Was ist der Mensch?

Die Frage nach dem Sinn von Sein.

Was die Frage nach dem Sinn von Sein betrifft, so läßt sich sagen, daß es die Frage ist, die das menschliche Nachdenken von den geschichtlichen Anfängen bis heute nachhaltig in Anspruch genommen hat. Es ist die Frage nach Sinn, Ziel und Bedeutung des menschlichen Lebens und der Natur. Die Frage nach den Werten und Orientierungen für das Leben und nach dem Warum und Wozu von Welt, Kosmos, Universum. Das praktisch-moralische Leben läßt die Menschen danach fragen. In früheren Zeiten, als Physik, Metaphysik und Theologie noch zusammengehörten, hatte auch die Wissenschaft die Sinnfrage zu beantworten versucht. Seit Kant aber herausgefunden hatte, daß wir zwar als moralische Wesen die Sinnfrage stellen müssen, aber als Wissenschaftler sie nicht beantworten können, seitdem also halten sich die strengen Wissenschaften bei dieser Frage zurück. Aber das praktisch-moralische Leben stellt sie auch weiterhin, alltäglich, in der Werbung, in Dichtung und moralischer Reflexion, in der Religion.

 

Der Sprung ist der Übergang vom ersten zum anderen Anfang und somit ein Vordringen in das seinsgeschichtliche Denken
Der Sprung ist der Übergang vom ersten zum anderen Anfang und somit ein Vordringen in das seinsgeschichtliche Denken"

Das Ende der eigenen Erzählung

 

[...] ich weiß nicht, weiß nicht, wie ich es erklären soll, es gibt Momente, da habe ich keinerlei Mühe, mir die Welt ohne mich vorzustellen. [...] das ist die entsetzliche Macht der Gegenwart, die die Vergangenheit umso stärker erdrückt, je weiter sie sich entfernt, und sie sogar verfälscht, ohne dass die Vergangenheit den Mund aufmachen, protestieren, widersprechen oder Einspruch einlegen könnte.

›Wenn ich es nicht für möglich halte, was spielt es für eine Rolle, wenn es nach meinem Tod doch möglich wird. Ich würde nichts davon erfahren. Ich wäre mit der Überzeugung gestorben, dass es diese Verbindung zwischen euch beiden nicht geben kann, und es zählt, was man selbst vorhersieht, denn was man im letzten Augenblick wahrnimmt und erlebt, ist das Ende der Geschichte, das Ende der eigenen Erzählung. Man weiß, dass alles ohne einen weitergeht, dass nichts aufhört, weil man fort ist. Aber dieses Danach betrifft einen nicht. Entscheidend ist, dass man selbst aufhört, und folglich bleibt alles stehen, die Welt ist unweigerlich so wie im Moment, in dem der Endende endet, auch wenn es tatsächlich ganz anders aussieht. Aber dieses »tatsächlich« spielt keine Rolle mehr. Man erlebt den einzigen Augenblick, in dem es keine Zukunft mehr gibt, in dem uns die Gegenwart als unabänderlich und ewig erscheint, weil wir nichts Tatsächlichem, keinem Wandel mehr beiwohnen werden.

 

Javier Marías

 

Papst Innozenz X. (eigentlich Giovanni Battista Pamphilj)

Francis Bacon

Wir geben dem Leben Bedeutung, solange wir existieren

Papst Innozenz X - Portrait nach Diego Velázquez's

Francis Bacon „Es gab so viel Krieg in meinem Leben“, bekannte Francis Bacon in seinem letzten veröffentlichten Interview drei Monate vor seinem Tod. Der Maler spannte damit eine Hintergrundfolie, vor der man sein Werk deuten kann, rückte Lebenslage und Schaffen in einen spezifischen Zusammenhang. Tatsächlich spielt der Gewaltaspekt eine zentrale Rolle in Bacons Bildern. Immer wieder beschäftigte er sich mit den Themen Gewalt, Zerstörung und Verfall, in deren Zentren die menschliche Figur steht. Torsohafte, verkrüppelte Körper, bluttriefende Fleischmassen und verstümmelte Kadaver sind erklärte Ausdrucksträger exzessiver Gewalttätigkeit. Seine Entwürfe sind Spiegel der Schicksalhaftigkeit menschlicher Existenz, die für ihn ein Dasein zum Tode ist.

 

Religiöse Motive finden sich häufig in Bacons Werk. So gestaltet er zwischen 1950 (Study after Velazquez I und 1965 zahlreiche Variationen zu Papst Innozenz X. nach Diego Velázquez. Insgesamt variiert er das Thema 45-mal. Dem Sakralen ordnet Bacon das Irdische zu, der Papst ist ein schreiender Papst, Ausdruck alltäglichen Leidens an der Welt.

Papst Innozenz X. (eigentlich Giovanni Battista Pamphilj) tritt uns als sterblicher Mensch entgegen, eingebunden in den Kreislauf allen irdischen Lebens, der sich zwischen Werden und Vergehen, Geburt und Tod, Leidenschaft und Verzweiflung aufspannt. Die Dialektik des Lebens ist das Leitthema, das Francis Bacon in all seinen Werken verfolgt.


Ich halte das Leben für bedeutungslos - aber wir geben ihm Bedeutung, solange wir existieren. Solcher Amoralismus, der sich jeder solidarischen Praxis verweigert, verbindet sich mit der Überzeugung, daß individuelle Sinnstiftung innerhalb der vorgegebenen Sinnlosigkeit einzig noch als ästhetische Existenz möglich ist. Nietzsche rekapitulierend nennt Bacon den Menschen ein völlig zweckloses Geschöpf, das sein Spiel grundlos zu Ende spielen müsse, immerhin aber die Chance habe, dieses Spiel durch die Kunst zum großen Ausdruck zu steigern.

 

 

Hab nun, ach! Philosophie . .

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei    und   Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da  steh  ich  nun, ich  armer Tor!                                      Und bin so klug also wie zuvor;       

                              


Faust II ist Goethes großes Alterswerk. In der Dichtung, in der bildenden Kunst und in der Musik besitzen die Alterswerke bedeutender Künstler einen besonderen Charakter. Das lässt sich an vielen Beispielen beobachten. Diese Werke zeigen vollendete künstlerische Meisterschaft, in der Form manchmal so kühn, dass die Zeitgenossen ratlos, verständnislos davorstehen und dann häufig auch nicht zögern, Werk und Autor deswegen heftig zu kritisieren. Und gleichzeitig sind diese Werke meist eine Art von Vermächtnis, so als ob ihre Schöpfer schon wie von ferne auf ihr Leben zurückblicken und die Summe ihrer tiefsten Erfahrungen der noch unempfänglichen Nachwelt zur allmählichen Entdeckung übergeben.

Goethe nannte in den letzten Jahren seines Lebens die Arbeit an Faust II sein »Hauptgeschäft«. Und am 22. Juli 1831 vermerkt er an erster Stelle im Tagebuch – fast meint man das Aufatmen zu hören – »Das Hauptgeschäft zu Stande gebracht«.

In dem von Goethe häufig benutzten Wörterbuch von Johann Christoph Adelung findet sich unter »zu Stande bringen« u. a. die Eintragung: »zu dem gehörigen Grad der Vollkommenheit bringen« [...]

 

 

Der Russe Lew Tolstoi (1828-1910) gilt als einer der größten Schriftsteller, Philosophen und Sozialutopisten des 19. Jahrhunderts.

Lew N. Tolstoi - Ausschnitte aus: Meine Beichte

Er gehörte zweifellos zu den bedeutendsten Schriftstellern der Menschheits-geschichte. Er suchte fast sein ganzes Leben lang intensiv nach dem Sinn des Lebens, er war besessen von der Idee des Absoluten, für ihn gilt Kirillows Satz „Mich hat Gott das ganze Leben über gequält“. Das hat er nicht nur in eigenständigen Abhandlungen dargelegt, sondern auch in seine literarischen Schriften einfließen lassen. Metaphysische Probleme sind dort in großartigen Bildern, Ereignissen und Figuren festgehalten. Am ergiebigsten für die Frage nach dem Sinn des Lebens sein Text, der Ende der siebziger Jahre geschrieben wurde: Tolstois Abhandlung „Meine Beichte“. Der Text läßt sich aber nur verstehen, wenn wir den Kontext berücksichtigen.

„Meine Beichte“ ist gleichsam eine Fortsetzung von „Anna Karenina“. Denn am Ende dieses großen Romans denkt Lewin intensiv über den Sinn des Lebens nach – und genau das tat auch Tolstoi während der Niederschrift dieses Werks. Nach der Beendigung der Arbeit stürzt er sogar in eine tiefe Krise, wir würden heute vielleicht sagen, in eine Midlife-Crisis. Alte Zweifel an seinem Lebensstil werden wach, religiöse und philosophische Fragen beschäftigen ihn intensiver denn je. Das Ergebnis dieses Nachdenkens ist „Meine Beichte“, eine der ersten Schriften der Weltliteratur, die sich ausdrücklich und ausschließlich der Frage nach dem Sinn des Lebens widmet.


Meine Frage -die Frage, die mich im fünfzigsten Lebensjahr auf Selbstmordgedanken brachte, war die allereinfachste Frage, die in der Seele eines jeden Menschen ruht, vom dümmsten Kind bis zum weisesten Greis, die Frage, ohne die das Leben unmöglich ist, wie ich es tatsächlich an mir selbst erfuhr. Die Frage besteht in Folgendem: »Was wird das Ergebnis sein von dem, was ich heute tue, was ich morgen tun werde -was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein?«

Anders ausgedrückt, lautet die Frage: »Wozu lebe ich? Wozu begehre ich? Wozu handle ich?« Noch anders kann man die Frage so ausdrücken: »Ist in meinem Leben ein Sinn, der nicht zunichte würde durch den unvermeidlichen, meiner harrenden Tod?« [...]

 

 

Christoph Schlingensief - Wer seine Wunde zeigt . . .

 

LITURGIE-FRAGMENTE

 

Wir gedenken des zukünftig Verstorbenen, der vieles leisten wollte, kaum dass er schon wieder weg war. Ein Mensch, wie wir, wie du, wie ich, wie alle – und damit auch besonders. Er war der, der er war, mehr nicht, aber immerhin, wer kann das schon von sich sagen. Viele sind tot, viele sind untot, uns hat man jedenfalls noch nicht beerdigt. Halleluja!

 

Ich hab es eigentlich immer gut gemeint, ich habe immer nur Gutes gewollt. Ich hab es nicht böse gemeint. Den Glauben daran, dass es böse war, haben die anderen gehabt. Das war nicht ich, das waren die anderen. Ich habe immer nach dem Guten gesucht. Ich habe immer an das Gute gedacht. Die Totale war für mich immer das Beste. Ich habe immer die Totale versucht, für jeden Schauspieler. Ich hab immer versucht, das Close-up wegzulassen, ich hab immer das Gute, die Totale gesucht. Ich habe es gut gemeint. Ich habe das Gute gesucht und ich habe es nicht böse gemeint.

Der Draht ist irgendwie weg. Ich habe keinen Kontakt. Ich weiß aber nicht, warum. Ich weiß nicht, ob die von oben nicht wollen oder von unten… ob einfach die Verbindung weg ist… Hallo… Ist hier vielleicht irgendwo eine Schwester? Ich glaube, es geht mir nicht gut… Ist hier jemand [...]

 

Christoph Schlingensief

 

 

Peter Kümmel

Christoph Schlingensief - Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

Sechseinhalb Milliarden Menschen leben auf unserem Planeten, alle werden sterben, darf sich da ein Einzelner, dem das Ende droht, so wichtig nehmen? Hundert Milliarden Menschen sind schon auf dieser Erde gewandelt, ihre Mortalitätsrate beträgt hundert Prozent, die Geschichte kennt keine Überlebenden, darf da einer derart himmelschreiend klagen, dem es womöglich an den Kragen geht?

 

Er baut sich also seine eigene Kirche und funkt von dort aus Gott an. »Denn der Organismus«, so sagt er, »besteht auch aus Stammhirn, und das Stammhirn arbeitet auch dann noch weiter, wenn der andere bereits geschossen hat. Halleluja!« Der andere aber, der geschossen und die Krankheit auf ihn losgelassen hat, ist Gott. Was Schlingensief da formuliert, ist der Plan zu einem Gegenschlag. Ein Mann vergesellschaftet seine Angst; er stellt sie uns wie einen Überschuss an Wärme zur Verfügung.

 

Das ist der Weg, den unser Glauben uns verheißt, und Schlingensief inszeniert ihn mit den Mitteln des Theaters, der Kirche und der Geisterbahn: einmal sterben – und auferstehen. Und wenn am Ende die beiden Chöre des Abends, der Gospelchor Angels Voices und der Kinderchor des Aalto-Theaters, miteinander konkurrieren und schließlich miteinander verschmelzen, tiefe Nacht und fröhliche Morgenfrühe, dann ist etwas spürbar wie Einverstandensein mit dem, was so gern beschrieben wird als »Kreislauf von Werden und Vergehen«.

 

Nun setzt er das System seiner Kunst gegen das System der Krankheit; ein Geschwür gegen das andere. Was er tue, hat er mal gesagt, sei bloße Abwehr des Bösen, selbst wenn es sich als das Böse tarne. So funktioniere sein Voodoo-Glaube. Was den Voodoo-Gläubigen vom Christen unterscheide: »Der Christ«, so Schlingensief, »geht in die Kirche, um Gott zu treffen. Der Voodoo-Mann will selbst Gott werden.«

 

Trauerfeier für einen Überlebenden

Peter Kümmel