Francis Bacon gehört zu den bedeutendsten gegenständlichen Malern des 20. Jahrhunderts. In seinen Werken setzt er sich vornehmlich mit der Darstellung des menschlichen Körpers auseinander.

 

Francis Bacon

Papst Innozenz X - Studie nach Diego Velázquez's

Francis Bacon „Es gab so viel Krieg in meinem Leben“, bekannte Francis Bacon in seinem letzten veröffentlichten Interview drei Monate vor seinem Tod. Der Maler spannte damit eine Hintergrundfolie, vor der man sein Werk deuten kann, rückte Lebenslage und Schaffen in einen spezifischen Zusammenhang. Tatsächlich spielt der Gewaltaspekt eine zentrale Rolle in Bacons Bildern. Immer wieder beschäftigte er sich mit den Themen Gewalt, Zerstörung und Verfall, in deren Zentren die menschliche Figur steht. Torsohafte, verkrüppelte Körper, bluttriefende Fleischmassen und verstümmelte Kadaver sind erklärte Ausdrucksträger exzessiver Gewalttätigkeit. Seine Entwürfe sind Spiegel der Schicksalhaftigkeit menschlicher Existenz, die für ihn ein Dasein zum Tode ist.
 
Religiöse Motive finden sich häufig in Bacons Werk. So gestaltet er zwischen 1950 (Study after Velazquez I und 1965 zahlreiche Variationen zu Papst Innozenz X. nach Diego Velázquez. Insgesamt variiert er das Thema 45-mal. Dem Sakralen ordnet Bacon das Irdische zu, der Papst ist ein schreiender Papst, Ausdruck alltäglichen Leidens an der Welt.

Papst Innozenz X. (eigentlich Giovanni Battista Pamphilj) tritt uns als sterblicher Mensch entgegen, eingebunden in den Kreislauf allen irdischen Lebens, der sich zwischen Werden und Vergehen, Geburt und Tod, Leidenschaft und Verzweiflung aufspannt. Die Dialektik des Lebens ist das Leitthema, das Francis Bacon in all seinen Werken verfolgt.

Dieses Gleichgewicht zwischen Unmittelbarkeit und Disziplin eine schier oft unerträgliche Spannung von Distanz, Teilnahme und gleichzeitiger Diagnose, macht wesentlich die Wirkung von Francis Bacons Malerei aus. Unvermindert auch die 1953 nach Velazguez' Porträt von Papst Innozenz X. gemalten Studien in ihrer Vielschichtigkeit, von Pose und Hilflosigkeit, als Ausdruck des Gefangenseins, in Macht und Ohnmacht. Die verfahrene Situation aller individuellen Wahrheit schlechthin.

 

Studie nach Diego Velázquez's Portrait von Papst Innozenz X

Ich halte das Leben für bedeutungslos - aber wir geben ihm Bedeutung, solange wir existieren. Solcher Amoralismus, der sich jeder solidarischen Praxis verweigert, verbindet sich mit der Überzeugung, daß individuelle Sinnstiftung innerhalb der vorgegebenen Sinnlosigkeit einzig noch als ästhetische Existenz möglich ist. Nietzsche rekapitulierend nennt Bacon den Menschen ein völlig zweckloses Geschöpf, das sein Spiel grundlos zu Ende spielen müsse, immerhin aber die Chance habe, dieses Spiel durch die Kunst zum großen Ausdruck zu steigern.

Studie nach Diego Velázquez's Portrait von Papst Innozenz X

Seine entschiedene Ablehnung theologischer Tröstungen gründet in jenem  „nihilistischen“ Welt- und Selbstverständnis, das letztlich nur noch Maßstäbe anerkennt, die von dem einsam sein Leben entwerfenden Individuum selbst zu setzen sind. Mehrfach beruft sich Bacon auf Nietzsches Verständnis des Nihilismus, der in seiner Zweideutigkeit als Symptom der Erschöpfung alter Wertvorstellungen und des Neubeginns im Zeichen einer „Umwertung aller Werte“ zur eigentlichen Signatur der Moderne wird. Ein Sinnbild für diesen Übergang ist die Figur des „letzten Papstes“, der Zarathustra eingestehen muß, daß „der alte Gott nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat“. Bacons Papst-Bilder wirken wie eine späte Vergegenwärtigung jenes Statthalters des toten Gottes - schreiend, gestikulierend, starrend; ein durchaus gespenstisches Relikt.

 

 

….Brot allein.« Nur in den wenigen ist die Kraft, den Hunger zu überwinden. Die vielen werden zu allen Zeiten im Namen des Brotes das Angebot der Freiheit zurückweisen. Anders gesagt: Menschen sind generell auf der Suche nach Entlastungen, Erleichterungen, Bequemlichkeiten. Routinen, Sicherheiten. Die Machthaber können zu allen Zeiten getrost davon ausgehen, daß es der allergrößten Mehrheit der Menschen vor der Freiheit graut und daß sie keinen tieferen Antrieb kennt als den, ihre Freiheit aufzugeben, Gefängnisse um sich zu errichten und sich vor alten und neuen Götzen niederzuwerfen. Was bleibt in solcher Lage den Herrenchristen - Vertretern einer Religion der Freiheit - zu tun übrig? Der Großinquisitor versteht seine Übernahme der Herrschaft als eine Art Selbstopfer.

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 »Aber wir werden sagen, daß wir Dir gehorsam sind und in Deinem Namen herrschen. Wir werden sie wieder betrügen, denn Dich werden wir nicht mehr zu uns lassen. In diesem Betrug wird unsere Qual bestehen, denn wir werden lügen müssen.«

 

Wir werden Zeuge eines einzigartigen, seltsam verschraubten Gedankenexperiments, in dem die Paradoxien des modernen Konservatismus ausgebrütet werden. Der Kirchenmann erhebt anthropologischen Protest gegen die Zumutung der Freiheit, die der Religionsgründer hinterlassen habe. Denn menschliches Leben brauche nun einmal, hinfällig wie es ist, ein ordnendes Gehäuse aus Gewöhnung, Gewißheít, Gesetz und Tradition, mit einem Wort, die gesellschaftlichen Institutionen. Mit atemberaubendem Zynismus wirft der Großinquisitor Jesus vor, er habe die Unbequemlichkeit der Freiheit nicht beseitigt, sondern verschärft. Er habe nicht den Menschen akzeptiert, wie er sei, sondern ihn mit seiner Liebe zu ihm überfordert [...]


 Aus Kritik der zynischen Vernuft - Erster Band, von Peter Sloterdijk, Seite 348