Die Sterblich Verliebten

 

Nichts ist wie es scheint. Nicht einmal, wenn wir das Buch "Die sterblich Verliebten" ausgelesen haben, können wir sicher sein, was in der Romanhandlung geschah, denn auch der Protagonistin María Dolz bleiben Zweifel. Auf jeden Fall geht es in "Die sterblich Verliebten" um die Relativität und die Vergänglichkeit der Liebe.

Ein Mann wird erstochen. Aber "Die sterblich Verliebten" ist kein Kriminalroman. Statt Action und Suspense bietet Javier Marías den Leserinnen und Lesern eingehende Überlegungen einer "jungen Besonnenen". Den Plot könnte man in wenigen Worten zusammenfassen, aber Javier Marías verwendet 430 Seiten, um die Geschichte zu entwickeln, denn er lässt die Ich-Erzählerin María Dolz seitenlang über "was wäre, wenn" nachdenken und auch ihren Liebhaber Javier Díaz-Varela ausufernde Monologe halten. Javier Marías ist sich dessen selbstverständlich bewusst, und er schreibt über Schriftsteller, mit denen die Lektorin María Dolz zu tun hat:

 

Er neigte stark zum Vortragen, Abhandeln, Abschweifen, wie nicht wenige Autoren, die ich im Verlag getroffen habe, man könnte meinen, sie hätten noch nicht genug daran, Blatt für Blatt mit ihren Einfällen, ihren Geschichten zu füllen, die, wenn nicht absurd, dann eitel, wenn nicht schaurig, dann peinlich sind, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Rezension: Dieter Wunderlich


Javier Marías - Die sterblich Verliebten


Das Ende der eigenen Erzählung . . .

. . . . ›sollte mir etwas zustoßen, und ich wäre nicht mehr da‹, hätte ihm Deverne eines Tages sagen können, ›zähle ich darauf, dass du dich um Luisa und die Kinder kümmerst.‹

›Was heißt das? Wovon redest du? Ist etwas mit dir? Was soll das? Du hast doch nichts, oder?‹, hätte Díaz-Varela beunruhigt und erschrocken geantwortet. ›Nein, ich denke nicht, dass mir etwas passiert, nicht in nächster Zeit, nicht einmal in fernerer Zukunft, ich frage nur so, ich bin rundum gesund. Aber wenn man an den Tod denkt und sich vor Augen führt, welche Wirkung er auf die Lebenden hat, dann muss man sich ab und an fragen, was nach dem unseren geschehen wird, in welcher Lage die Menschen zurückbleiben, für die wir wichtig sind, wie sehr es sie mitnehmen wird. Ich rede nicht vom Finanziellen, das ist praktisch geregelt, sondern von allem Übrigen. Die Kinder werden eine schlimme Zeit durchmachen, und Carolina wird sich ihr ganzes Leben lang an mich erinnern, immer undeutlicher, immer verschwommener, und wird mich ebendarum idealisieren, denn mit dem Undeutlichen, Verschwommenen kann man nach Lust und Laune umspringen, kann es ins verlorene Paradies umwandeln, in die goldene Zeit, in der alles an seinem Platz war und nichts und niemand fehlte. Aber letztlich ist sie noch klein, eines Tages wird sie das alles abstreifen, ihr Leben leben, mit den tausenderlei Illusionen, die jedem Alter eigen sind. Sie wird ein normales Mädchen sein, gelegentlich mit einem Anflug von Schwermut. Gern wird sie sich in die Erinnerung an mich flüchten, wenn ihr etwas Kummer bereitet oder schiefgelaufen ist, aber das tun wir alle mehr oder weniger oft, suchen Zuflucht bei dem, was war und nicht mehr ist. Doch würde es ihr helfen, wenn eine wirkliche, lebendige Person meinen Platz, soweit möglich, einnehmen könnte, jemand, der Antwort gibt. Wenn sie eine Vaterfigur um sich hätte, die sie regelmäßig sieht und an die sie bereits gewöhnt ist. Für mich bist du am besten geeignet für diese Zweitbesetzung. Um Nicolás mache ich mir weniger Sorgen: Zwangsläufig wird er mich vergessen, er ist noch so klein. Aber gut täte es ihm auch, wenn du ihm bei seinen Problemen beispringen könntest, und die wird er bekommen, reichlich sogar, bei seinem Charakter. Doch am wenigsten wüsste sich Luisa zu fassen oder zu helfen. Sie mag wieder heiraten, aber sehr realistisch scheint mir das nicht zu sein, schon gar nicht bald, und je älter sie wird, desto schwieriger ist es. Ich denke mir, nach der ersten Verzweiflung und der Trauer, und beides zusammen wird lange dauern, wäre ihr dieser ganze Prozess einfach zu mühselig. Du weißt ja: jemand Neuen kennenlernen, ihm deine Lebensgeschichte erzählen, wenn auch in groben Zügen, sich den Hof machen lassen oder Präsenz zeigen, Anreize schaffen, Interesse bekunden, seine beste Seite vorführen, erklären, wie man selbst ist, sich anhören, wie der andere ist, Misstrauen überwinden, sich an jemanden gewöhnen und den anderen an sich gewöhnen, übersehen, was einem missfällt. All das würde ihr lästig fallen, wem nicht, genau betrachtet. Man macht einen Schritt, dann noch einen und noch einen. Das ermüdet und hat unweigerlich etwas Monotones, schon Durchgespieltes, für mich in meinem Alter wäre das nichts. Man glaubt es nicht, aber viele Schritte sind nötig, bis man erneut Fuß fasst. Nur schwer kann ich sie mir mit dieser Spur Neugier oder Erwartung vorstellen, von Natur aus ist sie nicht rastlos, nicht unzufrieden. Wenn sie es wäre, könnte sie eine gewisse Zeit nach dem Verlust allmählich den einen oder anderen Vorteil oder Ausgleich suchen. Ohne es sich einzugestehen, versteht sich, aber suchen würde sie. Den Schlussstrich unter eine Geschichte ziehen und eine neue anfangen, egal welche, wenn man dazu gezwungen ist, auf lange Sicht ist das gar nicht so bitter. So zufrieden man auch mit der war, die zu Ende ging. Ich habe untröstliche Witwer und Witwen gesehen, die lange Zeit glaubten, sie würden nie wieder auf die Beine kommen. Doch wenn sie sich gefasst und einen neuen Partner gefunden haben, scheint ihnen dieser letzte der wahre und gute zu sein, und insgeheim freuen sie sich, dass der vorige verschwunden ist, das Feld geräumt hat für das, was sie sich nun aufgebaut haben. Das ist die entsetzliche Macht der Gegenwart, die die Vergangenheit umso stärker erdrückt, je weiter sie sich entfernt, und sie sogar verfälscht, ohne dass die Vergangenheit den Mund aufmachen, protestieren, widersprechen oder Einspruch einlegen könnte. Gar nicht zu reden von diesen Männern oder Frauen, die es nicht wagen, den Partner zu verlassen, nicht wissen wie oder fürchten, zu viel Schaden anzurichten: Diese wünschen sich heimlich, dass der andere stirbt, sähen ihn lieber tot, als sich dem Problem zu stellen und es auf vernünftige Weise zu lösen. Absurd, aber so ist es: Im Grunde wünschen sie ihm nichts Böses, ja versuchen ihn durch ihr persönliches Opfer, ihr angestrengtes Schweigen davor zu bewahren (wünschen es ihm aber doch, denn er soll ihnen nicht mehr unter die Augen kommen, was das größte, endgültigste Übel ist), sie wollen nur nicht die Verursacher sein, wollen sich nicht verantwortlich für jemandes Unglück fühlen, nicht einmal für das derer, die uns durch ihre bloße Nähe quälen, durch das Band, das sie fesselt und das sie durchtrennen könnten, wenn sie nur mutig wären. Da sie es aber nicht sind, phantasieren und träumen sie von etwas so Radikalem wie dem Tod des anderen. »Welch einfache Lösung, welch Erleichterung«, denken sie, »ich hätte nichts damit zu tun, würde ihm keinerlei Schmerz oder Kummer zufügen, er oder sie würde nicht um meinetwillen leiden, ein Unfall, eine plötzliche Krankheit, ein Unglück, bei der ich meine Hand nicht im Spiel hätte; im Gegenteil, in den Augen der anderen, ja in den eigenen wäre ich ein Opfer. Und wäre frei.« Aber Luisa ist nicht so. Sie hat sich voll und ganz in unserer Ehe eingerichtet und niedergelassen, kann sich kein anderes Leben vorstellen als das gewählte und gegenwärtige. Sie wünscht sich nur mehr vom selben, keinerlei Veränderung. Ein Tag soll dem anderen gleichen, nicht mehr, nicht weniger. Dabei kommt ihr nicht einmal der Gedanke, der mir durch den Kopf geht, das heißt, die Möglichkeit meines Todes oder des ihren, das sprengt ihr Vorstellungsvermögen, hat keinen Platz darin. Nun gut, der ihre auch nicht in meinem, ihn mir vorzustellen, fällt mir weit schwerer, und ich denke kaum darüber nach. Über meinen jedoch schon, ab und an, es gibt so Phasen, jeder kämpft mit seiner eigenen Hinfälligkeit, nicht mit der anderer, so nahe sie ihm auch stehen. Ich weiß nicht, weiß nicht, wie ich es erklären soll, es gibt Momente, da habe ich keinerlei Mühe, mir die Welt ohne mich vorzustellen. Wenn mir also eines Tages etwas zustößt, Javier, etwas Endgültiges, sollst du ihr Ersatz sein. Ja, das ist ein pragmatisches, gemeines Wort, aber treffend. Hab keine Angst, versteh mich recht.

Selbstverständlich verlange ich nicht, dass du sie heiratest oder dergleichen. Du hast dein Junggesellenleben und deine vielen Frauen, auf die würdest du nicht einfach so verzichten, schon gar nicht posthum einem Freund zuliebe, der dich nicht mehr zur Rede stellen oder dir Vorwürfe machen wird, sondern der mucksmäuschenstill im Vergangenen weilt, das nie protestiert. Aber bitte bleib in ihrer Nähe, wenn ich einmal nicht mehr bin. Zieh dich wegen meiner Abwesenheit nicht zurück, im Gegenteil: Leiste ihr Gesellschaft, biete ihr Halt, Gespräch und Trost, schau täglich kurz bei ihr vorbei, ruf so oft wie möglich an, ohne Vorwand, als wäre es ganz natürlich und Bestandteil ihres Tages. Sei ihr eine Art Ehemann, ohne einer zu sein, wie ein Fortleben meiner selbst. Luisa, glaube ich, würde nicht darüber hinwegkommen ohne einen täglichen Bezugspunkt, ohne jemanden, den sie an ihren Gedanken teilhaben lassen, dem sie ihren Tag erzählen kann, ohne ein Äquivalent dessen, was sie jetzt mit mir hat, zumindest ab und an. Dich kennt sie seit langem, bei dir müsste sie sich nicht überwinden wie bei einem Unbekannten. Du könntest ihr sogar von deinen Abenteuern erzählen, sie damit zerstreuen, ihr gestatten, über dich im Geist noch einmal zu erleben, was sie für sich nicht mehr für möglich hält. Ich weiß, ich verlange viel von dir, und es brächte dir kaum Vorteile, wäre vielleicht nur eine Last. Aber Luisa könnte mich dir zum Teil ebenfalls ersetzen, könnte mein Fortleben für dich bedeuten. Man lebt immer in denen fort, die einem am nächsten stehen, und diese erkennen einander, finden über den Toten zusammen, als wäre die vergangene Beziehung zu ihm der Grundstein einer Bruderschaft, einer Kaste. Sagen wir, du würdest mich nicht ganz verlieren, würdest dir ein klein wenig von mir in ihr bewahren. Alle möglichen Frauen hast du immer bei der Hand, aber Freunde wenige. Glaub ja nicht, du würdest mich nicht vermissen. Sie und ich, wir haben zum Beispiel denselben Sinn für Humor. All die Jahre, die wir schon Witze miteinander machen.‹

Díaz-Varela hätte wohl sicher gelacht, um den unheilvollen Ton seines Freundes zu mildern, und auch, weil ihm die Bitte unfreiwillig komisch erschienen wäre, so verschroben und unerwartet war sie. ›Du verlangst von mir, dass ich dich ersetze, wenn du stirbst‹, hätte er geantwortet, halb als Feststellung, halb als Frage. ›Dass ich Luisas Ehemann mime und einen Vater auf Distanz? Ich weiß nicht, wie du auf den Gedanken kommst, du könntest bald aus ihrem Leben verschwinden, wenn es dir gesundheitlich gutgeht, wie du sagst, und es keinen triftigen Grund gibt, zu befürchten, dir könnte etwas zustoßen. Bist du sicher, dass nichts mit dir ist? Du hast also keine Krankheit. Steckst in keiner Klemme, von der ich nichts weiß. Hast dich nicht in Schulden gestürzt, die nicht zu begleichen sind oder nicht mehr mit Geld. Niemand hat dich bedroht. Du denkst nicht daran, auf eigene Faust wegzugehen, abzuhauen.‹

›Nein. Glaub mir. Ich verheimliche nichts. Es ist nur, was ich gesagt habe, manchmal überfällt es mich eben, ich stelle mir die Welt ohne mich vor und bekomme es mit der Angst. Nur wegen der Kinder und wegen Luisa, sonst nichts, keine Sorge, ich nehme mich nicht wichtig. Ich will nur sicher sein, dass du dich um sie kümmern würdest, wenigstens in der ersten Zeit. Dass sie jemanden als Stütze haben werden, der mir so ähnlich wie möglich ist. Und ob es dir gefällt oder nicht, ob du es weißt oder nicht, du bist mir so ähnlich wie möglich. Wenn auch nur, weil wir uns so lange kennen.‹

Díaz-Varela hätte einen Moment nachgedacht und wäre dann bestimmt nicht ganz, aber doch zur Hälfte ehrlich gewesen:

›Aber ist dir bewusst, in was du mich da treiben würdest? Ist dir bewusst, wie schwierig es ist, ein falscher Ehemann zu sein, ohne früher oder später ein echter zu werden? In einer Situation, wie du sie beschreibst, kann es leicht passieren, dass sich Witwe und Junggeselle bald schon für mehr halten, als sie sind, und Rechte geltend machen. Setz jemanden in den Alltag eines anderen, gib ihm das Gefühl, verantwortlich und ein Beschützer zu sein, unverzichtbar für den anderen zu werden, und du wirst sehen, wohin das führt. Sofern sie annähernd attraktiv sind und kein abgrundtiefer Altersunterschied besteht. Luisa ist äußerst attraktiv, wem sage ich das, und ich kann mich über meine Resonanz bei den Frauen nicht beklagen. Nicht, dass ich glaubte, ich würde je heiraten, das ist es nicht. Aber solltest du eines Tages sterben,und ich ginge dann täglich bei dir ein und aus, wäre schwerlich zu verhindern, dass geschieht, was nie geschehen dürfte, solange du am Leben bist. Willst du mit diesem Gedanken sterben? Es sogar begünstigen oder befördern, uns dazu drängen?

Desvern hätte einen Moment nachdenklich geschwiegen, als hätte er diesen Punkt vor dem Aussprechen seiner Bitte nicht bedacht. Dann hätte er mit etwas väterlicher Herablassung gelacht und gesagt:

›Du bist unverbesserlich in deiner Eitelkeit, deinem Optimismus. Ebendeshalb wärst du ihr ein so guter Halt, eine so gute Stütze. Ich glaube nicht, dass derlei passieren würde. Denn du bist ihr zu vertraut, wie ein Cousin, den sie unmöglich mit anderen Augen sehen kann‹, hier hätte er einen Moment gezögert oder zumindest so getan, ›als mit den meinen. Ihr Bild von dir hat sie von mir, es ist vererbt und vorbelastet. Du bist ein alter Freund ihres Mannes, von dem sie mich oft hat reden hören, zugleich herzlich und scherzend, wie du dir denken kannst. Bevor Luisa dich kennenlernte, wusste sie bereits von mir, wie du warst, ich hatte ihr dein Bild gemalt. Von jeher hat sie dich in diesem Licht, mit diesen Zügen gesehen, kann sie nicht mehr ändern, sie hatte schon ein fertiges Bild von dir, bevor ich euch vorgestellt hatte. Und ich will dir nicht verheimlichen, dass uns deine Geschichten und dein, wie soll ich’s nennen, Selbstvertrauen zum Lachen bringen. Bestimmt stört es dich nicht, dass ich das sage. Das ist einer deiner Vorzüge, und obendrein hast du es immer drauf angelegt, nicht allzu ernst genommen zu werden. Das wirst du mir doch nicht abstreiten.‹

Díaz-Varela hätte sich wahrscheinlich geärgert, es jedoch überspielt. Niemand hört gern, dass er keine Chance bei jemandem hat, auch wenn ihn derjenige nicht interessiert und er keinerlei Eroberung im Sinn hatte. Oft vollzieht sich eine Verführung oder beginnt zumindest aus Groll oder Trotz, mehr nicht, als Wette, als Gegenbeweis. Das Interesse kommt nachher. Am Ende stellt es sich meist wirklich ein, die Manöver, der eigene Eifer erwecken es. Doch anfangs ist es nicht vorhanden, wenigstens nicht, bevor einem abgeraten, bevor man herausgefordert wurde. Vielleicht wünschte Díaz-Varela in dem Moment Devernes Tod, damit er ihm beweisen konnte, dass Luisa ihn sehr wohl ernst nehmen würde, wenn keiner mehr zwischen ihnen stand. Aber wie beweist man einem Toten etwas? Wie erfährt man von seiner Richtigstellung, seinem Eingeständnis? Nie erhalten wir von ihnen die Bestätigung, die wir brauchen, und müssen uns mit dem Gedanken begnügen: ›Wenn dieser Tote wieder unter uns wandelte.‹ Aber keiner von ihnen tut das. Er könnte es Luisa beweisen, in der Desvern eine Zeitlang fortleben würde, wie ihr Mann gesagt hatte. Vielleicht war das so, vielleicht hatte er recht. Bis er ihn fortwischen würde. Bis er seine Erinnerung, seine Spur ausgelöscht, ihn verdrängt hätte.

›Nein, das bestreite ich nicht, und wie sollte es mich stören. Aber auch der Blick wandelt sich gewaltig, vor allem wenn der Maler des Porträts nichts mehr daran verbessern kann und nun der Porträtierte selbst den Pinsel in der Hand hat. Der kann es retuschieren, kann Strich für Strich die Umrisse verändern und den ersten Künstler als Fälscher hinstellen. Oder als Verirrten, als schlechten Maler, oberflächlich und ohne Scharfblick. »Was für ein falsches Bild hat man mir vermittelt«, denkt womöglich der Betrachter. »Der Mann ist nicht, wie man ihn mir beschrieben hatte, er besitzt Tiefgang, Feuer, Format, Ernst.« Das geschieht tagtäglich, Miguel, am laufenden Band. Erst sehen die Leute das Eine, am Ende das Gegenteil. Zunächst liebt man, am Ende hasst man, Gleichgültigkeit wird zu Leidenschaft. Nie können wir sicher sein, was sich für uns als lebensnotwendig, wer sich für uns als wichtig erweisen wird. Unsere Überzeugungen sind schwankend und schwach, für so stark wir sie auch halten mögen. Ebenso unsere Gefühle. Wir sollten uns nicht für sie verbürgen.‹

Deverne hätte vielleicht den verletzten Stolz herausgehört und nicht weiter darauf geachtet.

›Und dennoch‹, hätte er gesagt. ›Wenn ich es nicht für möglich halte, was spielt es für eine Rolle, wenn es nach meinem Tod doch möglich wird. Ich würde nichts davon erfahren. Ich wäre mit der Überzeugung gestorben, dass es diese Verbindung zwischen euch beiden nicht geben kann, und es zählt, was man selbst vorhersieht, denn was man im letzten Augenblick wahrnimmt und erlebt, ist das Ende der Geschichte, das Ende der eigenen Erzählung. Man weiß, dass alles ohne einen weitergeht, dass nichts aufhört, weil man fort ist. Aber dieses Danach betrifft einen nicht. Entscheidend ist, dass man selbst aufhört, und folglich bleibt alles stehen, die Welt ist unweigerlich so wie im Moment, in dem der Endende endet, auch wenn es tatsächlich ganz anders aussieht. Aber dieses »tatsächlich« spielt keine Rolle mehr. Man erlebt den einzigen Augenblick, in dem es keine Zukunft mehr gibt, in dem uns die Gegenwart als unabänderlich und ewig erscheint, weil wir nichts Tatsächlichem, keinem Wandel mehr beiwohnen werden. Manch einer hat versucht, eine Veröffentlichung voranzutreiben, damit sein Vater das gedruckte Buch noch sehen kann und sich mit der Vorstellung verabschiedet, sein Sohn sei ein gestandener Schriftsteller, was macht es schon, wenn er später keine einzige Zeile mehr verfasst. Manch verzweifelte Bemühung gab es, zwei Menschen kurzzeitig miteinander zu versöhnen, damit ein Sterbender glauben kann, sie hätten Frieden geschlossen und alles sei bereinigt und in Ordnung, was spielt es für eine Rolle, dass sich die Verfeindeten zwei Tage nach dessen Verscheiden wieder die Köpfe einschlagen, wichtig war nur, was unmittelbar vor dem Tod eingetreten und gewesen war. Manch einer spielt einem Sterbenden vor, ihm zu vergeben, damit er in Frieden oder beruhigter hinscheiden kann, was macht es schon, dass sich der Vergebende am nächsten Morgen im tiefsten Innern wünscht, er möge in der Hölle schmoren. Manch einer hat am Sterbebett wahnwitzig gelogen und Mann oder Frau geschworen, dass er nicht ein einziges Mal untreu gewesen, dass seine Liebe und Beständigkeit ohne Kratzer waren, was spielt es für eine Rolle, dass er einen Monat später schon mit seiner langjährigen Geliebten zusammenlebt. Wahr, ja endgültig ist nur das, was der Sterbende unmittelbar vor seinem Fortgang sieht oder glaubt, denn für ihn geht die Geschichte nicht weiter. Es liegt ein Abgrund zwischen dem, was der von seinen Feinden hingerichtete Mussolini glaubte, und dem, was Franco in seinem Bett glaubte, im Kreise seiner Lieben, vergöttert von seinen Landsleuten, was auch immer diese Heuchler heute sagen mögen. Von meinem Vater habe ich gehört, Francos Arbeitszimmer soll ein Foto geschmückt haben, das Mussolini zeigte, wie ein Schwein kopfüber aufgehängt vor der Tankstelle in Mailand, wo man seinen Leichnam und den seiner Geliebten Clara Petacci zur Verhöhnung ausgestellt hatte, und wenn es sich ein Besucher entsetzt oder verblüfft anschaute, pflegte er zu sagen: »Ja, schauen Sie nur: So werde ich nie abgehen.« Und er behielt recht, dafür hatte er gesorgt. Zweifellos starb er relativ glücklich und überzeugt, alles würde so weitergehen, wie er es vorgeschrieben hatte. Über diese gewaltige Ungerechtigkeit, über ihre Wut trösten sich viele mit dem Gedanken hinweg »wenn der wieder unter uns wandelte« oder »wenn der sähe, wie es heute steht, würde er sich im Grabe umdrehen«, und sie finden sich niemals ganz damit ab, dass keiner je wieder unter uns wandelt, sich im Grabe umdreht oder die geringste Ahnung von dem hat, was nach seinem letzten Atemzug geschieht. Sonst könnte man auch denken, dass es für einen Ungeborenen von Bedeutung wäre, was auf der Welt vor sich geht. Dem, der noch nicht existiert, muss alles so gleichgültig sein wie dem, der bereits gestorben ist. Beide sind sie nichts, beiden fehlt das Bewusstsein, der Erste ahnt nichts von seinem Leben, der Zweite kann sich an seines nicht erinnern, als hätte er es nie gelebt. Sie befinden sich auf der gleichen Ebene, sind nicht und wissen nichts, so schwer es uns fällt, das zuzugeben. Welche Bedeutung hat es für mich, was passiert, wenn ich einmal fort bin. Für mich zählt nur, was ich jetzt glaube und vorhersehe. Ich glaube, es wäre besser für meine Kinder, dass du in ihrer Nähe bleibst, wenn ich nicht mehr bin. Ich sehe vorher, dass Luisa sich schneller aufrappeln, weniger leiden würde, wenn sie dich als Freund zur Seite hätte. Ich kann mir nicht fremde Mutmaßungen anverwandeln, nicht einmal deine oder Luisas, ich muss mich an meine halten, und ich kann mich euch anders nicht vorstellen. Also bitte ich dich für den Fall, dass mir etwas zustoßen sollte, noch einmal um das Versprechen, dich um sie zu kümmern.‹

Díaz-Varela hätte wohl noch ein wenig weiterdiskutiert:

Ja, zum Teil hast du recht. Aber in einem Punkt nicht: Ein Ungeborener und ein Toter sind nicht das Gleiche, denn wer stirbt, hinterlässt Fußstapfen und weiß das. Er weiß, dass er von nichts mehr eine Ahnung haben, jedoch Spuren und Erinnerungen hinterlassen wird. Dass man ihn vermissen wird, du selbst sagst das, und dass die Menschen, die ihn kannten, nicht weiterleben werden, als hätte er nicht existiert. Manch einer wird sich ihm gegenüber schuldig fühlen, wird wünschen, ihn zu Lebzeiten besser behandelt zu haben, wird um ihn weinen und nicht begreifen, dass er niemals Antwort gibt, wird über seine Abwesenheit verzweifeln. Niemandem fällt es dagegen schwer, über den Verlust eines Ungeborenen hinwegzukommen, höchstens bei einer Fehlgeburt kann die Mutter sich nur langsam von der Hoffnung verabschieden, wird sich ab und an fragen, was das für ein Kind geworden wäre. Doch eigentlich kann in dem Fall nicht von Verlust die Rede sein, nicht von Leere, von vergangenen Begebenheiten. Wer jedoch gelebt hat und gestorben ist, verschwindet nicht vollends, überdauert zumindest noch zwei Generationen; seine Taten sind verbürgt, und das weiß er beim Sterben. Er weiß, dass er nichts mehr sehen, nichts mehr erfahren kann, dass er von nun an zur Unwissenheit verurteilt ist und die Geschichte mit ebendiesem Augenblick endet. Aber du selbst sorgst dich darum, was deine Frau und Kinder erwartet, hast deine finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht, bist dir der Lücke bewusst, die du hinterlassen wirst, und bittest mich, sie auszufüllen und dich bis zu einem gewissen Punkt zu ersetzen, wenn du nicht mehr bist. Nichts davon hätte ein Ungeborener in der Hand.‹ ›Natürlich nicht‹, hätte Desvern geantwortet, ›aber all das tue ich im Leben, tut ein Lebender, der nichts mit einem Toten zu schaffen hat, auch wenn wir gewöhnlich denken, dass beide ein und derselbe sind, wie immer gesagt wird. Wenn ich tot bin, werde ich kein Mensch mehr sein, nichts mehr regeln, nichts mehr erbitten können, werde keinerlei Bewusstsein, keinerlei Sorgen haben. Auch ein Toter hätte all das nicht in der Hand, darin gleicht er dem Ungeborenen. Ich rede nicht von den anderen, die uns überleben, an uns denken und sich noch in der Zeit befinden, auch nicht von meinem jetzigen Selbst, von dem, der noch nicht fort ist. Der tut und denkt natürlich Dinge, so viel steht fest; er schmiedet Pläne, trifft Maßnahmen und Entscheidungen, will Einfluss nehmen, begehrt, ist verletzlich und kann selbst verletzen. Nein, ich rede von mir als Totem, und in dieser Eigenschaft an mich zu denken, scheint dir schwerer zu fallen als mir. Du darfst uns nicht verwechseln, mich als Lebenden und mich als Toten. Ersterer bittet dich um etwas, was Letzterer nicht wird einfordern, anmahnen oder überprüfen können. Was kostet es dich also, mir dein Wort zu geben. Du kannst es jederzeit brechen und kommst ungeschoren davon.‹

Díaz-Varela hätte sich mit der Hand über die Stirn gewischt und ihn befremdet, etwas überdrüssig angesehen, als erwachte er aus einer Träumerei, einer Betäubung. Jedenfalls aus einem nicht erwarteten Gespräch, unangemessen und unheilvoll.

›Du hast mein Ehrenwort, was immer du willst, du kannst auf mich zählen‹, hätte er gesagt. ›Aber sei so gut, geh mir nie wieder damit auf den Geist, es wird einem ganz anders davon. Komm, trinken wir ein Glas und reden über weniger makabre Dinge.‹

»Was ist denn das für eine Mistausgabe«, hörte ich Professor Rico murmeln, der einen Band aus dem Regal zog, er hatte die Bücher inspiziert, als wäre er allein im Zimmer. Ich sah, dass es eine Ausgabe des Don Quijote war, die er sich mit spitzen Fingern griff, als schauderte ihm davor. »Wie kann man bloß diese Ausgabe haben, da es meine gibt. Alles nur intuitive Torheit ohne Methode, ohne Wissenschaft, nicht mal eigene Einfälle sind drinnen, jede Menge abgeschrieben. Und noch dazu im Haus einer Dozentin, wenn ich recht verstanden habe. So weit ist es mit der Madrider Universität gekommen«, fügte er hinzu und schaute missbilligend zu Luisa.

Sie brach in herzhaftes Lachen aus. Obwohl die Rüge an sie gerichtet war, hatte sie die übertriebene Schroffheit amüsiert. Díaz-Varela lachte ebenfalls, vielleicht rein mimetisch, vielleicht schmeichelnd – für ihn konnten Ricos Dreistigkeit oder die Freiheiten, die er sich herausnahm, keine Überraschung sein –, und er wollte ihm noch mehr davon aus der Nase ziehen, womöglich, um zu sehen, ob Luisa weiterlachte und den Kummer von eben vergaß.

Allerdings wirkte er spontan dabei. Er konnte bezaubern, und wenn er es nur spielte, dann lag ihm das Spielen sehr.

»Na, du behauptest doch nicht etwa, der Herausgeber dieser Ausgabe sei keine Autorität, in manchen Zirkeln anerkannter als du«, sagte er zu Rico.

»Pah, anerkannt von Ignoranten und Kastraten, von denen dieses Land fast überläuft, oder in den Lesezirkeln der erbärmlichsten, faulsten Dörfer«, entgegnete der Professor. Er schlug den Band auf einer beliebigen Seite auf, warf einen missmutigen, schnellen Blick hinein, und sein Zeigefinger donnerte auf eine Zeile nieder wie ein Keulenschlag. »Schon hier ein Riesenpatzer.« Sogleich schlug er es zu, als brauchte er mehr nicht zu sehen. »Das werde ich ihm in einem Artikel unter die Nase reiben.« Triumphierend reckte er das Kinn, lächelte von einem Ohr zum anderen (ein mächtiges Lächeln, sein elastischer Mund machte es möglich) und fügte hinzu: »Und neidisch ist er auch auf mich.«


II

Sehr viel später erst sollte ich Luisa Alday wiedersehen, und im langen Dazwischen begann ich eine halbherzige Beziehung zu einem Mann und verliebte mich dumm und stillschweigend in einen anderen, der in sie verliebt war, verliebte mich in Díaz-Varela, den ich bald schon an einem Ort traf, der für Begegnungen kaum in Frage kommt, unweit der Stelle, an der Deverne getötet worden war, im rötlichen Bau des Naturkundemuseums gleich neben der Technischen Hochschule für Industrieingenieure oder vielmehr im selben Komplex, mit seiner glänzenden Kuppel aus Glas und Zink, an die siebenundzwanzig Meter hoch und fast zwanzig im Durchmesser, um 1881 errichtet, als der gesamte Bau weder Hochschule noch Museum war, sondern der nagelneue Palast für Kunst und Gewerbe, der damals eine bedeutende Ausstellung beherbergte, in dieser Gegend, die früher Altos del Hipódromo geheißen hatte, weil es dort ein paar Anhöhen gab und früher Pferde, deren einstige Glanzleistungen nun doppelt oder definitiv gespenstisch geworden sind, da wohl keiner mehr am Leben ist, der sie bezeugt hat oder sich an sie erinnert. Das Naturkundemuseum ist armselig, vor allem im Vergleich zu den englischen, aber manchmal ging ich mit meinen kleinen Neffen hin, damit sie die reglosen Tiere in ihren Schaukästen sahen und sich mit ihnen vertraut machten, und seitdem hatte ich eine gewisse Vorliebe dafür entwickelt, schaute von Zeit zu Zeit vorbei, mischte mich – unsichtbar für sie – unter die Schulklassen, die eine erregte oder geduldige Lehrerin begleitete, und unter die verirrten Touristen, die Zeit im Überfluss besitzen und aus einem allzu genauen, erschöpfenden Stadtführer von seiner Existenz erfahren haben: Sieht man von den zahllosen Wärtern ab, heutzutage fast immer Lateinamerikaner, sind das gewöhnlich die einzigen lebenden Wesen an diesem Ort, unwirklich, überflüssig und feenhaft wie alle Naturkundemuseen.

Ich schaute mir gerade das Modell eines mächtig klaffenden Krokodilrachens an – der mich mühelos aufnehmen könnte, wie ich immer dachte, und was für ein Glück es war, nicht an einem Ort zu leben, an dem es solche Reptilien gab –, als mich jemand beim Namen rief und ich mich umdrehte, beunruhigt, da es so unerwartet kam: In diesem halbleeren Museum wiegt man sich in der fast vollkommenen, tröstlichen Gewissheit, dass augenblicklich niemand weiß, wo man sich aufhält.

Ich erkannte ihn sofort, seine femininen Lippen, das täuschend gespaltene Kinn, das ruhige Lächeln, die zugleich aufmerksame und lässige Miene. Er fragte, was mich hierher gebracht habe, und ich antwortete: »Ab und an komme ich gern her. Ein Ort voll friedlicher Raubtiere, denen man sich nähern kann.« Kaum hatte ich das gesagt, fiel mir ein, dass es eigentlich wenig Raubtiere hier gab, der Satz dumm war und ich mich nur hatte interessant machen wollen, vermutlich mit verheerendem Ergebnis. »Ein friedlicher Ort«, schloss ich ohne weitere Ausschmückungen. Auf dieselbe Frage, was ihn hierher gebracht habe, erwiderte er: »Auch ich komme ab und an gern her«, ich wartete nun auf eine Dummheit seinerseits, zum Unglück jedoch vergebens, denn Díaz-Varela wollte mich nicht beeindrucken. »Ich wohne ganz in der Nähe. Wenn ich einen Spaziergang mache, führen mich meine Schritte gelegentlich bis hierher.« Das mit den Schritten, die ihn führten, schien mir einen Hauch gestelzt und kitschig zu sein, und ich schöpfte ein wenig Hoffnung. »Dann setze ich mich ein Weilchen draußen ins Café und gehe wieder nach Hause. Komm, trinken wir etwas, ich lade dich ein, es sei denn, du willst dir noch mehr von diesen Reißzähnen anschauen oder andere Säle.« Draußen gibt es vor der Hochschule, noch auf der Anhöhe unter Bäumen, einen Getränkekiosk mit Tischen und Stühlen im Freien.

»Nein«, antwortete ich, »die kenne ich auswendig. Ich wollte nur noch kurz hinunter, um mir die absurden Adam- und Evafiguren anzusehen.« Keine Reaktion, kein ›ach ja‹ oder etwas in der Art, wie jeder gesagt hätte, der häufig in das Museum kommt: Im Keller steht ein senkrechter, nicht sehr
großer Schaukasten, von einer Amerikanerin oder Engländerin entworfen, einer gewissen Rosamond Soundso, eine skurrile Darstellung des Gartens Eden. Alle Tiere rund um die Stammeltern scheinen lebendig zu sein, tummeln sich, horchen auf, Affen, Hasen, Pfauen, Kraniche, Dachse, vielleicht ein Tukan, sogar die Schlange, die mit allzu menschlicher Miene zwischen den sattgrünen Blättern des Apfelbaums hervorlugt. Adam und Eva dagegen stehen jeder für sich, beide bloß Knochengerippe, und das Laienauge kann sie nur dadurch unterscheiden, dass eines in der Rechten den Apfel hält. Bestimmt habe ich einmal das Schild dazu gelesen, aber ich erinnere mich nicht, dass es eine zufriedenstellende Erklärung dafür gegeben hätte. Wenn das männliche und weibliche Skelett gezeigt und ihre Unterschiede deutlich gemacht werden sollten, bleibt unverständlich, weshalb es unbedingt unsere Ureltern sein mussten, wie man sie dem alten Glauben nach nannte, dazu in diesem Ambiente; und wenn hier das Paradies mit doch recht armseliger Fauna dargestellt werden sollte, versteht man die Skelette nicht, da alle Tiere Fleisch, Fell oder Federn haben. Es ist eine der widersprüchlichsten Installationen im Naturkundemuseum, keinem Besucher kann sie entgehen, nicht wegen ihrer Schönheit, sondern wegen ihrer Unsinnigkeit.

»María Dolz, nicht wahr? Dolz stimmt doch, oder?«, sagte Díaz-Varela, nachdem wir uns vor den Kiosk gesetzt hatten, als wollte er sich mit seiner Merkfähigkeit, seinem guten Gedächtnis brüsten, letztlich hatte damals nur ich meinen Nachnamen genannt, hastig dazu, hatte ihn als Einsprengsel untergemischt, das keinen Anwesenden juckte. Ich fühlte mich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt, doch nicht umworben.

»Du hast ein gutes Gedächtnis und ein gutes Ohr«, sagte ich, um nicht unhöflich zu sein. »Ja, Dolz stimmt, nicht Dols oder Dolç mit Cedille.« Ich malte eine Cedille in die Luft. »Wie geht es Luisa?«

»Ach, du hast sie nicht wiedergesehen. Ich dachte, ihr hättet Freundschaft geschlossen.«

»Ja, soweit man das so nennen kann, was nur einen Tag gedauert hat. Ich habe sie damals bei ihr zu Hause zum letzten Mal gesehen. Da hatten wir uns sehr gut verstanden, und tatsächlich hat sie mit mir wie zu einer Freundin geredet, ihr beklagenswerter Zustand wird der Grund gewesen sein. Aber danach habe ich sie nicht mehr getroffen. Wie geht es ihr?«, hakte ich nach. »Du siehst sie ja fast täglich, oder?«

Nun wirkte er etwas verärgert, schwieg ein paar Sekunden. Mir kam der Gedanke, dass er mich vielleicht bloß hatte aushorchen wollen, im Glauben, ich stünde mit ihr in Verbindung, und nun war sein Annäherungsversuch sinnlos geworden, bevor er überhaupt begonnen hatte, mit einem ironischen Zusatz: Er würde jetzt mir Aufschluss und Nachricht über sie geben müssen.

»Nicht so gut«, antwortete er endlich, »allmählich mache ich mir Sorgen. Natürlich ist es so lange noch nicht her, aber sie spricht auf nichts an, kommt keinen Millimeter voran, will einfach nicht nach vorn schauen, und sei es nur flüchtig, blickt nie um sich, will nicht sehen, was ihr alles geblieben ist. Nach dem Tod des Mannes bleibt den Frauen doch einiges; ja, in ihrem Alter noch ein ganzes Leben. Die meisten Witwen richten den Blick bald wieder nach vorn, vor allem die jüngeren, die sich um Kinder kümmern müssen. Aber es ist nicht bloß wegen der Kinder, die schon bald keine mehr sind. Wenn sie nur erkennen könnte, wie es in ein paar Jahren in ihrem Innern aussehen wird, vielleicht schon in einem Jahr, würde sie feststellen, dass Miguels Bild, das sie jetzt noch unaufhörlich heimsucht, mit jedem Tag unschärfer, ja, schon ganz schmal geworden ist, und dass neue Neigungen nur noch Raum dafür lassen, sich sporadisch an ihn zu erinnern, mit einer Ruhe, die sie heute erstaunen würde, mit unverändertem Kummer, doch ohne große Beklemmung. Denn sie hätte neue Neigungen, und ihre erste Ehe wird ihr am Ende fast wie geträumt erscheinen, als schwankende, matte Erinnerung. Was ihr heute als tragische Anomalie erscheint, wird zu ihrer Normalität werden, unabänderlich, ja wünschenswert sogar, denn es ist nun mal eingetreten. Heute kann sie nicht akzeptieren, dass Miguel nicht mehr ist, aber der Augenblick wird kommen, an dem gerade unbegreiflich wäre, dass es ihn wieder gibt, dass er wieder da ist; an dem allein die Phantasievorstellung vom wundersamen Wiedererscheinen, von der Auferstehung, der Rückkehr, unerträglich wäre, denn sie hätte ihm inzwischen einen endgültigen Platz zugewiesen, ein Gesicht, das sich in der Zeit zur Ruhe gesetzt hat, und würde nicht dulden, dass sein fertiges, fixes Bild sich abermals den Wandlungen dessen unterwirft, was lebendig bleibt und somit unberechenbar. Gern wünschen wir, dass niemand stirbt, nichts zu Ende geht von dem, was uns begleitet und liebe Angewohnheit ist, merken jedoch nicht, dass Angewohnheiten einzig dann unversehrt bleiben, wenn man sie uns mit einem Schlag nimmt, ohne dass sie abdriften oder sich entwickeln können, ohne dass sie uns verlassen oder wir sie. Was dauert, verdirbt und verrottet am Ende, langweilt, wendet sich gegen uns, macht überdrüssig, müde. Wie viele Menschen, die uns unverzichtbar erschienen, bleiben auf der Strecke, wie viele verschleißen wir, zu wie vielen bröckelt die Verbindung ab, scheinbar ohne Grund, geschweige denn, eines gewichtigen. Nur auf die können wir bauen, nur die enttäuschen uns nicht, die man uns entreißt, nur die lassen wir nicht fallen, die gegen unseren Willen verschwinden, urplötzlich, und somit keine Zeit hatten, uns zu missfallen oder zu ernüchtern. Wenn das geschieht, verzweifeln wir vorübergehend, denn wir glauben, wir hätten sie noch lange an unserer Seite gehabt, ohne ihnen eine Frist zu setzen. Das ist ein Irrtum, wenn auch ein verständlicher. Das Fortwähren verändert alles, und was gestern noch wunderbar war, wird morgen eine Qual gewesen sein. Wir alle reagieren auf den Tod eines Nahestehenden ähnlich wie Macbeth auf die Nachricht von dem seiner Frau, der Königin: She should have died hereafter, antwortet er etwas rätselhaft: ›Sie hätte hiernach sterben sollen‹, heißt das, oder ›fortan‹. Man kann es auch platt und weniger zweideutig bloß als ›später‹ verstehen, als ›sie hätte ein bisschen warten, hätte durchhalten sollen‹; jedenfalls meint er, ›nicht gerade in diesem Augenblick, nicht im auserwählten‹. Und was wäre der auserwählte Augenblick? Kein Moment erscheint uns der richtige zu sein, immer denken wir, was uns gefällt oder erfreut, uns erleichtert oder hilft, was uns durch die Tage zieht, hätte noch ein wenig länger dauern können, ein Jahr, ein paar Monate, ein paar Wochen, ein paar Stunden, immer scheint es uns zu früh zu sein, dass etwas oder jemand an sein Ende gelangt, niemals sehen wir den geeigneten Augenblick, in dem wir uns sagen könnten: ›Gut. Jetzt ist es gut. Es reicht, und das ist besser so. Was hiernach kommt, wäre weniger gut, würde verschlechtern, entwerten, beflecken.‹ Doch das wagen wir nie, sagen nie ›die Zeit ist vorüber, auch wenn es unsere war‹, und somit liegt das Ende niemals in unserer Hand, denn wenn es von ihr abhinge, würde alles endlos weitergehen, würde verderben, verschmutzen, ohne dass je ein Lebender zum Toten würde.«

Er machte eine kurze Pause, um von seinem Bier zu trinken, Reden trocknet sofort die Kehle aus, und nach seiner anfänglichen Irritation hatte er fast stürmisch losgelegt, als wollte er sich etwas von der Seele sprechen. Zungenfertig und wortreich war er, hatte eine gute, nicht affektierte englische Aussprache, was er sagte, war nicht hohl, es war stimmig, ich fragte mich, was er beruflich tat, konnte aber nicht nachhaken, ohne seinen Redefluss zu unterbrechen, und das wollte ich nicht. Ich schaute ihm bei seinem Monolog auf die Lippen, starr und, wie ich fürchte, unverfroren, ließ mich von seinen Worten wiegen und konnte die Augen nicht von dem Ort abwenden, dem sie entströmten, als wäre er nichts als küssbarer Mund, denn aus ihm quillt der Überfluss, aus ihm entspringt fast alles, was uns überredet und verführt, was uns verbiegt und bezaubert, was uns ansaugt und überzeugt. ›Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über‹ steht irgendwo in der Bibel. Es verblüffte mich, festzustellen, wie sehr mir dieser fast unbekannte Mann gefiel, mich faszinierte, vor allem wenn ich daran dachte, dass er für Luisa fast unsichtbar, unhörbar geworden war vom vielen Sehen und Hören. Kaum glaublich, da man doch denkt, dass alle Welt ersehnt, worin man sich verliebt. Ich wollte nichts sagen, um den Zauber nicht zu brechen, aber mir fiel ein, dass er andernfalls denken konnte, ich hörte nicht zu, wo ich mir doch kein einziges Wort entgehen ließ, was auch immer aus diesen Lippen drang, interessierte mich. Aber ich musste mich kurz fassen, dachte ich, um ihn nicht zu sehr abzulenken.

»Nun gut, das Ende liegt in unserer Hand, wenn es die eines Selbstmörders ist. Oder gar die eines Mörders«, sagte ich. Und ich war drauf und dran, hinzuzufügen: Hier um die Ecke wurde dein Freund Desvern auf entsetzliche Weise getötet. Wie seltsam, dass wir nun hier sitzen und alles friedlich und sauber ist, als wäre nichts passiert. Wären wir damals hier gewesen, hätten wir ihn vielleicht gerettet. Doch wäre er nicht gestorben, würden wir nirgendwo zusammensitzen. Würden uns nicht einmal kennen.

Ich war drauf und dran, fügte es aber nicht hinzu, unter anderem, weil er einen raschen Blick – er, mit dem Rücken zu ihr, ich, gegenüber – in Richtung der Straße warf, in der sich die Messerattacke abgespielt hatte, und ich fragte mich, ob er nicht das Gleiche oder Ähnliches dachte, zumindest den ersten Teil meiner Gedanken. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar mit den Geheimratsecken, nach hinten gekämmtes Haar, Musikerhaar, dann trommelte er mit den Nägeln derselben vier Finger gegen sein Glas, harte, gepflegte Nägel.

»Die sind die Ausnahme, die Anomalie. Natürlich beschließen manche, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, und tun es auch, aber sie sind in der Minderheit und eben darum so erschütternd, sie widersprechen dem Drang nach Dauer, der die große Mehrheit von uns beherrscht, uns glauben macht, dass noch Zeit ist, uns dazu drängt, immer ein wenig mehr zu verlangen und noch ein wenig mehr, wenn sie zu Ende geht. Was die Mörderhand betrifft, von der du sprichst, können wir sie niemals als die unsere ansehen. Sie setzt ein Ende, wie die Krankheit ein Ende setzt oder ein Unfall, will sagen, es sind äußere Ursachen, selbst dann, wenn der Tote es darauf angelegt hat, etwa durch ungesunde Lebensweise oder Risiken, die er eingegangen ist, oder weil er selbst gemordet und Rache heraufbeschworen hat. Weder der blutrünstigste Mafioso noch der Präsident der Vereinigten Staaten, um zwei Personen zu nennen, die ständig einem Mordanschlag ausgesetzt sind, ja mit dieser Möglichkeit rechnen und tagtäglich mit ihr leben, auch sie wünschen nie, dass die Bedrohung aufhört, diese latente Folter, die unerträgliche Beklemmung. Sie wünschen nicht, dass etwas aufhört von dem, was ist und was sie haben, so verhasst und beschwerlich es auch sein mag; sie leben Tag für Tag in der Hoffnung, dass es auch den nächsten geben wird, einer wie der andere oder sehr ähnlich, wenn ich heute gelebt habe, warum nicht morgen, und von morgen geht es zu übermorgen und überübermorgen. So leben wir alle, Zufriedene wie Unzufriedene, Glückliche oder Unglückliche, wenn es nach uns ginge, bis zum Ende aller Zeiten.« Ich dachte, dass er da etwas durcheinanderbrachte oder versucht hatte, mich durcheinanderzubringen. Die Mörderhand ist nicht die unsere, es sei denn, sie wird tatsächlich zu unserer, jedenfalls gehört sie immer jemandem, der sie ›die meine‹ nennt. Wem sie auch gehört, sie will gerade nicht, dass kein Lebender jemals zum Toten wird, sondern wünscht sich genau das Gegenteil, kann nicht warten, dass der Zufall ihr zur Hand geht oder die Zeit die Arbeit abnimmt; sie verhilft selbst von einem Zustand in den anderen. Sie will eben nicht, dass alles immerzu weitergeht, muss jemanden beseitigen, muss Schluss machen mit so mancher Angewohnheit. Nie würde sie über ihr Opfer sagen she should have died hereafter, sondern he should have died yesterday: ›er hätte gestern sterben sollen‹ oder vor Jahrhunderten, vor noch längerer Zeit; wäre er doch nie geboren worden, hätte keinerlei Spur in der Welt hinterlassen, dann hätte ich ihn nicht töten müssen. Der Parkeinweiser machte Schluss mit seinen eigenen Angewohnheiten und schlagartig mit denen Devernes, Luisas und der Kinder, beinahe auch mit denen des Chauffeurs, den womöglich eine Verwechslung rettete, um ein Haar; auch mit denen von Díaz- Varela, ja zum Teil auch mit den meinen. Und mit denen anderer Menschen, die ich nicht kenne. Aber nichts davon sagte ich, wollte nicht das Wort ergreifen, nicht sprechen, wollte, dass er weitersprach. Ich wollte seine Stimme hören, seinen Geist ergründen, seine Lippen in Bewegung sehen. Fast lief ich Gefahr, nichts von dem Gesagten mitzubekommen, weil ich sie wie hypnotisiert anstarrte. Er trank noch einen Schluck und fuhr nach einem Räuspern fort, als hätte er erst seine Gedanken ordnen müssen. »Das Erstaunliche ist, wenn das geschieht, wenn die Unterbrechungen, die Todesfälle eintreten, dann befindet man das Geschehene über kurz oder lang meist für gut. Versteh mich richtig. Nicht, dass jemand einen Todesfall für gut befände, schon gar keinen Mord. Solche Dinge beklagt man das ganze Leben lang, wann immer sie stattgefunden haben mögen. Aber was das Leben bringt, behält am Ende immer die Oberhand und mit solcher Macht, dass wir uns selbst auf Dauer kaum ohne all das vorstellen können, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, kaum vorstellen können, dass etwas Eingetretenes nicht eingetreten wäre. ›Mein Vater wurde im Krieg getötet‹, könnte jemand voll Bitterkeit erzählen, voll Kummer oder Wut. ›Eines Nachts haben sie ihn geholt, ihn aus dem Haus getrieben und in ein Auto gesteckt, ich habe gesehen, wie er sich wehrte, wie sie ihn fortschleiften. Sie haben ihn an den Armen gezogen, als wären seine Beine plötzlich gelähmt und trügen ihn nicht mehr. Sie haben ihn vor die Stadt gebracht, ihm dort einen Nackenschuss verpasst und in den Straßengraben geworfen, damit der Anblick seines Leichnams anderen eine Lehre sei.‹ Wer so etwas erzählt, bedauert es zweifellos zutiefst, ja kann sein Leben lang den Hass auf die Mörder nähren, einen allumfassenden, abstrakten Hass, wenn er nicht genau weiß, wer sie waren, wie sie hießen, was häufig vorkam im Bürgerkrieg, man wusste bloß, dass es ›die anderen‹ gewesen waren, so oft. Nun macht aber eine derart verhasste Tatsache ein Stück weit diesen Jemand aus, niemals könnte er sie abstreifen, weil er sich sonst selbst verleugnen, weil er auslöschen müsste, was er ist, ohne einen Ersatz dafür zu haben. Er ist der Sohn eines im Krieg brutal ermordeten Mannes, ist ein Opfer der spanischen Gewalt, eine tragische Waise; das formt, definiert und bedingt ihn. Das ist seine Geschichte oder der Ausgangspunkt seiner Geschichte, sein Ursprung. In gewisser Weise kann er sich gar nicht wünschen, es wäre nicht geschehen, denn wäre es nicht geschehen, wäre er ein anderer, wer, das weiß er nicht, hat nicht die geringste Ahnung. Er hat kein Bild, keine Vorstellung davon, weiß nicht, wie er geworden wäre und wie er sich mit einem lebendigen Vater verstanden, ob er ihn gehasst, ihn geliebt hätte oder ob er ihm gleichgültig gewesen wäre, und vor allem hat er keine Vorstellung von sich selbst ohne diesen unterschwelligen Kummer und Groll, die ihn stets begleitet haben. Die Macht der Tatsachen ist so entsetzlich, dass jeder am Ende mehr oder weniger einverstanden mit seiner Geschichte ist, mit dem, was ihm widerfuhr, was er getan und nicht getan hat, sosehr er auch das Gegenteil annimmt und es nicht akzeptieren mag. Eigentlich verfluchen fast alle ihr Schicksal irgendwann, und fast niemand akzeptiert es

Hier musste ich einfach eingreifen:

»Luisa kann nicht einverstanden mit dem Geschehenen sein. Niemand kann einverstanden damit sein, dass ihr Mann so sinnlos und dumm erstochen wurde, irrtümlich, grundlos, ohne dass er es heraufbeschworen hätte. Niemand kann einverstanden damit sein, dass man ihm für immer das Leben zerstört hat.«

Díaz-Varela sah mich aufmerksam an, die Wange auf die Faust gestützt, den Ellbogen auf den Tisch. Ich wandte den Blick ab, verwirrt von seinen reglosen Augen mit dem weder durchsichtigen noch bohrenden Blick, vielleicht verschleiert und umfangend oder einfach nur unergründlich, jedenfalls gedämpft von der Kurzsichtigkeit (vermutlich trug er Linsen), als wollten mir die schmalen Augen sagen: ›Warum verstehst du mich nicht?‹, ohne Ungeduld, sondern voll Mitleid.

»Das ist ja der Irrtum«, sagte er nach ein paar Sekunden, ohne den starren Blick von mir zu nehmen oder seine Haltung zu ändern, als spräche er nicht, sondern hörte zu, »ein Irrtum, wie er Kindern eigen ist, dem aber auch viele Erwachsene bis zum Tag ihres Todes anhängen, als hätten sie ihr ganzes Leben lang nicht begreifen können, wie es funktioniert, als entbehrten sie jeglicher Erfahrung. Der Irrtum, zu glauben, dass die Gegenwart ewig, alles Augenblickliche endgültig ist, obwohl wir doch alle wissen müssten, dass nichts endgültig ist, solange uns auch nur ein bisschen Zeit bleibt. Genügend Drehungen und Wendungen haben wir ja auf dem Buckel, nicht nur die des Schicksals, sondern auch die unseres Gemüts. Wir lernen mit der Zeit, dass wir dem, was uns so schlimm erschien, eines schönen Tages gleichgültig gegenüberstehen, wie einer bloßen Tatsache, einem Fakt. Dass der Mensch, ohne den wir nicht sein konnten, um dessentwillen wir nicht schliefen, ohne den wir uns unser Leben nicht vorstellen konnten, von dessen Worten, dessen Gegenwart wir Tag für Tag abhingen, uns eines schönen Augenblicks nicht einen einzigen Gedanken mehr wert ist oder nur selten und mit einem Schulterzucken, einen Gedanken, der es höchstens eine Sekunde zu der Frage schafft: ›Was mag aus ihm geworden sein?‹, ohne jede Sorge, nicht einmal mit Neugier. Was kümmert uns heute das Schicksal unserer ersten Freundin, deren Anruf oder die zu treffen wir so sehnsüchtig erwartet hatten? Ja was kümmert uns das Schicksal der vorletzten, seit einem Jahr schon haben wir sie nicht mehr gesehen? Was kümmern uns die Freunde von der Schule, der Universität, von später, auch wenn sich unser Dasein ein so langes Stück Weg um sie drehte, dass es nie zu enden schien? Was kümmern uns die, die sich loslösen, fortgehen, uns den Rücken zuwenden und sich entfernen, die wir fallenlassen und in Unsichtbare verwandeln, in bloße Namen, an die wir uns nur erinnern, wenn sie uns zufällig wieder zu Ohren kommen, die, die sterben und somit abtrünnig werden? Ich weiß nicht, meine Mutter starb vor fünfundzwanzig Jahren, und ich fühle mich zwar verpflichtet, voll Trauer daran zu denken, ja spüre sie dabei am Ende auch, kann jedoch nicht mehr die empfinden, die ich damals spürte, schon gar nicht weinen, wie ich es damals tat. Heute ist es eine bloße Tatsache: Meine Mutter starb vor fünfundzwanzig Jahren, und seit damals bin ich mutterlos. Es ist schlicht und einfach ein Teil von mir, ein Umstand unter vielen anderen, der mich ausmacht: Ich bin seit früher Jugend ohne Mutter, das ist alles oder fast alles, ganz wie ich Junggeselle bin oder andere von klein auf Waisen, Einzelkinder oder das jüngste von sieben Geschwistern sind oder von einem Militär abstammen, einem Arzt oder einem Verbrecher, einerlei, letztlich sind alles nur Umstände, nichts davon hat allzu viel Bedeutung, alles, was in unserem Leben vor sich geht oder uns vorangeht, passt in zwei Zeilen einer Erzählung. Luisa wurde ihr jetziges Leben zerstört, nicht das künftige. Stell dir vor, was für eine lange Strecke noch vor ihr liegt, sie wird nicht in diesem Augenblick gefangen bleiben, niemand bleibt in irgendeinem gefangen, schon gar nicht im schlimmsten, aus dem taucht man immer auf, nur nicht die mit krankem Gehirn, die sich vom bequemen Unglück gerechtfertigt, ja beschützt fühlen. Das Schlimme an so einem Schicksalsschlag, der uns durch und durch geht und scheinbar nicht zu ertragen ist, besteht darin, dass der Leidende glaubt, ja fast fordert, mit ihm müsse die Welt zu Ende gehen, aber die Welt kümmert sich nicht drum und fährt fort, zerrt auch noch an dem vom Unglück Heimgesuchten, erlaubt ihm also nicht, einfach das Theater zu verlassen, es sei denn, der Unglückliche brächte sich um. Das tut er bisweilen, das bestreite ich nicht. Aber selten, und in unserer Zeit kommt es noch seltener vor als früher. Luisa kann sich eine Zeitlang abkapseln und einigeln, nur ihre Familie an sich heranlassen und mich, wenn sie meiner nicht überdrüssig wird, auf mich verzichtet; aber umbringen wird sie sich nicht, und sei es nur, weil sie sich um zwei Kinder zu kümmern hat und weil es nicht ihr Naturell ist. Eine Weile wird es schon dauern, aber mit der Zeit werden Schmerz und Verzweiflung nachlassen, ihr Entsetzen wird schwinden, und vor allem wird sie sich an den Gedanken gewöhnt haben: ›Ich bin Witwe‹, wird sie denken, oder ›nun bin ich verwitwet‹. Das wird die Tatsache, der Umstand sein, das wird sie denen sagen, die man ihr vorstellt und die sie nach ihren Verhältnissen fragen, wird bestimmt nicht einmal erklären wollen, wie es geschah, zu schrecklich, zu unheilvoll wäre es, um es einer neuen Bekanntschaft zu erzählen, nachdem sie etwas Abstand gewonnen hätte, denn es würde sogleich einen dunklen Schatten auf jedes Gespräch werfen. Und genau das werden auch die anderen von ihr sagen, und was man von uns sagt, definiert uns zum Teil, wenn auch oberflächlich und ungefähr, doch letzten Endes bleiben wir zwangsläufig für fast alle Welt oberflächlich, eine Skizze, ein paar hingeworfene Pinselstriche. ›Sie ist Witwe‹, werden sie sagen, ›sie hat ihren Mann unter schrecklichen, nie ganz geklärten Umständen verloren, ich bin mir selbst nicht sicher, jemand hat ihn wohl auf der Straße angefallen, ich weiß nicht, ob ein Verrückter oder ein Killer, vielleicht war es auch ein Entführungsversuch, dem er sich mit aller Kraft widersetzte, worauf man ihn an Ort und Stelle erledigt hat; er war wohlhabend, hatte viel zu verlieren oder hat sich instinktiv zu heftig gewehrt, ich weiß nicht genau.‹ Wenn Luisa wieder verheiratet ist, und das wird in spätestens zwei Jahren der Fall sein, dann werden sich Tatsache und Umstand, obwohl sie die gleichen geblieben sind, gewandelt haben, und sie wird nicht mehr von sich selbst denken: ›Nun bin ich verwitwet‹ oder ›ich bin Witwe‹, weil sie es dann keineswegs mehr ist, sondern wird denken: ›Ich habe meinen ersten Mann verloren, von Tag zu Tag wird er mir ferner. So lange sehe ich ihn schon nicht mehr, der andere dagegen ist hier an meiner Seite und wird es bleiben. Auch ihn nenne ich meinen Mann, wie merkwürdig. Aber er hat seinen Platz im Bett eingenommen, und durch dieses Nebeneinander verwischt er ihn, löscht ihn aus. Etwas mehr mit jedem Tag, mit jeder Nacht.‹«