Milan Kundera (* 1. April 1929 in Brünn, Tschechoslowakei) ist ein tschechisch-französischer Schriftsteller. Bekannt wurde er durch das dreibändige Prosawerk Das Buch der lächerlichen Liebe. Das komme

Milan Kundera

Die Unsterblichkeit

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Goethe hat dieses Wort nicht gescheut. In seinem Buch Aus meinem Leben, das er mit dem berühmt gewordenen Untertitel Dichtung und Wahrheit versah, beschreibt er einen Vorhang, den er im neuen Theater von Leipzig sah, als er neunzehn Jahre alt war. Auf dem Vorhang war (ich zitiere Goethe) »der Tempel des Ruhms« abgebildet, um den herum sich die großen Schauspieldichter und die Göttinnen der Künste versammelt hatten: »Durch die freie Mitte sah man das Portal des fernstehenden Tempels, und ein Mann in leichter Jacke ging zwischen beiden obgedachten Gruppen, ohne sich um sie zu bekümmern, hindurch, gerade auf den Tempel los; man sah ihn daher im Rücken, er war nicht besonders ausgezeichnet. Dieser nun sollte Shakespeare bedeuten, der ohne Vorgänger und Nachfolger, ohne sich um die Muster zu bekümmern, auf seine eigene Hand der Unsterblichkeit entgegengehe.

Die Unsterblichkeit, von der Goethe spricht, hat freilich nichts mit dem religiösen Glauben an eine unsterbliche Seele zu tun. Es handelt sich um eine andere, durchaus irdische Unsterblichkeit jener, die nach ihrem Tod im Gedächtnis der Nachfahren weiterleben. Jeder Mensch kann eine größere oder kleinere, eine kürzere oder längere Unsterblichkeit erlangen und beschäftigt sich seit seiner Jugend damit. Vom Bürgermeister eines mährischen Dorfes, in das ich als kleiner Junge oft Ausflüge gemacht habe, erzählte man sich, er habe zu Hause bereits einen offenen Sarg stehen und lege sich in glücklichen Momenten, wenn er mit sich selbst außerordentlich zufrieden sei, hinein und stelle sich sein Begräbnis vor. Der Bürgermeister kannte im Leben nichts Schöneres als diese verträumten Augenblicke im Sarg: er verweilte in seiner Unsterblichkeit.

Hinsichtlich der Unsterblichkeit sind sich allerdings nicht alle Menschen gleich. Wir müssen zwischen der sogenannten kleinen Unsterblichkeit, der Erinnerung an einen Menschen in den Gedanken jener, die ihn gekannt haben (das war die Unsterblichkeit, von der der Bürgermeister des mährischen Dorfes träumte), und der großen Unsterblichkeit unterscheiden, die die Erinnerung an einen Menschen in den Gedanken jener beinhaltet, die ihn persönlich nicht gekannt haben. Es gibt Lebenswege, die einen von Anfang an mit dieser zwar ungewissen, vielleicht sogar unwahrscheinlichen, unbestreitbar aber möglichen großen Unsterblichkeit konfrontieren: die Lebenswege der Künstler und der Staatsmänner.

Von allen europäischen Staatsmännern unserer Zeit ist François Mitterrand vermutlich derjenige, der sich am intensivsten mit dem Gedanken der Unsterblichkeit beschäftigt hat: Ich erinnere mich an die unvergeßliche Zeremonie, die auf seine Präsidentenwahl im Jahr 1981 folgte. Auf der Place du Pantheon jubelte eine begeisterte Menschenmenge, und er entfernte sich von ihr: allein stieg er die breiten Stufen zum Pantheon empor (genau wie Shakespeare auf dem Vorhang, den Goethe beschrieb, auf den Tempel des Ruhms zuschritt) und hielt drei Rosen in der Hand. Dann entschwand er den Blicken des Volkes und war allein, ganz allein zwischen den Grabmälern von vierundsechzig großen Toten, in seiner gedankenverlorenen Einsamkeit nur vom Blick einer Kamera, eines Filmstabs und einiger Millionen Franzosen verfolgt, die die Augen auf den Fernseher geheftet hatten, aus dem Beethovens Neunte dröhnte. Er legte die Rosen eine nach der andern auf die Gräber von drei Toten, die er unter den vierundsechzig auserwählt hatte. Er glich einem Landvermesser, der die drei Rosen wie drei Fähnchen in den grenzenlosen Bauplatz der Ewigkeit pflanzte, um so das Dreieck abzustecken, in dessen Mitte sein eigener Palast emporragen sollte.

Valéry Giscard d'Estaing, der als Präsident Mitterrands Vorgänger war, hatte 1974 die Müllmänner zu seinem ersten Frühstück ins Elysee geladen. Es war die Geste eines sentimentalen Bourgeois, der sich nach der Liebe der einfachen Leute sehnte und sie glauben machen wollte, einer von ihnen zu sein. Mitterrand war nicht so naiv, den Müllmännern gleichen zu wollen (ein solcher Traum geht für keinen Präsidenten in Erfüllung!), er wollte den Toten gleichen, und das war viel weiser, denn der Tod und die Unsterblichkeit sind wie ein untrennbares Liebespaar, und jemand, dessen Gesicht sich für uns unter die Gesichter der Toten mischt, ist schon zu Lebzeiten unsterblich.

Der amerikanische Präsident Jimmy Carter war mir immer sympathisch, aber einmal, als ich ihn auf dem Bildschirm sah, wie er im Jogginganzug mit einer Gruppe seiner Mitarbeiter, Trainer und Gorillas lief, wurde er mir richtig lieb; plötzlich bildeten sich Schweißtröpfchen auf seiner Stirn, sein Gesicht verzerrte sich, die anderen Läufer wandten sich ihm zu, fingen ihn auf und stützten ihn: ein leichter Herzanfall. Das Jogging hätte eine Gelegenheit sein sollen, dem Volk die ewige Jugend des Präsidenten zu demonstrieren. Darum waren Kameraleute eingeladen worden, und es war nicht ihre Schuld, daß sie uns statt eines vor Gesundheit strotzenden Athleten einen alternden Mann vor Augen führen mußten, der Pech hatte.

Der Mensch sehnt sich nach Unsterblichkeit, doch die Kamera zeigt uns eines Tages den zu einer kläglichen Grimasse verzogenen Mund als das einzige, was wir in Erinnerung behalten werden, was uns von ihm als Parabel seines ganzen Lebens bleiben wird. Er tritt ein in eine Unsterblichkeit, die wir als lächerlich bezeichnen.

Tycho Brahe war ein großer Astronom, aber heute wissen wir von ihm nur noch, daß er sich geschämt hatte, während eines Festmahls am Kaiserhof zu Prag auf die Toilette zu gehen, so daß sein Harnleiter plötzlich platzte und er sich zu den lächerlichen Unsterblichen gesellte, als Märtyrer der Scham und des Urins. Er gesellte sich zu ihnen wie Christiane Goethe, die auf ewige Zeiten eine tollwütige Blutwurst sein wird, die beißt. Es gibt keinen Romancier, der mir teurer wäre als Robert Musil. Er starb eines Morgens, als er Hanteln stemmte. Wenn ich das tue, beobachte ich ängstlich meinen Puls und fürchte mich vor dem Tod, denn mit den Hanteln in den Händen zu sterben wie der von mir verehrte Autor, wäre in seiner Epigonalität derart unglaublich, kraß und fanatisch, daß mir dies augenblicklich eine lächerliche Unsterblichkeit garantieren würde.