Der Berliner Theaterregisseur und Filmemacher Christoph Schlingensief ist im Alter von 49 Jahren gestorben. Er hatte Krebs.
Christoph Schlingensief ist im Alter von 49 Jahren

 

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

 

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir ist ein „Fluxus-Oratorium“ von Christoph Schlingensief. Die Uraufführung fand am 21. September 2008, anlässlich der RuhrTriennale 2008 statt.

 

„Diese Kräfte hat Schlingensief in der Kirche der Angst freigesetzt. Ein Requiem, eine synkretische Messe, ein Fegefeuer, in dem auch die Eitelkeiten eines Provokationskünstlers verbrennen. Der Originalschauplatz, die alte Gebläsehalle im Duisburger Industriepark, verweist darauf, dass es hier auch nicht um ein Einzelschicksal geht. Es wird in einer aufgelassenen Kathedrale des deutschen Kapitalismus um das Überleben von Oper und Theater gespielt.“

 

Rüdiger Schaper

 

 

 

 

EINE KIRCHE DER ANGST VOR DEM FREMDEN IN MIR

Fluxus-Oratorium von Christoph Schlingensief


Begrüßung in der Kirche der Angst


Ja, zeig mal deine Wunde!
Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt.
Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.

LITURGIE-FRAGMENTE

Wir gedenken des zukünftig Verstorbenen, der vieles leisten
wollte, kaum dass er schon wieder weg war. Ein Mensch, wie wir, wie du, wie
ich, wie alle – und damit auch besonders. Er war der, der er war, mehr nicht,
aber immerhin, wer kann das schon von sich sagen. Viele sind tot, viele sind
untot, uns hat man jedenfalls noch nicht beerdigt. Halleluja!

Der Weg in die Freiheit kann nur bedeuten, dass man sich auf
eigene Gesetze einlässt, die man natürlich nicht selber macht, sondern die
einem, in diesem Falle jetzt besonders, von andern vorgeschrieben werden.
Ich werd die Entscheidung treffen müssen, ob ich mir in den Kopf schieße,
hab keine Pistole, ob ich in die Badewanne steige und mach mir einfach die
Adern auf oder ob ich irgendwie aus’m Fenster falle, dazu ist es hier nicht hoch
genug. Oder hoffentlich Tabletten kriege und irgendwas anderes, denn ... der
Lebenswille, den ich geheuchelt hab die ganze Zeit, dieses Gefühl von, ja, der,
der hat ja Kraft, der macht’s, das ist vorbei. Ich bin müde. Ich bin fertig. Ich bin
schon lange müde. Ich hab genug gestrampelt. Ich hab genug gemacht.
Es gibt keine Blumen, die man unbedingt noch haben will, noch nicht mal
verwelkte Blumen. Aber wie komm ich an das Zeug, wie komm ich da ran
endlich dann, an die Möglichkeit, mich so umzubringen wie zum Beispiel bei
’ner wunderschönen Bronchioskopie, … diese tolle Spritze, wo einem warm
wird und wo plötzlich alles weg ist?
In dem Moment müsste einem einer nur noch die Kehle durchschneiden.
Das wär’s. Die Spritze bleibt so lange im Arm, bis wirklich alles aus ist. ’N
Massenmord in Amerika anzetteln, zum Tode verurteilt werden.
Warum gibt’s eigentlich keine Guillotine für zu Hause. Whisky-Pulle rein,
Tabletten rein, Kopf rein ... das Seil ziehen schafft man ja hoffentlich noch.
Ich bin nicht mehr der, der ich bin. Bin nicht der, der ich war. Ich bin nicht der,
der ich werden wollte. Alles Quatsch!

TAGESGEBET

Ich will das nicht.
Ich will keinen Vater!
Ich will nicht!
Ich hab keine Lust mehr.
Ich will keine Eltern mehr!
Ich will kein Stellvertreter sein.
Ich wollte das früher nicht.
Und ich will das jetzt nicht.
Papa ist schon weg.
Mama soll auch noch weg.
Die soll ihr Haus mitnehmen
Und ihre ganze Kirchenscheiße.
Was ist denn das für eine Familie?
Was ist denn da los?
Jesus ist trotzdem nicht da.
Und Gott ist auch nicht da.
Und die Mutter Maria ist auch nicht da.
Es ist alles ganz tot.
Uns es ist alles ganz kalt.
Und es ist keiner mehr da.
Die ganze kleinbürgerliche Kacke ist nicht mehr da.
Aber das ist gut so.
Ich will das nicht.
Ich soll so sein,
aber ich will das nicht.
Amen.

Ich hab es eigentlich immer gut gemeint,

ich habe immer nur
Gutes gewollt. Ich hab es nicht böse gemeint. Den Glauben daran, dass es böse
war, haben die anderen gehabt. Das war nicht ich, das waren die anderen. Ich
habe immer nach dem Guten gesucht. Ich habe immer an das Gute gedacht.
Die Totale war für mich immer das Beste. Ich habe immer die Totale versucht,
für jeden Schauspieler. Ich hab immer versucht, das Close-up wegzulassen, ich
hab immer das Gute, die Totale gesucht. Ich habe es gut gemeint. Ich habe das
Gute gesucht und ich habe es nicht böse gemeint.

Der Draht ist irgendwie weg.

Ich habe keinen Kontakt. Ich
weiß aber nicht, warum. Ich weiß nicht, ob die von oben nicht wollen oder von
unten… ob einfach die Verbindung weg ist… Hallo… Ist hier vielleicht irgendwo
eine Schwester? Ich glaube, es geht mir nicht gut… Ist hier jemand?
                                                                                               Christoph Schlingensief

LESUNG

Am Tage, da die schöne Welt für uns begann,
begann für uns die Dürftigkeit
des Lebens und wir tauschten das Bewußtsein
für unsere Reinigkeit und Freiheit ein. –
Der reine leidensfreie Geist befaßt
sich mit dem Stoffe nicht, ist aber auch
sich keines Dings und seiner nicht bewußt.
Für ihn ist keine Welt, denn außer ihm
ist nichts. – Doch, was ich sag’, ist nur Gedanke.–
Nun fülen wir die Schranken unsers Wesens
und die gehemmte Kraft sträubt ungeduldig
sich gegen ihre Fesseln, und es sehnt der Geist
zum ungetrübten Aether sich zurük.
Doch ist in uns auch wieder etwas, das
die Fesseln gern behält, denn würd in uns
das Göttliche von keinem Widerstande
beschränkt – wir fülten uns und andre nicht.
Sich aber nicht zu fülen, ist der Tod,
von nichts zu wissen, und vernichtet seyn
ist Eins für uns. – Wie sollten wir den Trieb
unendlich fortzuschreiten, uns zu läutern,
uns zu veredlen, zu befrein, verläugnen?
Das wäre thierisch, Doch wir sollten auch
des Triebs, beschränkt zu werden, zu empfangen,
nicht stolz uns überheben, denn es wäre
nicht menschlich, und wir tödteten uns selbst.
Den Widerstreit der Triebe, deren keiner
entbehrlich ist, vereinigt die Liebe.
                                                                            Friedrich Hölderlin, Hyperion

LIED

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
sie hat so lange nichts von mir vernommen
sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch nichts daran gelegen,
ob sie mich für gestorben hält.
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
denn wirklich bin ich gestorben, gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel
und ruh’ in einem stillen Gebiet.
Ich lebe allein in meinem Himmel,
in meinem Lieben, in meinem Lieben, in meinem Lied.
                                                                                              Friedrich Rückert

Der im Leiden verharrt,

auch der führt die Welt selbstverständlich
weiter, er bereichert die Welt dennoch. Es wäre eine große Frage, wer die Welt
mehr bereichert: die Aktiven oder die, die leiden?
Ich habe immer entschieden: Die Leidenden. Der Aktive mag Unendliches für
die Welt erreichen. Aber der Leidende, der gar nichts tun kann, erfüllt durch
sein Leiden die Welt mit christlicher Substanz.
Übrig bleibt, wenn man das in eine Formel bringt, dass dem Menschen
nur zwei Weisen seines schöpferischen Verhaltens gegeben sind, in allen
Abschattierungen, in jeder Biografi e in einer anderen Mischung: das eine ist
das Tun, das andere ist das Erleiden.
                                                                                               Joseph Beuys

EVANGELIUM

Alles was kommt ist Nichtigkeit!
Freue dich, junger Mann in deiner Jugendzeit; lass froh den Sinn dir sein in
deinen jungen Tagen! Gehe wohin dein Herz dich zieht und die Augen dich
locken! Scheuche den Ärger dir aus dem Sinn und halte das Üble dir vom
Leibe! Jungsein und Jugendzeit sind ja so nichtig.
Denke an deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugend, ehe die bösen Tage
kommen und die Jahre sich nahen, von denen du sagen wirst: Sie gefallen
mir nicht. Ehe die Sonne dunkler wird und das Licht und der Mond und die
Sterne, und ehe die Wolken nach dem Regen wiederkehren; Wenn man sich
fürchtet vor der Anhöhe und auf dem Weg der Schrecken geht. Dann blüht
der Mandelbaum, das Heupferd ist satt, der Kapernstrauch gibt seine Frucht,
während der Mensch in sein ewiges Haus geht! Auf der Straße laufen schon die
Klageweiber umher. Ehe der silberne Strick zerreißt und der goldene Leuchter
zerspringt und der Krug an der Quelle zerschellt und das Rad am Brunnen
zerbricht; und der Staub zur Erde zurückkehrt, wie er war, und der Hase
zurückkehrt zu Gott, der ihn gegeben. Nichtigkeit, auch dies ist Nichtigkeit, so
spricht Kohelet der Prediger, alles ist Nichtigkeit. Die Worte der Weisen sind wie
Stacheln und eingeschlagene Pflöcke…
                                                                                                Altes Testament

PREDIGT

Was sagt uns das Evangelium? Nichtigkeit, alles ist Nichtigkeit!
Ich habe mich verloren und fi nd mich jeden Tag aufs neue wieder. Es ist
ein Schnellwaschgang, den ich in mir trage. Ich kann mir alles mögliche an
Fragen stellen und keine Antworten kriegen
Man wird nicht autonom sterben, kann man nicht. Taschenspielertricks
werden gefragt sein, sich selber oben hocken sehen! Nix Elektrostösse durch
die Brust, Aus, vorbei, Feierabend!
In der vermeintlichen Hoffnung man würde auferstehen. Vater, Vater, Vater,
mein Problem ist der Vater. Ich will meine Eltern nicht wiedertreffen. Ein Leben
mit Vater reicht.
Oper ist das letzte was überhaupt noch zu realisieren ist!
Das Opernhaus muss gebaut werden aus den Materialien, die es in Afrika
gibt.
Das ist der letzte Atemzug, den ich nehmen will.
Es ist uninteressant in einer Klinik zu sterben, mit 5 Schläuchen im Arsch,
interessant ist es in eine vegetationslose Gegend zu ziehen,
und den Staub einzuatmen, zu dem man später wird.

CREDO

Ich will einmal ganz alleine sein.
Alleine auf der Welt.
Ich will alleine dastehen und alleine sagen,
so, das ist mein Leben.
Und dann heul ich
und dann bin ich völlig fertig mit den Nerven,
aber dann bin ich wenigstens einmal ganz alleine.
                                                                                             Christoph Schlingensief

Sind wir vielleicht eine Lüge?

(...) Sind wir vielleicht ein Film, ein
Film, der kaum einen Augenblick lang dauert?
(...) Sind wir die Gedanken eines
Wahnsinnigen? Sind wir ein Druckfehler?
Sind wir vielleicht ein Zufall, der noch nicht Realität ist, der sich noch kaum in
der Zeit abzeichnet; Sind wir eine Vorahnung? eine künftige Tatsache, die sich
noch nicht vollzieht? Sind wir denn ein unverständliches, an einem Regennachmittag
auf eine beschlagene Fensterscheibe geschriebenes Zeichen? Eine
längst vergessene Erinnerung an ein längst vergangenes Ge scheh nis? Sind wir
Wesen und Dinge, die durch eine Formel schwarzer Kunst heraufbeschworen
wurden? Sind wir etwas, dass man vergessen hat? Sind wir vielleicht eine
Anhäufung von Wörtern? Ein Beweis auf den niemand hört? Sind wir ein in
unleserlicher Schrift übermitteltes Ereignis? Sind wir das fl üchtige unwillkürliche
Bild, das vor den Liebenden auftaucht in dem Augenblick in dem sie sich
fi nden? In dem Augenblick in dem sie einander besitzen? In dem Augenblick in
dem sie sterben? Sind wir ein geheimer Gedanke? Ich weiß es nicht.
                                                                                                        Salvador Elizondo


Ich bin ganz still geworden und habe hochgeguckt, und da hing
das Kreuz, und in dem Moment hatte ich ein warmes, wunderbares, wohliges
Gefühl. Ich war plötzlich jemand der sagt: Halt einfach die Klappe, sei still, es
ist gut, es ist gut.
Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Diesen Satz hat Jesus am Kreuz
nicht gesagt, davon bin ich fest überzeugt. Das ist einfach Quatsch. Das ist
nicht das Zeichen: Ja, ich bin auch so schwach wie ihr. Ich glaube, er ist einfach
ganz still da oben gehangen, hat Aua gesagt und was weiß ich, aber er hat nie
den Vorwurf gemacht, dass man ihn verlassen hat. Er hat einfach gesagt: Ich
bin autonom.
                                                                                     Christoph Schlingensief

WANDLUNG

Das Wesentliche ist die Verwandlung.
Das Sterben. Und die Angst vor dieser letzten Verwandlung ist allgemein, auf
die kann man sich verlassen, auf die kann man bauen.
Und das ist auch die Angst des Priesters
und die Angst der Gemeinde.
Und das Besondere ist eben nicht die Anwesenheit des lebenden Priesters
oder des lebenden Gottesdienstbesuchers, sondern die Anwesenheit des
Potentiell Sterbenden
                                                                                                    Heiner Müller

Denn in der Nacht, da er verraten wurde,
und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf,
nahm er das Brot und sagte Dank,
brach es,
reichte es seinen Jüngern und sprach:

Nehmet und esset alle davon
Das ist mein Leib,
der für euch hingegeben wird.

Aus freiem Willen dem Leiden unterwarf?
Das möchte ich mal sehen.
Aus freiem Willen unterwarf, heißt auf der Zeitachse auch zu einem Ende
kommen zu wollen. Hier täuscht sich Jesus. Weil aus freiem Willen unterwerfen
heißt ja „Gut, Erschießt mich jetzt!“ Kennen wir aus Kitschfi lmen, bringt
aber in der Realität gar nichts, weil der menschliche Geist doch zu klein ist
um die Großzügigkeit zu Entwickeln; beschließt ihr meine Grenze. Nein, der
Organismus besteht aus Stammhirn, und das Stammhirn schlägt auch dann
noch weiter, wenn der andere bereits geschossen hat. Halleluja!
                                                                                         Christoph Schlingensief

Ebenso nahm er

nach dem Mahl den Kelch,
Dankte wiederum,
reichte ihn seinen Jüngern und sprach:

Es gibt nicht nur den Tod und die Geburt,
sondern es gibt in dem Sinne um die Verwandlung,
dass ich krank werde oder mich
verändern muss.
Ich lebe in einer Geschichte, in einer
Möglichen Welt, zum Beispiel hier jetzt grade
Und der Körper verändert sich, wenn dieser
Ort sich verwandelt, er unmöglich wird.
Der Boden wird mir dann entzogen.
Ich brauche einen Boden unter den
Füssen, anderenfalls beginnt die Spirale der
Wandlungen, die erst aufhört,
wenn ich den eigenen Ort wieder gefunden habe.
                                                                                        Heiner Müller

SCHLUSSWORTE

Und dann ist heute Merkwürdiges passiert. Er hat nebenan ein Kind schreien
gehört. Ganz laut. Und da hat er gedacht, oh Gott, das Kind stirbt, dem geht’s
auch so dreckig, das ist auch so traurig und verlassen und braucht Liebe.
Und da hat er gesagt, dann lasst doch das Kind leben und lasst mich sterben.
Aber er hat das nicht pathetisch gesagt, sondern wirklich. Das war ganz
ernsthaft dieses Gefühl.
Kaum hatte er das ausgesprochen, schlug seine elektronische Superanlage
Alarm, die alle Werte mißt, Blutdruck, Puls, Sauerstoffgehalt und wer weiß
nicht was. Und da dachte er: »oje, siehst du, irgendwas stimmt nicht und jetzt
sterbe ich tatsächlich. Aber ich will nicht sterben, dachte er dann und wurde
panisch, warum soll ich jetzt sterben?! Maria, bitte, lieb mich doch, was ist
denn los mit euch, bitte, bitte, ich will noch leben, ich will noch ganz, ganz
lange leben, ich hab noch ganz viel zu tun, ich will noch ganz, ganz viel auf der
Erde tun.« Und in dem Moment hörte das Kind auf zu schreien. Und da hat er
gedacht, »oh Gott, das Kind ist tot«.
Sein Gerät war wieder leise. Später hat er dann einen Arzt das folgende gefragt:
»da war doch ein Kind, das geschrieen hat.« Und der Mann hat gesagt:
»ja, das hatte eine kleine Operation, es ist alles in Ordnung« – und da erinnerte
er sich daran, dass er das Baby schon gesehen hatte mit der Mutter und sie
gefragt hatte, was das Baby denn habe. Und die Mutter hatte gesagt: »das
Kind rollt vorne immer so komisch ab auf den Fußballen«.
Wissen Sie, warum das Kind das tut?, sagte er. »Weil Ihr Kind ein hochintelligentes
Wesen ist, ein Autist. Der denkt ganz viel und geht auf Zehenspitzen
durch die Welt.«
Und die Frau war wahnsinnig glücklich in dem Moment und hat das Kind so
schön angelächelt, als hätte sie das Kind neu begriffen. Und als er weggefahren
wurde, hat sie ihm zugelächelt.
Und er sprach zu sich selbst: Das Kind und ich, wir wollen beide nichts mehr,
als einfach zu leben. Und das hört sich jetzt vielleicht auch zu pathetisch an
oder so, aber ich glaube, in dem Rhythmus dieser Geschichte liegt etwas,
näm lich dass man plötzlich begreift, dass man immer nur das Entweder / Oder
kennt aber nie das Alles Zusammen.


Das Leben nennt der Derwisch eine Reise,
Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen
Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter.
Ich will auf halbem Weg mich niederlassen!
Wer heut sein Haupt noch auf der Schulter trägt,
Hängt es schon morgen zitternd auf den Leib,
Und übermorgen liegts bei seiner Ferse.
Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,
Und über buntre Felder noch, als hier:
Ich glaubs; nur schade, daß das Auge modert,
Das diese Herrlichkeit erblicken soll.
                                           Heinrich von Kleist


DIE KIRCHE UND ICH . . .

Ich hab . . .ich hab 47 Jahre wrklich viel gemacht, ich hab viele Leute kennen gelernt, ich
hab viele Glücksgefühle gehabt, ich hab viele Dinge erlebt. Ich hatte liebe Freunde. Ich
durfte denken, ich hab viele Gedanken geschenkt bekommen, viele Glücksdinge. Durfte




FLUXUS
Fluxus heißt Fließen. Fluxus ist kunstgeschichtlich ein Vorläufer des Happenings und hat
noch klar zwischen Publikum und Dar steller, Priester und Gemeinde getrennt. Fluxus-
Veranstaltungen lassen sich mit Konzerten vergleichen bei denen Gedichte, Mani feste vorgetragen,
dazu Kunstobjekte und Filme in Szene gesetzt wurden, alles zusammen gehalten
von Musik. Emmett Williams, der dem Kern der Fluxus-Bewegung angehörte: »Das Leben
ist ein Kunstwerk und das Kunstwerk ist Leben. Fluxus begriff das ganze Leben als ein Stück
Musik, einen musikalischen Prozess…«

ORATORIUM
Oratorien weisen eine Familienähnlichkeit mit Fluxus auf und widmen sich dem Glauben und
dem Gebet in seiner musikalischen Form. Musik verweist auf Transzendenz. Bei Fluxus geht
es um den Künstler und wie er sich in seiner Kunst verkörpert. Was wiegt mehr? Das Profane
oder das Sakrale, die Kunst oder der Glaube? Und was passiert, wenn man eines von beiden
verloren hat? Fluxus ist ein Oratorium über das profane, weltliche Leben. Man macht es
nicht im Namen eines Glaubens, sondern im Namen des Künstlers, der darin aufgeht.