Cosmin Neidoni

Über die dreifache Notwendigkeit der Kunst bei Nietzsche

 


Die „Philosophie will, was Kunst will, dem Leben und dem Handeln möglichste Tiefe und Bedeutung geben“
M. Djuric
 
„Kunst ist ein Lächeln, vielleicht das letzte Lächeln des Lebens“
Lucian Blaga
 
 


„In der ganzen Philosophie bis heute - sagte Nietzsche - fehlt überhaupt der Künstler. Unsere Religion, Moral und Philosophie sind décadence–Formen des Menschen.“
Für Nietzsche gibt es keine Objektive Wahrheit, alles ist Interpretation, so daß der Künstler-Philosoph nicht analysiert, sondern er interpretiert nur mit Hilfe der Philosophie, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben. In diesem Sinne ist Kunst als Organon der Philosophie zu verstehen, und das bedeutet so wie T. Mayer in seinem Buch über Nietzsche sagte:


1. Die neue Philosophie muß eine künstlerische sein, das heißt:
    die Welt wird schöpferisch und nicht logisch, prinzipiell interpretiert.
2. Der Künstler-Philosoph soll nicht erkennen, sondern schaffen.
3. Nicht kritische Analyse, sondern produktive Naivität macht das Wesen des Künstlers aus.

 

Kunst als Notwendige Lüge. Warum ist Kunst eine Lüge, und inwiefern ist sie als Lüge notwendig?
Hier haben wir über die Relation von Schein und Sein, zugleich über das sogenannte Problem der Maske zu diskutieren.


Damit wir Nietzsches Konzeption deutlicher ins Licht bringen können, erinnern wir uns an das, was Heidegger über Kunst gesagt hat. In seiner Kunstanschauung haben wir es auch mit der Relation von Schein und Sein zu tun. Für den Philosoph aus Freiburg ist das Wesen der Kunst: Sich-ins-Werk-setzen der Wahrheit des Seienden - anders gesagt das Sein des Seienden kommt in das Ständige seines Scheines. Im Gegensatz zu dem, was Heidegger sagt, ist die Kunst bei Nietzsche auf keiner Weise eine Offenbarung des Seins durch das Seiende. Das Kunstwerk soll nicht das Wesen einer Sache offenbaren, sondern Erlebnisintensität provozieren und das Lebensgefühl steigern. Während bei Heidegger das Kunstwerk ein Ausdruck der Wahrheit ist, ist es für Nietzsche nur ein Schein, ein propulsierender (vorantreibend, vorwärts drängender) Schein. Alle Aussagen, alle künstlerische Formen sind letztlich insuffizient (lateinisch: in-sufficere - nicht ausreichen) um die Tiefe eines Phänomens zum Ausdruck zu bringen. 


„Jeder tiefe Geist braucht eine Maske, mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine Maske, dank der beständig falschen, nämlich flachen Auslegung jeden Wortes, jeden Schrittes, jedes Lebenszeichens, das es gibt“. Die Kunst selbst ist eine Maske, aber nicht in dem Sinne, das sich hinter ihr die Philosophie als Wesen verbirgt, sondern in der Weise, dass Kunst überhaupt Schein ist, ein ästhetischer Schein. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Motiv der Maskierung nicht eine Täuschung, sondern das Bewahren des Wesens ist, und insofern behaupten wir: die Maske ist eine Form des Respektes für die Tiefe im Allgemeinen. Mit dem Begriff des Scheins und der Maske korrespondiert der Begriff der Lüge, der damit eine positive Bedeutung erhält.


Im Gegensatz zu der wissenschaftlichen Wahrheit, die, die Wirklichkeit trostlos zeigt, erzeugt die Kunst Scheingebilde. Sie lügt die Wirklichkeit um, um sie erträglich zu machen.


Nietzsche sucht die Kunst ontologisch und zugleich biologisch zu fundieren. Biologisch gesehen ist Kunst und Kunstschafen als ein Überquellen aus dem Übervollen zu verstehen. Kunst ist das Zeichen eines Mehr an Kraft (so hat auch L. Blaga Nietzsches Theorie der Kunst interpretiert). Der Kunstprozess eröffnet durch sich einen Mechanismus, der die Möglichkeit bietet, das Gleichgewicht des Seins zu bewahren zugleich das Sein stetig zu überwinden. Kunst ist eine Selbstüberwindung, und damit kommen wir zum ontologischen Aspekt der Fundierung. Hinter allen Äußerungen steht für Nietzsche der „unerschöpfliche zeugende Lebenswille“ (Walter Schultz). Und dieser Lebenswille ist der Wille zur Macht. Der Wille ist nicht das Streben der Ohnmacht zur Macht hin, sondern bereits in sich selbst Macht. Er bestimmt alles Lebendige, jedoch im Menschen gewinnt er eine besondere Gestalt, denn der Mensch hat durch seinen Willen (Kunst) die Möglichkeit, über seine eigene Schöpfung immer hinaus zu gehen im Sinne der Steigerung. Kunst und Wille zur Macht sind nicht zu trennen, im Gegenteil beide implizieren sich gegenseitig, und in diesem Sinne: als Stimulans des Lebens, ist Kunst eine notwendige Lüge.

 

 Exzerpt aus "Die dreifache Notwendigkeit der Kunst bei Nietzsche"

von Cosmin Neidoni