Johann Wolfgang von Goethe (* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar), geadelt 1782, war ein deutscher Dichter. Er forschte und publizierte außerdem auf verschiedenen naturwis

 

Walter Schafraschik

Faust II und der alte Goethe

Faust II ist Goethes großes Alterswerk. In der Dichtung, in der bildenden Kunst und in der Musik besitzen die Alterswerke bedeutender Künstler einen besonderen Charakter. Das lässt sich an vielen Beispielen beobachten. Diese Werke zeigen vollendete künstlerische Meisterschaft, in der Form manchmal so kühn, dass die Zeitgenossen ratlos, verständnislos davorstehen und dann häufig auch nicht zögern, Werk und Autor deswegen heftig zu kritisieren. Und gleichzeitig sind diese Werke meist eine Art von Vermächtnis, so als ob ihre Schöpfer schon wie von ferne auf ihr Leben zurückblicken und die Summe ihrer tiefsten Erfahrungen der noch unempfänglichen Nachwelt zur allmählichen Entdeckung übergeben.

Goethe nannte in den letzten Jahren seines Lebens die Arbeit an Faust II sein »Hauptgeschäft«. Und am 22. Juli 1831 vermerkt er an erster Stelle im Tagebuch – fast meint man das Aufatmen zu hören – »Das Hauptgeschäft zu Stande gebracht«.

In dem von Goethe häufig benutzten Wörterbuch von Johann Christoph Adelung findet sich unter »zu Stande bringen« u. a. die Eintragung: »zu dem gehörigen Grad der Vollkommenheit bringen«. Einer solchen Beurteilung seines Werks hätte er gewiss nicht zugestimmt, denn »Vollkommenheit« ist kein Maßstab, den er für dieses Werk hätte gelten lassen. Für bedingt vollkommen und der Verbesserung bedürftig sieht er das Ganze an, wenn er Wilhelm von Humboldt gegenüber davon spricht, dass er das Ganze deshalb eingesiegelt habe, »damit ich nicht etwa hie und da weiter auszuführen in Versuchung käme«.

Dass er dieses Werk nach Abschluss eingesiegelt hat, mit der Anweisung, es erst nach seinem Tode zu öffnen, war aber nicht nur ein Schutz vor der Versuchung daran weiterzuarbeiten, sondern es weist auch auf den Vermächtnischarakter hin. Gewiss war es ihm nach all der mühevollen Arbeit lästig, bei einer Veröffentlichung auf die unausbleiblichen Fragen der Unverständigen einzugehen oder sich für dies und jenes gar zu rechtfertigen. Er kannte sein deutsches Publikum zu gut, um nicht voraussehen zu können, was da auf ihn zukommen würde. Die Rezeptionsgeschichte hat das dann ja auch in reichem Maße bestätigt.

Faust ist für Goethe der Repräsentant des modernen Menschen. Und er hat groß und kritisch zugleich von diesem Repräsentanten und seinen Möglichkeiten gedacht. Und indem er eine für viele bis heute gefährlich große Idee vom Menschen entwickelte, sah er voraus, dass sie wie alle großen Ideen »dem stockenden pedantischen Volke ein Ärgernis und einem Viel-, aber Leichtgebildeten eine Torheit« sein würde. Doch stellte er solchen wahrscheinlichen Reaktionen seine Überzeugung entgegen, dass die »größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann« die ist, »daß er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und nützlich hält«.

Nicht einmal den verständigen Freunden mochte er das fertige Werk zeigen. Er tröstet sich damit, »daß gerade die, an denen mir gelegen sein muß, alle jünger sind als ich und seiner Zeit das für sie Bereitete und Aufgesparte zu meinem Andenken genießen werden«.

Aber nicht nur das Menschenbild dieses Werkes kann als Vermächtnis angesehen werden, sondern auch der Prozess seiner Entstehung. Über seine ganz eigene Art und Weise, an diesem Hauptgeschäft zu arbeiten, den nachlassenden physischen Kräften das Äußerste abzugewinnen, sie durchlässig zu halten für bedeutende Gedanken, darüber hat er sich öfter geäußert – freilich nur im privaten Rahmen, gegenüber Freunden und Kennern. Liest man solche Äußerungen, so gerät man in die Nähe der Empfehlung, die er dem Freunde Zelter gegeben hat: »Natur- und Kunstwerke lernt man nicht kennen wenn sie fertig sind; man muß sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen.«

In diesen Äußerungen zum Entstehungsprozess ist immer wieder davon die Rede, dass es sich um eine alte Konzeption handle, die aber erst nach und nach im Laufe seines Lebens hätte ausgeführt werden können. Um das zu verdeutlichen, greift Goethe zu drastisch-bildhafter Formulierung. So wenn er davon spricht, das es keine Kleinigkeit sei, »das, was man im zwanzigsten Jahre konzipiert hat, im 82. außer sich darzustellen und ein solches inneres lebendiges Knochengeripp mit Sehnen, Fleisch und Oberhaut zu bekleiden, auch wohl dem fertig Hingestellten noch einige Mantelfalten umzuschlagen, damit alles zusammen ein offenbares Rätsel bleibe, die Menschen fort und fort ergetze und ihnen zu schaffen mache«.

Dann betont er nachdrücklich, dass er sich in seinen letzten Lebensjahren bei der Arbeit an Faust II in einen ganz besonderen Zustand habe versetzen müssen oder sich versetzt gefühlt habe. Das bringt er auch mit seinem besonderen Verhältnis zu Schlaf und Wachen in Verbindung, so als ob er eine Übung seiner Jugend weiter kultiviert habe, frei-lich mit der Einschränkung, dass diese Quellen im neunten Lebensjahrzehnt spärlicher fließen.

Auf seiner italienischen Reise hatte er einst dem Freund Herder mitgeteilt, er schreibe morgens, unmittelbar nach dem Erwachen und noch vor dem Aufstehen, an der Versfassung seiner Iphigenie und erobere so täglich eine Stelle mehr. Und in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit berichtet er, dass er in der Jugend beim nächtlichen Erwachen zum Schreibpult gelaufen sei und die Verse eines Gedichts, die ihm aus dem Schlafe gekommen seien, auf mehreren Seiten ohne abzusetzen niedergeschrieben habe.

Im Alter gesteht er dann, er könne an Faust II nur am frühen Morgen arbeiten, wenn ihn die »Fratzen« des Tages noch nicht verwirrt hätten und er sich noch vom Schlaf erquickt fühle. Dann gelänge ihm vielleicht eine Seite, manchmal auch nur eine Handbreit an Text, und an unproduktiven
Tagen sei es noch weniger. 1831 schreibt er kurz vor der Vollendung, dass er sich für diese Arbeit »ganz ins innere Klostergarten-Leben beschränkt« habe, »um, damit ich es nur mit wenig Worten ausspreche, den zweiten Teil meines Faust zu vollenden«.

Aus der Formulierung »nur mit wenig Worten« darf man schließen, wie viel er noch über die Anstrengung dieser »Vollendung« hätte sagen können. Das Bild vom Klostergarten weist darauf hin, dass er sich fast mönchisch-meditativ zurückgezogen hat, um so die Kreativkräfte für das »Hauptgeschäft« zu erlangen.

Gegenüber Wilhelm von Humboldt spricht er ein halbes Jahr nach Abschluss der Arbeit davon, dass er sich durch »eine geheime psychologische Wendung« bei völlig klarem Bewusstsein zu einer Art der dichterischen Produktion erhoben fühlte, die man vielleicht sonst als eine »Art von Wahnsinn« bezeichnen würde, also eine Art gesteigertes, erweitertes Bewusstsein. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass all seiner Arbeit stets eine gründliche sachliche Vorbereitung vorausging, die diese ungeheure Fülle von Wissen und Bedeutung erst erarbeitet und verarbeitet hat, und das täglich. Dabei versäumt er nicht zu bemerken, er habe auch in »widerwärtigen Zeiten« in der Arbeit nicht hinter sich bleiben wollen, sondern es als seine Aufgabe angesehen, über sich selbst hinauszugehen, sich in einen produktiven Zustand zu erheben und sich in ihm zu erhalten.

Glücklich und dankbar über das Erreichte zieht er 1831 die Summe: »Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen, und es ist jetzt im Grunde ganz einerlei, ob und was ich noch etwa tue.«

 

Aspekte der Interpretation

Auf Fragen, wie seine Werke zu verstehen, zu interpretieren seien, hat Goethe fast immer geschwiegen – bis auf einige Hinweise zu Faust, die er Eckermann gegeben hat. Gewiss hätte er auch den vorliegenden Versuch eines Lektüreschlüssels mit den Worten kommentiert, die Eckermann trotz ihrer Gespräche über das Werk zu hören bekam:


»Der Faust […] ist doch ganz etwas Inkommensurables, und alle Versuche, ihn dem Verstande näher zu bringen, sind vergeblich.«


Die Faust-Forschung geht heute davon aus, dass es bei der Interpretation von Faust II um unterschiedliche Lesarten einzelner Partien gehe, d. h. um verschiedene Zugänge, die alle eine gewisse Gültigkeit beanspruchen können, die einander ergänzen. Darin besteht die Offenheit und die Großartigkeit der Konzeption des ganzen Werkes. Im Folgenden werden aus dem fast unübersehbaren Fragenkomplex zur Interpretation von Faust II drei besonders wichtig erscheinende Interpretationsaspekte aufgegriffen. Dabei wird immer wieder, zum Teil ausführlich, aus der Forschung und den verschiedenen »Lesarten« zitiert.

Zur sprachlichen Form des Werks

Dass Faust II eines der größten Sprachkunstwerke der deutschen Literatur ist, lässt sich heute, in einer Zeit, in der es die Literatursprache vergangener Zeiten bei den Lesern schwer hat, nicht ohne weiteres vermitteln.

Theodor W. Adorno hat bereits 1958 den Versuch unternommen, das bewusstzumachen. Er schreibt in seinem Essay über die Schlussszene: »Dem heute unversöhnlich klaffenden Widerspruch zwischen der dichterisch integren Sprache und der kommunikativen sah bereits der alte Goethe sich gegenüber. Der zweite Teil des Faust ist einem Sprachverfall abgezwungen […]. Was an Goethes Altersstil für gewaltsam gilt, sind wohl die Narben, die das dichterische Wort in der Abwehr des mitteilenden davontrug.« Adorno erläutert das an Beispielen. Vielleicht zunächst schwer verständlich, aber doch eindruckvoll ist seine Bemerkung über den »Chor seliger Knaben«, wo er davon spricht, dass ein Wort durch den Dichter »Immunität« gegenüber seiner geschichtlichen Entwicklung bekommen kann:


Hände verschlinget
Freudig zum Ringverein


Adorno meint, dass das Wort »Ringverein«, das heute eindeutig der Athleten-Szene zugeordnet wird, im Kontext dieser Stelle nicht lächerlich wirke, sondern im Gegenteil das »Echtheitssiegel« dieser Szene ausmache.

Innerhalb der Literatur zu Faust II existiert ein Buch im Umfang von 300 Seiten, das sich ausschließlich mit der Sprachform des Werkes beschäftigt. Ein solcher Interpretationsansatz dürfte in der deutschen Literaturwissenschaft kaum seinesgleichen haben. Dieser Ansatz geht u. a. Auch davon aus, dass Faust II, im Vergleich etwa zu einer Tragödie Schillers, kein durchgehendes Versmaß besitzt, sondern, entsprechend den im Werk auftretenden unterschiedlichen Welt- und Bewusstseinsbereichen, viele unterschiedliche Versmaße aufweist.


Sie geben den einzelnen Szenen neben anderen sprachlichen Elementen (Lautgestalt, Satzbau, bildhafte Sprache) jeweils die charakteristische Färbung. Wie kaum in einem anderen Werk der deutschen Literatur wird hier erlebbar, dass Form und Inhalt sich wechselseitig bedingen. Goethe selbst hat das in seinen Notizen zu Faust II auf die knappe Formel gebracht: »Gehalt bringt die Form mit. Form ist nie ohne Gehalt.«

»Anmutige Gegend«. Der Mensch Faust ist zunächst ohne Bewusstsein, und Naturgeister beherrschen mit ihrem für diesen Menschen wohltätigen Wirken die Szene.

Das charakterisierende Adjektiv »anmutig« aus der Szenenüberschrift taucht noch einmal auf, wenn in der Szenenanweisung von »anmutigen kleinen Gestalten« des Geisterchores die Rede ist. Diese zweimal betonte »Anmut« wird rhythmisch hörbar in den vierfüßigen Trochäen des singenden Luftgeistes Ariel.

Ätherische Leichtigkeit vermitteln diese Verse, wobei Versmaß und Lautfolge miteinander verschmelzen.

Kreuzreim:
Wenn der Blüten Frühlingsregen
Über alle schwebend sinkt,
Wenn der Felder grüner Segen
Allen Erdgebornen blinkt,
Kleiner Elfen Geistergröße
Eilet, wo sie helfen kann;
Ob er heilig, ob er böse,
Jammert sie der Unglücksmann.

 Von Walter Schafraschik

Philipp Reclam, Universalbibliothek