zugrunde. Weil die Reproduktion ihrer rituellen und kognitiven Inhalte ihre erste und einzige Sorge bildet, ist ihr Weg durch die Zeiten massiv neoklastisch - der Sturm gegen das Neue im allgemeinen geht den besonderen Bilderstürmen um vielejahrtausende voraus. Auf einen Catilina, einen rerum novarum eupidum, kommen zehntausend Bewahrer des Alten vom Typus Cato. Da aber auch die stabilsten Kulturen stetig von symbolischen und technischen Innovationen unterwandert werden, sei es durch Erfindungen am eigenen Herd, sei es durch Kontaktinfektionen mit den Künsten der Nachbarkulturen, praktizieren sie die List, die Neuheit des neu Aufgenommenen zu camouflieren und die einmal eingedrungenen und nolens volens integrierten Elemente dem Vorrat des eigenen Ältesten anzuverwandeln, als gehörten sie seit jeher zum häuslichen Kosmos. In solch einer Eingliederung des Neuen ins Archaische besteht eine der Hauptfunktionen des mythiıchen Denkens; erlebte Unwahrscheinlichkeiten, seien sie Ereignisse oder Innovationen, als solche unsichtbar zu machen und das invasive Neue, das nicht zu ignorieren war, in den „Ursprung“ zurückzudatieren. Unverkennbar sind noch die Vorliebe der Metaphysik für das Substantielle und ihr Ressentiment gegen das Akzidentielle Abkömmlinge der mythischen Denkform.

Man kann nie genug betonen, wie tief die jüngere, im europäischen 15. Jahrhundert einsetzende Positivierung des Neuen in die mentalen Ökosysteme der Schwellenvölker eingeschnitten hat. Sie kommt der Umwertung aller Werte gleich, weil sie die älteste Zivilisationsparadoxie, wonach neophile Individuen in neophoben Sozialstrukturen lebten, auf den Kopf gestellt hat. im Lauf der jahrhunderte drängen sie die meisten Menschen in eine unfreiwillige neophobe Position, aus welcher sie dem Innovationsrausch der umgebenden Zivilisation noch kaum zu folgen imstande sind. Dieser Wandel bricht mit der Maiestät des Alten und überträgt die Kônigsfunktion auf jene, die das Neue bringen. Wer jetzt „Es lebe der König ruft” muß Innovatoren, Autoren, Vermehrer des kulturellen Patrimoniums meinen. Nur weil die Neuzeit das Weltalter der Neolatrie eröffnet hat, konnte Nietzsche eine Trendverschärfung wagen und radikal veränderte Fortpflanzungsregeln empfehlen. Während Fortpflanzung bisher immer dem Primat der erzeugenden Seite unterstand und an der geglückten Wiederkehr des Alten im Jüngeren sein Erfolgskriterium besaß, soll in Zukunft das Kind den Vorrang genießen - diesen erlangt es, wenn es, wie Nietzsche unmißverständlich sagt, das Eine wird, das mehr ist als die zwei, die es schufen. Dieienigen, die das nicht wollen, heißen letzte Mensehen.

 

Artistenmetaphysik

Die evolutionären Voraussetzungen für diese Wende sind deutlich zu benennen, auch wenn die Folgen unabsehbar bleiben: Sie liegen in den neolatrischen Wertungen der europäischen Renaissance, die letztlich auf die Umdeutung der christlichen Trinitâit zugunsten des Schöpfer-Geists und auf die Verschiebung der imtiatio Christi zur imitatio Patrís Spiritusque zurückgehen. Vor diesem Hintergrund brauchte Nietzsche nicht viel mehr zu tun, als von dem zu seiner Zeit schon voll ausgebildeten Kult des Neuen die konventionellen Hüllen herabzureißen und sich zum Dogma der Innovation ohne Grenzen zu bekennen. Als einer der ersten war er fähig wahrzunehmen, wie der Mount Improbable aus dem Nebel trat. In demselben Moment wurde ihm die Relativität der Höhe bewußt, weil er bemerkte: Auch hohe Bergrücken erscheinen flach, wenn man auf ihnen geht und steht. Nur deswegen konnte er zu der Ansicht kommen, der Berg der Evolution sei noch nicht hoch genug - er will ein zweites Gebirge auf das erste stellen, und ein drittes auf das zweite. Dem entspricht die Botschaft: „immer Wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge - ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen. ...“ Über jedem Gebirge aus Ergebnissen ist ein Gebirge aus Aufgaben emporzufalten. Allein mittels der Aufrichtung neuer Steilwande läßt sich die Verflachung des Berges durch die Gewohnheit, auf ihm zu wohnen, kompensieren.

Man muß sich vergegenwärtigen, wie sehr Nietzsche hier als Künstler für Künstler spricht: Der Wunsch nach dem Höhertreiben der Unwahrscheinlichkeit zu einem Gebirge aus Gebirgen artikuliert das Äußerste, wozu eine artistische Konfession vorzudringen vermag. Allein der artistische Wille zur Verwandlung der Zukunft in einen Raum grenzenloser Kunst-Erhöhungschancen macht den Schlüsselsatz der zitierten Fortpflanzungsregel begreiflich: „einen Sehaffenden sollst du schaffen . . . ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung“. Diese Regel enthält nicht weniger als Nietzsches Theologie nach dem Tode Gottes: Es wird auch weiterhin Gott und Götter geben, allerdings nur noch menschheits-immanent und allein in dem Maß, wie es Schaffende gibt, die am Erreichten anknüpfen, um höher, schneller und weiter zu gehen. Solche Schöpfer arbeiten selbstverständllich niemals ex nihilo, wie ein scholastisches Mißverstäindnis behauptete, sie greifen Ergebnisse früherer Arbeit auf und werfen sie erneut in den Prozeß. Schöpfung ist die Wiederaufnahme der ersten Bewegung, sie ist die Rückkehr in die Flamme, die nach oben schlägt, oder in die Drehung des Rades, das „aus sich“ rollt - bei diesem Ausdruck kommt die bessere Scholastik ins Spiel, für die das Aus-sich die kinetische Dimension des An-sich und des Für sich bedeutet.

Der Schaffende folgt einem metaphysischen Rollenauftrag: Wenn schon das Leben selbst ein vibrierender Berg der Unwahrscheinlichkeiten ist, kann man seine Bejahung nur beweisen, indem man ihn noch höher türmt. Darum soll die Hinaufplanzung einen Schaffenden schaffen. Indem man zusätzliche Erhöher des Unwahrscheinlichen in die Welt setzt, akklamiert man der Dynamik der Unwahrscheinlichkeitserhöhung insgesamt. Daher die Forderung nach einem Menschen, der über seine eigenen Lebenshindernisse gesiegt hätte und vom Ressentiment gegen die Kreativität befreit wäre. Nur ein solcher Mensch wurde nicht mehr sich selbst als Richtgröße für das Werden der folgenden Generation setzen - geschweige denn seine Vorfahren. Nur er könnte ohne neophobe Reflexe den Gedanken bejahen, wonach das kulturelle Unwahrscheinlichkeitsgebirge künftig in jeder Generation um eine Stufe höher aufgefaltet werden soll. Er würde nicht aus seiner eigenen Unvollkommenheit ein Soll für die Nachkommen machen. Er will lieber aussterben als unver-ändert wiederkehren. Ihm ist es so begreiflich wie willkommen, daß nach dem Gesetz der Normalisierung des Unwahrscheinlichen die bisherigen Gipfel sich in der Wahmehmung der Nachkommen als Hügellandschaften oder Ebenen präsentieren. Man kennt dieses Gesetz im übrigen auch unter parasitären und abgeflachten Formen, etwa im Gesetz der zunehmenden Blasierheit auf dem Kunstmarkt und bei den Eskalationstrends im erotischen Hard-core Sektor.

Für den „Kreativen” (ein Wort, das in weniger als einem Jahrhunden den Wärmetod gestorben ist) bedeutet der Komparativ - wie indogermanische Sprachen ihn ihren Sprechern in den Mund legen - keine bloße grammatische Funktion. Die elementaren Triaden groß - größer - am größten, bonus - melior – optimus, potens - potentior - potentissimus geben eine primitive Ansicht von den gestuften Steigerungsarbeiten des Lebens. Es genügt, die theologische Blockierung des Superlativs aufzuheben, um zu verstehen, daß die Maxima seit je nach oben offen sind, auch wenn sie von alters her durch Nec-plus-ultra Zäune gesichert werden. Der kulturelle Lebensprozeß selber ist es, der das gestrige Große kleiner zeigt und das Größere von früher nur wenig später für Normalität ausgibt. Es verwandelt die gestrigen Höchstschwierigkeiten in Wanderwege, auf denen bald danach selbst Untrainierte leicht vorankommen. Für die, die den Glauben an die Allmacht der Hindernisse verloren haben - und was war die klassische Ontologie, wenn nicht der Glaube an Hindernisse im Großen? -, ist das Bisherige das Basislager für den nächsten Aufbruch. Von da an ist der akrobatische Weg allein noch offen.

 

Die Asketik vernatürlichen

Was man für Nietzsches „Biologismus“ hat halten wollen - und „Biologismus“ ist, wie manche Diagnostiker des Imperialismus vermuten, die ınystifizierte Form der kapitalistischen Konkurrenz -, erweist sich bei genauerer Untersuchung als ein generalisierter Akrobatismus: eine Lehre von der prozeßhaften Einverleibung des Fast-Unmöglichen. Dies hat mit Wirtschaft wenig zu tun, um so mehr mit einem Amalgam aus Künstlertum, Artistik, Trainingswissenschaft, Diätkunde und Asketologie. Diese Verbindung macht das Programmwort verständlich, das der Autor von Zur Genealogie der Moral im Herbst 1887 seinen Notizbüehern anvertraute:


»Ich will auch die Asketik wieder vernatürlichen; an Stelle der Absicht auf Verneinung die Absicht auf Verstärkung . . . “


Das Dasein des Menschen von morgen soll ganz auf Übung und Beweglichkeit gegründet sein, einschließlich der Willensgymnastik und der Mutproben für die eigenen Kräfte. Nietzsche faßt sogar ein Training für moralische Tugenden ins Auge, bei welchem man seine „Stärke im Worthalten-können“ unter Beweis stellt.

Für den philosophischen Akrobaten geht es bei der „Vernatürlichung“ der Asketik um die Naturbasierung des Antinaturalismus - was nichts anderes heißt, als daß der Körper immer mitgenommen werden muß: von der Basis bis in die Spitze der Kunstfiguren. Wenn die Artisten des Chinesischen Staatszirkus bei einer ihrer Pyramiden-Nummem zeigen, wie fünf, sechs, sieben Artisten aneinander hochklettern, so daß der oberste auf den Schultern von zahlreichen Unterleuten steht und dort oben noch den Handstand einhändig vorführt, wobei er obendrein Wasserglässer auf einem Tablett, das auf der linken Fußsohle ruht, balanciert - dann dürfte auch Philosophen klarwerden - falls sie in den Zirkus gingen-, worauf Nietzsche so pathetisch hinwies: daß am obersten Punkt nicht weniger Körperlichkeit am Werk ist als in der Mitte und unten.“ Ebenso ist deutlich, wie die Kunstfigur auf ihre Weise den Topos „der Geist bewegt den Stoff“ kommentiert. Artistik ist die Somatisierung des Unwahrscheinlichen.

 

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Sollte man in einem einzigen Satz den wesentlichen Unterschied zwischen der modernen und der antiken Welt resümieren und mit demselben Satz die beiden Weltzustände bestimmen, er müßte lauten: Modern ist das Zeitalter, das die höchste Mobilmachung der menschlichen Kräfte unter dem Vorzeichen von Arbeit und Produktion zustande brachte, während antik alle Lebensformen heißen, in denen die äußerste Mobilmachung im Namen von Übung und Perfektion geschah.

Die These, die Antike stehe praktisch im Zeichen des Exerzitiums, die Moderne hingegen in dem der Arbeit, behauptet einen Gegensatz wie einen inneren Zusammenhang zwischen Übungswelt und Arbeitswelt, PerfektionsweIt und Produktionswelt. Hierdurch nimmt das Konzept Renaissance eine stark veränderte Bedeutung an. Wenn es tatsächlich ein Phänomen wie die Wiedergeburt der Antike in einer spät- oder nach-christlichen Welt oder vielmehr in einer Nach-Arbeitswelt geben sollte, es müßte sich durch die Revitalisierung der Motive übenden Lebens bemerkbar machen. Hierfür fehlt es nicht an Indizien. Was beide Regime auszeichnet, ist ihr Vermögen, menschliche Kräfte in Anstrengungsprogramme größten Ausmaßes zu integrieren, was sie trennt, ist die radikal divergente Ausrichtung der Mobilisationen. Im einen Fall werden die geweckten Energien ganz dem Primat des Objekts bzw. des Produkts untergeordnet, letztlich sogar dem abstrakten Produkt, das Profit heißt, oder dem ästhetischen Fetisch, der als »Werk« exhibiert und gesammelt wird. Im anderen Fall fließen alle Kräfte in die Intensivierung des übenden Subjekts, das sich im Gang der Exerzitien zu immer höheren Stufen einer rein performativen Seinsweise entfaltet. Was man die vita contemplativa genannt hat, um sie der vita activa gegenüberzustellen, ist in Wahrheit eine vita performativa. Sie ist auf ihre Weise so tätig wie das tätigste Leben. Allerdings drückt sich dies nicht im Modus des politischen HandeIns aus, auch nicht in dem des Arbeitens, HerstelIens und Wirtschaftens, sondern im Sinne einer Assimilation an das niemals müde universale oder göttliche Sein-Nichts, das mehr tut und mehr leidet, als jede endliche Kreatur zu tun und zu leiden imstande wäre. Allerdings kennt sie, wie jenes, auch eine Art von stets in sich bleibender, erfüllender und unstörbarer Ruhe, die nach den Angaben der Eingeweihten in keiner Weise der profanen Erschöpfungsruhe gleicht.

Es ist natürlich kein Zufall, wenn die Wiederentdeckung des übenden Lebensmodus genau zu dem Zeitpunkt einsetzte, in dem die Vergötzung der Arbeit (bis hinauf zum deutsch-kaiserlichen »Wir alle sind Arbeiter«) ihren Höhepunkt erreicht hatte. Ich spreche hier vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, für das ich Chiffren wie »athletische Renaissance« und »Entspiritualisierung der Askesen« vorschlug. Die beiden Formeln deuten auf Tendenzen, die über die Ära des Produktivismus hinausweisen. Seit der Tätigkeitstypus Übung - zusammen mit dem ästhetischen Spiel – aus dem Schatten der Arbeit heraustritt, entwickelt sich auf modernem Boden ein neuartiges Ökosystem von Aktivitäten, in dem der absolute Vorrang des Produktwerts zugunsten von Übungswerten, Performanzwerten und Erlebniswerten revidiert wird.