Nietzsche - der Wille zur Macht als Kunst

 

Die Grund- und die Leitfrage der Philosophie

Die allgemeine Kennzeichnung des Willens als des Willens zur Macht wurde vorgetragen, um das Blickfeld, in das wir jetzt hineinfragen, Um einiges aufzuhellen.

Wir beginnen die Auslegung des III. Buches: »Prinzip einer neuen Wertsetzung« mit dem 4. und letzten Kapitel: »Der Wille zur Macht als Kunst«. Indem wir zunächst in den Hauptzügen deutlich machen, als was Nietzsche die Kunst begreift und wie er die Frage nach ihr ansetzt, wird zugleich klar, warum eine Auslegung des Kernstückes des Willens zur Macht gerade hier, bei der Kunst, beginnen muß.

Dabei ist allerdings entscheidend, daß die grundsätzliche philosophische Absicht der Auslegung festgehalten wird. Sie sei erneut eingeschärft. Die Frage steht darnach, was das Seiende sei. Diese überlieferte »Hauptfrage« der abendländischen Philosophie nennen wir die Leitfrage. Aber sie ist nur die vorletzte Frage. Die letzte und d. h. erste lautet: Was ist das Sein selbst?

Diese allererst zu entfaltende und zu begründende Frage nennen wir die Grund-frage der Philosophie, weil in ihr die Philosophie erst den Grund des Seienden als Grund und zugleich ihren eigenen Grund erfragt und sich begründet. Bevor diese Frage eigens gestellt wird, muß sich die Philosophie, will sie sich begründen, immer auf dem Wege einer Erkenntnis- oder Bewußtseinslehre sicherstellen, immer auf einem Weg bleiben, der sich gleichsam im Vorraum der Philosophie bewegt und nicht in der Mitte selbst kreist. Die Grund-frage bleibt Nietzsche ebenso fremd wie der Geschichte des Denkens vor ihm.

Aber wenn die Leitfrage (Was ist das Seiende?) und die Grundfrage (Was ist das Sein?) gefragt werden, dann wird gefragt: Was ist . . . ? Die Eröffnung des Seienden im Ganzen und die Eröffnung des Seins werden für das Denken gesucht. Das Seiende soll in das Offene des Seins selbst und das Sein soll in das Offene seines Wesens gebracht werden. Die Offenheit von Seiendem nennen wir die Unverborgenheit: άληϑεια, Wahrheit. Die Leit- und die Grundfrage der Philosophie fragen, was das Seiende und was das Sein in Wahrheit ist.

In der Frage nach dem Wesen des Seins wird so gefragt, daß nichts mehr außerhalb dieser Frage bleibt, nicht einmal das Nichts. Deshalb muß die Frage, was das Sein in Wahrheit sei, zugleich fragen, was die Wahrheit selbst sei, in die das Sein gelichtet werden soll. Nicht weil Wahrheit in ihrer Möglichkeit zuerst erkenntnistheoretisch angezweifelt wird, sondern weil sie zum Wesen der Grundfrage in einem ausgezeichneten Sinne als deren »Raum« schon mitgehört, steht die Wahrheit mit dem Sein im Bereich der Grundfrage. In der Grund- und in der Leitfrage nach dem Sein und dem Seienden ist zugleich und zuinnerst auch gefragt nach dem Wesen der Wahrheit. »Auch« nach der Wahrheit sagen wir und reden dabei ganz äußerlich; denn die Wahrheit kann nichts sein, was »auch« noch irgendwo daneben mit dem Sein vorkommt. Vielmehr wird sich die Frage erheben, wie beide im Wesen einig und fremd sind und »wo«, in welchem Bezirk, sie überhaupt zusammen sind und wie dieser Bezirk selbst »ist«. Das sind Fragen, die zwar über Nietzsche hinausfragen, die jedoch allein die Gewähr geben, daß wir sein Denken ins Freie bringen und fruchtbar machen, aber auch die wesentliche Grenze und das Andere erfahren und erkennen.

Wenn anders nun der Wille zur Macht das Seiende als solches, d. h. in seiner Wahrheit, bestimmt, dann muß im Zusammenhang der Auslegung des Seienden als Wille zur Macht ständig die Frage nach der Wahrheit, d. h. nach dem Wesen der Wahrheit, sich einstellen. Und wenn für Nietzsche innerhalb der Aufgabe der Gesamtauslegung alles Geschehens als Wille zur Macht der Kunst eine ausgezeichnete Stellung zukommt, dann muß gerade hier die Frage nach der Währheit eine vordringliche Rolle spielen.

Die fünf Sätze über die Kunst

Wir versuchen jetzt eine erste Kennzeichnung von Nietzsches Gesamtauffassung des Wesens der Kunst, indem wir der Reihe nach auf Grund gewichtiger Belege fünf Sätze über die Kunst herausstellen.

Warum hat die Kunst für die Aufgabe der Gründung des Prinzips der neuen Wertsetzung die entscheidende Bedeutung? Die nächste Antwort steht in n. 797 des »Willens zur Macht«, die eigentlich an der Stelle von n. 794 stehen müßte:

»Das Phänomen >Künstler< ist noch am leichtesten durchsichtig: -«. Wir lesen zunächst nicht weiter und bedenken nur diesen Satz. »Am leichtesten durchsichtig«, d. h. Uns selbst am zugänglichsten in seinem Wesen, ist das Phänomen »Künstler« - das Künstlersein. An diesem Seienden, nämlich am Künstler, leuchtet uns das Sein am unmittelbarsten und hellsten auf. Warum? Nietzsche sagt es nicht ausdrücklich; doch wir finden den Grund leicht. Künstlersein ist ein Hervorbringen-können. Hervorbringen aber heißt: etwas, das noch nicht ist, ins Sein setzen. In der Hervorbringung wohnen wir gleichsam dem Werden des Seienden bei und können da sein Wesen ungetrübt ersehen. Weil es sich um die Aufhellung des Willens zur Macht als des Grundcharakters des Seienden handelt, muß diese Aufgabe dort angesetzt werden, wo sich das Fragliche am hellsten zeigt; denn alles Klären muß aus einem Klaren ins Dunkle gehen, nie umgekehrt.

Künstlersein ist eine Weise des Lebens. Was sagt Nietzsche vom Leben überhaupt? »Das Leben« nennt er »die uns bekannteste Form des Seins«. »Sein« selbst gilt ihm nur »als Verallgemeinerung des Begriffs >Leben< (atmen), >beseelt sein<, >wollen, wirken<, >werden<<. »Das >Sein< - wir haben keine andere Vorstellung davon aIs >leben<. - Wie kann also etwas Totes >sein<?« Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist«.

Mit diesen etwas formelhaften Hinweisen haben wir schon die Blickbahn durchmessen, innerhalb deren das »Phänomen Künstler« zu fassen, d. h. für die künftigen Betrachtungen festzuhalten ist. Es sei wiederholt: Künstlersein ist die durchsichtigste Weise des Lebens. Leben ist die uns bekannteste Form des Seins. Das innerste Wesen des Seins ist Wille zur Macht. Am Künstlersein werden wir die durchsichtigste und bekannteste Weise des Willens zur Macht antreffen. Da es sich um die Aufhellung des Seins des Seienden handelt, hat innerhalb dieser die Besinnung auf die Kunst den entscheidenden Vorrang.

Allein Nietzsche spricht hier doch nur vom »Phänomen Künstler« und nicht von der Kunst. Wenn auch schwer zu sagen ist, was »die« Kunst sei und wie sie sei, so ist doch klar, daß zur Wirklichkeit der Kunst auch Kunstwerke gehören, ferner solche, die, wie man sagt, die Werke »erleben«. Der Künstler ist nur das Eine, was das Ganze der Wirklichkeit der Kunst mit ausmacht. Gewiß, aber dies ist gerade das Entscheidende in Nietzsches Auffassung der Kunst, daß er sie und ihr ganzes Wesen vom Künstler aus sieht, und zwar bewußt und im ausdrücklichen Gegensatz gegen diejenige Auffassung der Kunst, die sie von den »Genießenden« und »Erlebenden« her vorstellt.

Das ist ein Leitsatz von Nietzsches Lehre über die Kunst: sie muß von den Schaffenden und Erzeugenden und nicht von den Empfangenden her begriffen werden. Nietzsche drückt dies unzweideutig in folgenden Worten aus:


»Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibs-Ästhetik, als nur die Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen >was ist schön?< formuliert haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler . . .«

Philosophie der Kunst - das heißt auch für Nietzsche: Ästhetik; diese aber ist ihm Mannesästhetik, nicht Weibsästhetik. Die Frage nach der Kunst ist die Frage nach dem Künstler als dem Zeugenden, Schaffenden; seine Erfahrungen darüber, was schön sei, müssen maßgebend gemacht werden.

Wir kehren jetzt zu n. 797 zurück: »Das Phänomen >Künstler< ist noch am leichtesten durchsichtig -«. Halten wir diese Aussage in dem leitenden Zusammenhang der Frage nach dem Willen zur Macht, und zwar aus dem Blick auf das Wesen der Kunst, dann entnehmen wir ihr zugleich zwei wesentliche Sätze über die Kunst:

1. Die Kunst ist die durchsichtigste und bekannteste Gestalt des Willens zur Macht.

2. Die Kunst muß vom Künstler her begriffen werden.

 

Und jetzt lesen wir weiter:

»von da aus hinzublicken auf die Grundinstinkte der
Macht, der Natur usw.! Auch der Religion und Moral!«


Hier wird ausdrücklich gesagt, daß mit dem Blick auf das Wesen des Künstlers auch die anderen Gestalten des Willens zur Macht- Natur, Religion, Moral, wir können ergänzen: Gesellschaft und Individuum, Erkenntnis, Wissenschaft, Philosophie - zu betrachten sind. Diese Gestalten des Seienden sind demnach in gewisser Weise Entsprechungen zum Künstlersein, zum künstlerischen Schaffen und Geschaffen-sein. Das übrige Seiende, was nicht eigens durch Künstler hervorgebracht ist, hat die entsprechende Seinsart wie das vom Künstler Geschaffene, das Kunstwerk. Den Beleg für diesen Gedanken finden wir im unmittelbar voranstehenden Aphorismus:


»Das Kunstwerk, wo es ohne Künstler erscheint, z. B. Als Leib, als Organisation (preußisches Offizierkorps, Jesuitenorden). Inwiefern der Künstler nur eine Vorstufe ist. Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk - -«


Offensichtlich wird hier der Begriff der Kunst und des Kunstwerkes auf alles Hervorbringenkönnen und jedes wesentliche Hervorgebrachte ausgeweitet. Das entspricht in gewisser Weise auch dem Sprachgebrauch, wie er bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts üblich ist. Bis dahin heißt Kunst jede Art von Hervorbringenkönnen. Der Handwerker, der Staatsmann, der Erzieher sind als Hervorbringende Künstler. Auch die Natur ist eine »Künstlerin«. Kunst meint hier nicht den heutigen verengten Begriff in der Bedeutung »schöne Kunst« als Hervorbringung des Schönen im Werk.

Nietzsche gibt nun aber jenem früheren weiten Gebrauch von Kunst, wo die schöne Kunst nur eine Art von Kunst unter anderen Künsten ist, die Auslegung, daß alle Hervorbringungen als Entsprechungen zur schönen Kunst und dem zugehörigen Künstler begreift. »Der Künstler ist nur eine Vorstufe«, das will sagen: der Künstler im engeren Sinne, der Werke der schönen Kunst hervorbringt.

So läßt sich von hier aus ein dritter Satz über die Kunst aufstellen:

3. Die Kunst ist nach dem erweiterten Begriff des Künstlers das Grundgeschehen alles Seienden; das Seiende ist, sofern es ist, ein Sichschaffendes, Geschaffenes.


Nun wissen wir aber: Wille zur Macht ist wesentlich ein Schaffen und Zerstören. Das Grundgeschehnis des Seienden ist »Kunst«, besagt nichts anderes als: es ist Wille zur Macht.

Lange bevor Nietzsche ausdrücklich das Wesen der Kunst als Gestalt des Willens zur Macht hegreift, schon in der ersten Schrift (»Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«), sieht er die Kunst als Grundcharakter des Seienden. So begreifen wir, daß Nietzsche in der Zeit der Arbeit am »Willen zur Macht« auf seine Stellung zur Kunst in der »Geburt der Tragödie« zurückkommt; eine hierher gehörige Überlegung ist in den »Willen zur Macht« aufgenommen. Der letzte Absatz lautet:


»In der Vorrede bereits [nämlich zur Schrift »Die Geburt der Tragödie«], mit der Richard Wagner wie zu einem Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis, dies Artisten-Evangelium: >die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen metaphysische Tätigkeit . . .<<


»Leben« ist nicht nur im engen Sinne des menschlichen Lebens gemeint, sondern Leben wird mit Welt im Schopenhauersehen Sinne gleichgesetzt. Der Satz klingt nach Schopenhauer, aber er spricht schon gegen Schopenhauer.

Die Kunst, im weitesten Sinne als das Schaffende gedacht, ist der Grundcharakter des Seienden. Darnach ist die Kunst im engeren Sinne jene Tätigkeit, in der das Schaffen zu sich selbst heraustritt und am durchsichtigsten wird, nicht nur eine Gestalt des Willens zur Macht unter anderen, sondern die höchste. Von der Kunst aus und als Kunst wird der Wille zur Macht eigentlich sichtbar. Wille zur Macht aber ist derjenige Grund, auf dem künftig alle Wertsetzung stehen soll: das Prinzip der neuen Wertsetzung gegenüber der bisherigen. Diese war durch Religion und Moral und Philosophie beherrscht. Wenn somit der Wille zur Macht in der Kunst seine höchste Gestalt hat, muß die Ansetzung des neuen Bezugs des Willens zur Macht von der Kunst ausgehen. Da jedoch diese neue Wertsetzung eine Umwertung der bisherigen ist, geht von der Kunst der Umsturz und der Gegensatz aus. Das ist ausgesprochen in n. 794:


»Unsre Religion, Moral und Philosophie sind decadence Formen des Menschen.
- Die Gegenbewegung: die Kunst.«

 

Nach Nietzsches Auslegung lautet der oberste Grundsatz der Moral, der christlichen Religion und der von Platon her bestimmten Philosophie also: Diese Welt taugt nichts, es muß eine »bessere« Welt sein als diese in die Sinnlichkeit verstrickte, es muß eine »wahre Welt« darüber geben, das Übersinnliche. Die Sinnenwelt ist nur eine scheinbare Welt.

So werden im Grunde diese Welt und dieses Leben verneint, und wenn scheinbar dazu Ja gesagt wird, dann nur, um sie schließlich desto entschiedener zu verneinen. Nietzsche aber sagt: jene »wahre Welt« der Moral ist eine erlogene Welt; jenes Wahre, das Übersinnliche, ist der Irrtum. Die sinnliche Welt, Platonisch gesprochen die Schein- und Irrwelt, der Irrtum ist die wahre Welt. Nun ist aber das Element der Kunst das Sinnliche: der Sinnen-Schein. Mithin bejaht die Kunst gerade das, was die Ansetzung der vermeintlich wahren Welt verneint. Daher sagt Nietzsche:


»Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische, Antinihilistische par excellence.«


Damit ist ein vierter Satz über das Wesen der Kunst erreicht:

4. Die Kunst ist die ausgezeichnete Gegenbewegung gegen den Nihilismus.

Das Künstlerische ist das Schaffen und Gestalten. Wenn es die metaphysische Tätigkeit schlechthin ausmacht, muß alles Tun und das höchste Tun zumal, also auch das Denken der Philosophie, von da bestimmt sein. Der Begriff der Philosophie darf sich nicht mehr nach der Gestalt des Morallehrers bestimmen, nach jenem, der gegen diese Welt, die nichts taugen soll, eine höhere andere setzt. Vielmehr muß gegen diesen nihilistischen Moralphilosophen (als dessen jüngstes Beispiel Nietzsche Schopenhauer vorschwebt) der Gegenphilosoph, der Philosoph aus der Gegenbewegung, der »Künstler- Philosoph«, angesetzt werden. Dieser Philosoph ist Künstler, indem er am Seienden im Ganzen gestaltet, d. h. Zunächst dort, worin das Seiende im Ganzen sich offenbart, am Menschen. Im Sinne dieses Gedankens ist n. 795 zu lesen:


»Der Künstler-Philosoph. Höherer Begriff der Kunst. Ob der Mensch sich so ferne stellen kann von den andern Menschen, um an ihnen zu gestalten? (- Vorübungen: 1. der sich selbst Gestaltende, der Einsiedler;) 2. der bisherige Künstler, als der kleine Vollender, an einem Stoffe.)«


Die Kunst im engeren Sinne zumal ist das Jasagen zum Sinnlichen, zum Schein, zu dem, was nicht die »wahre Welt«, oder wie Nietzsche kurz sagt, was nicht »die Wahrheit« ist.

In der Kunst fällt die Entscheidung, was die Wahrheit, dies sagt für Nietzsche immer: was das Wahre, d. h. was das eigentlich Seiende ist. Dies entspricht jenem notwendigen Zusammenhang zwischen der Leitfrage und der Grundfrage der Philosophie einerseits und der Frage, was die Wahrheit sei, andererseits. Die Kunst ist der Wille zum Schein als dem Sinnlichen. Von diesem Willen aber sagt Nietzsche:


»Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln ist tiefer, >metaphysischer< als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Sein.«


Gemeint ist hier das Wahre im Sinne Platons, das an sich Seiende, die Ideen, das Übersinnliche. Der Wille zum Sinnlichen und seinem Reichtum ist dagegen für Nietzsche der Wille zu dem, was die »Metaphysik« sucht. Also ist der Wille zum Sinnlichen metaphysisch. Dieser metaphysische Wille ist wirklich in der Kunst.

Nietzsche sagt:

»Über das Verhältnis der Kunst zur Wahrheit bin ich am frühesten ernst geworden: und noch jetzt stehe ich mit einem heiligen Entsetzen vor diesem Zwiespalt. Mein erstes Buch war ihm geweiht; die Geburt der Tragödie glaubt an die Kunst auf dem Hintergrund eines anderen Glaubens: daß es nicht möglich ist, mit der Wahrheit zu leben: daß der >Wille zur Wahrheit< bereits ein Symptom der Entartung ist . . .«


Der Satz klingt ungeheuerlich; aber er verliert seine Befremdlichkeit, wenngleich nicht sein Gewicht, sobald man ihn auf die rechte Weise liest. Wille zur Wahrheit, das heißt hier und immer bei Nietzsche: der Wille zur »wahren Welt« im Sinne Platons und des Christentums, der Wille zum Übersinnlichen, an sich Seienden. Der Wille zu solchem »Wahren« ist in Wahrheit ein Neinsagen zu unserer hiesigen Welt, in der gerade die Kunst heimisch ist. Weil diese Welt die eigentlich wirkliche und allein wahre Welt ist, kann Nietzsche bezüglich des Verhältnisses von Kunst und Wahrheit erklären: »daß die Kunst mehr wert ist, als die Wahrheit«; das heißt: das Sinnliche steht höher und ist eigentlicher als das Übersinnliche. Darum sagt Nietzsche: »Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn.« Wahrheit meint wieder die »wahre Welt« des Übersinnlichen; sie birgt in sich die Gefahr des Zugrundegehens des Lebens, d. h. im Sinne Nietzsches immer: des aufsteigenden Lebens. Das Übersinnliche zieht das Leben aus der kraftvollen Sinnlichkeit weg, entzieht dieser die Kräfte und schwächt sie. Im Blick auf das Übersinnliche wird das Sichunterwerfen, das Nachgeben und Mitleiden, das Demütigsein und Untenbleiben zur eigentlichen »Tugend«. »Die Toren dieser Welt« und die Niedrigen und Schlechtweggekommenen werden »die Kinder Gottes«; sie sind die wahrhaft Seienden; die Unteren sind die, die nach »oben« gehören und sagen sollen, was Höhe, d. h. ihre Höhe ist. Alle schaffende Erhöhung und aller Stolz des auf sich selbst ruhenden Lebens sind dagegen Aufruhr, Verblendung und Sünde. Damit wir aber nicht an dieser »Wahrheit« des Übersinnlichen zugrunde gehen, damit nicht durch das Übersinnliche das Leben der allgemeinen Schwächung und schließlich dem Verfall entgegengetrieben wird, dafür haben wir die Kunst. Mit Bezug auf das wesentliche Verhältnis von Kunst und Wahrheit ergibt sich hieraus ein weiterer und in unserer Reihe letzter Satz über die Kunst:



5. Die Kunst ist mehr wert als »die Wahrheit«.


Die voraufgegangenen Sätze seien wiederholt:
1. Die Kunst ist die durchsichtigste und bekannteste Gestalt des Willens zur Macht.
2. Die Kunst muß vom Künstler her begriffen werden.
3. Die Kunst ist nach dem erweiterten Begriff des Künstlers das Grundgeschehen alles
    Seienden; das Seiende ist, sofern es ist, ein Sichschaffendes, Geschaffenes.
4. Die Kunst ist die ausgezeichnete Gegenbewegung gegen den Nihilismus.


Von den fünf Sätzen aus ist jetzt an einen schon früher angeführten Ausspruch Nietzsches über die Kunst zu erinnern: »wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, -«. Früher galt uns der Satz nur als ein Beispiel für das Vorgehen Nietzsches im Sinne des Umkehrens (die Umkehrung von Schopenhauers Quietiv). Jetzt muß der Ausspruch in seinem eigensten Gehalt begriffen werden.


Nach all dem inzwischen Dargestellten sehen wir leicht, daß diese Bestimmung der Kunst als des Stimulans des Lebens nichts anderes besagt als: Die Kunst ist eine Gestalt des Willens zur Macht. Denn »Stimulans« ist das Antreibende, Aufsteigernde, Über-sich-hinaushebende, das Mehr an Macht, also Macht schlechthin, dies sagt: Wille zur Macht. Der Satz von der Kunst als dem größten Stimulans des Lebens kann daher den vorigen fünf Sätzen nicht angereiht werden; vielmehr ist er Nietzsches Hauptsatz über die Kunst. Er wird durch die genannten fünf erläutert.

Im groben gesehen, sind wir mit unserer Aufgabe schon am Ende. Es galt, die Kunst als eine Gestalt des Willens zur Macht nachzuweisen. Das ist Nietzsches Absicht. Doch wir suchen mit Bezug auf Nietzsche anderes. Wir fragen:

 
1. Was leistet diese Auffassung der Kunst für die wesensbestimmung des Willens zur Maeht und damit des Seienden im Ganzen?
Dies können wir nur wissen, wenn wir zuvor fragen:
2. Was bedeutet diese Auslegung der Kunst für das Wissen von der Kunst und für die Stellung zu ihr?