Leo N. Tolstoi

AUSSCHNITTE AUS: MEINE BEICHTE

 

1. [...]

Obgleich ich die schriftstellerische Tätigkeit während dieser fünfzehn Jahre für etwas Unnützes ansah, hörte ich doch nicht auf, schriftstellerisch tätig zu sein. Ich hatte eben die Verlockung der schriftstellerischen Tätigkeit, die Verlockungen außerordentlich hoher Honorare und großen Beifalls für meine geringfügige Leistung gekostet und ergab mich ihr als einem Mittel zur Verbesserung meiner äußeren Lage und zur Betäubung aller Fragen nach dem Sinn meines Lebens und des Lebens im Allgemeinen, die in meiner Seele auftauchten.


Nun lehrte ich in meinen Schriften, was für mich die einzige Wahrheit war: dass man nämlich so leben müsse, dass man es selber mit seiner Familie so gut als möglich habe. So lebte ich dahin. Aber vor fünf Jahren ging mit mir etwas höchst Seltsames vor: Es überkamen mich Augenblicke des Zweifels, förmlichen Stillstands des Lebens; mir war, als wüsste ich nicht, wie ich leben sollte, was ich tun sollte -ich verlor das Gleichgewicht und verfiel in Schwermut. Aber das ging vorüber, und ich lebte wieder wie vorher. Dann wiederholten sich diese Augenblicke des Zweifels immer häufiger und häufiger und stets in der gleichen Weise. Diese Augenblicke des Stillstands meines Lebens drückten sich immer in denselben Fragen aus: Wozu? Und was dann?

Anfangs glaubte ich, dies seien zwecklose, törichte Fragen. Ich glaubte, all das sei bekannt; und wollte ich mich erst einmal mit ihrer Lösung beschäftigen, so würde mir das keine Mühe machen -jetzt aber hätte ich keine Zeit, mich damit zu beschäftigen; wenn ich aber einmal Lust dazu hätte, fände ich auch die Antworten. Aber immer häufiger, immer häufiger tauchten die Fragen von neuem auf, forderten immer dringlicher eine Antwort; wie Punkte, die unaufhörlich auf eine Stelle niederfallen, ballten sich diese Fragen ohne Antworten zu einem schwarzen Fleck zusammen. [...]

Die Fragen schienen so töricht, so einfältig, so kindisch zu sein. Aber kaum war ich ihnen näher getreten und hatte versucht, sie zu lösen, als ich mich auch gleich davon überzeugte, dass es erstens nicht kindische und törichte, sondern die wichtigsten und tiefsten Fragen im Leben seien, und zweitens, dass ich sie durchaus und durchaus nicht lösen könne, so viel ich auch darüber nachdachte. Bevor ich mich mit meinem Besitztum im Samaragebiet, mit der Erziehung meines Sohnes, mit der Abfassung von Büchern beschäftigte, müsste ich wissen, wozu ich das tue. Bevor ich nicht weiß, wozu, kann ich nichts tun, kann ich nicht leben. Mitten in meinen Gedanken an die Wirtschaft, die mich um diese Zeit sehr beschäftigten, schoss mir plötzlich die Frage durch den Kopf: »Schön, du wirst sechstausend Desjatinen in der Provinz Samara und dreihundert Pferde besitzen, und was weiter? ...«Und ich stand regungslos da und wusste nicht, was ich weiter denken sollte. Oder wenn ich darüber nachdachte, wie ich die Kinder erziehe, sagte ich mir: »Wozu?« Oder wenn ich Erwägungen darüber anstellte, wie das Volk den höchsten Wohlstand erreichen könnte, sagte ich plötzlich zu mir selbst: »Was beschäftigt das dich?« Oder wenn ich an den Ruhm dachte, den mir meine Werke eintragen würden, sagte ich mir: »Nun gut, du wirst berühmter sein als Gogol, als Puschkin, als Shakespeare, als Moliere, als alle Schriftsteller der Welt -nun, und dann!«... Und ich konnte nichts, gar nichts antworten. Die Fragen warten nicht, sie verlangen auf der Stelle eine Antwort; hat man die Antwort nicht, so kann man nicht leben. Und eine Antwort gibt es nicht.

2. Mein Leben stand still.

Ich konnte atmen, essen, trinken, schlafen und war nicht imstande, nicht zu atmen, nicht zu essen, nicht zu trinken, nicht zu schlafen; aber Leben war das nicht, denn es fehlten die Wünsche, deren Befriedigung ich für vernünftig gehalten hätte. Wenn ich einen Wunsch hatte, so wusste ich vorher: Ob ich ihn befriedige oder nicht befriedige, es kommt doch nichts dabei heraus. Wäre mir eine Fee erschienen, bereit, meine Wünsche zu erfüllen, ich hätte nicht gewusst, was ich ihr sagen sollte. Habe ich auch in trunkenen Augenblicken nicht Wünsche, aber doch die Gewohnheit früherer Wünsche, so weiß ich in Augenblicken der Nüchternheit, dass dies nur eine Täuschung ist, dass es nichts zu wünschen gibt. Ich konnte nicht einmal wünschen, die Wahrheit zu erkennen, da ich doch zu wissen glaubte, worin sie besteht. Die Wahrheit war: Das Leben ist eine Sinnlosigkeit. Ich lebte gleichsam so dahin, ging und ging meinen Weg, war an einen Abgrund gekommen und sah deutlich, dass nichts vor mir lag als Verderben. Ein Stillstehen war unmöglich, ein Zurück war unmöglich. Es war auch unmöglich, die Augen zu schließen, um nicht zu sehen, dass nichts als Leiden und der leibhaftige Tod vor mir lag -die völlige Vernichtung. Und so kam es, dass ich ein gesunder, glücklicher Mensch -die Empfindung hatte, ich könne nicht mehr leben; eine unüberwindliche Macht trieb mich, auf irgendeine Art mich vom Leben zu befreien. Ich kann nicht sagen, dass ich mich habe töten wollen. Die Macht, die mich trieb, das Leben zu lassen, war stärker, wuchtiger, umfassender als das Wollen. Es war eine Kraft, dem früheren Trieb zum Leben ähnlich, nur in umgekehrter Richtung. Ich strebte mit allen Kräften fort vom Leben. Der Gedanke an Selbstmord kam mir ebenso natürlich, wie mir früher die Gedanken an die Verbesserung meines Lebens gekommen waren. Dieser Gedanke war so verlockend, dass ich allerlei Kunstgriffe gegen mich selbst anwenden musste, um ihn nicht voreilig zur Ausführung zu bringen. Ich wollte nur deshalb nicht eilen, weil ich nichts unversucht lassen wollte, um Klarheit in diese Wirrnis zu bringen. Würde mir das nicht gelingen, konnte ich es ja immer noch tun. Ja, ich, ein glücklicher Mensch, verbarg damals jede Schnur, damit ich mich nicht an der Querleiste zwischen den Schränken in meinem eigenen Zimmer erhängte, in dem ich jeden Abend mich auskleidete, damit ich mich durch die allzu leichte Art nicht verführen ließ, mich vom Leben zu befreien. Ich wusste selbst nicht, was ich wollte: Ich fürchtete das Leben, strebte von ihm fort und erhoffte bei alledem immer noch etwas von ihm. Und das geschah mir zu einer Zeit, in der mir von allen Seiten das geworden war, was man ein vollkommenes Glück nennt: Es war damals, als ich noch nicht fünfzig Jahre alt war. Ich hatte eine gute Frau, die mich liebte und die ich liebte, liebe Kinder, ein großes Besitztum, das ohne Mühe meinerseits wuchs und sich vergrößerte. Ich war geachtet von nahen Freunden und Bekannten, mehr als je zuvor, wurde von Fremden mit Lob überschüttet und konnte ohne besondere Selbsttäuschung sagen, mein Name sei berühmt. Zudem war ich nicht nur nicht gestört oder geistig krank -im Gegenteil, ich erfreute mich einer geistigen und körperlichen Kraft, wie ich sie selten bei meinen Altersgenossen gefunden habe: Körperlich konnte ich beim Mähen mit den Bauern um die Wette arbeiten; geistig konnte ich acht bis zehn Stunden ununterbrochen tätig sein, ohne die geringsten Folgen solcher Anstrengung zu spüren. Und in solcher Lage kam ich so weit, dass ich nicht leben konnte und bei aller Todesfurcht allerlei Kunstgriffe gegen mich selbst anwenden musste, um mir nicht das Leben zu nehmen.

Dieser Seelenzustand drückte sich für mich so aus: Dieses Leben ist nichts als ein dummer, böser Spaß, den sich jemand mit mir erlaubt hat. Obgleich ich einen »Jemand«, der mich erschaffen hätte, nicht anerkannte, war doch diese Form der Vorstellung, dass jemand sich mit mir einen bösen und dummen Spaß gemacht hätte, als er mich in die Welt setzte, mir die allernatürlichste Form der Vorstellung.

Unwillkürlich stellte ich mir vor, dass dort, irgendwo, irgendjemand ist, der jetzt spöttisch lacht, wenn er zusieht, wie ich volle dreißig bis vierzig Jahre gelebt habe, lernend, mich entwickelnd, an Körper und Geist wachsend, und wie ich jetzt, wo mein Verstand seine volle Reife erlangt hat und ich zu der Höhe des Lebens emporgestiegen bin, von der man es ganz überschaut, wie ich, ein Narr der Narren, auf diesem Gipfel stehe mit der klaren Erkenntnis, dass im Leben nichts ist, nichts war und nichts sein wird. »Und er lacht.«

Ob nun aber dieser Jemand ist oder nicht, der über mich lacht -das macht mir's nicht leichter. Ich konnte nicht einer einzigen Handlung in meinem ganzen Leben irgendeinen vernünftigen Sinn beimessen. Ich war nur darüber erstaunt, dass ich das nicht von Anfang an hatte begreifen können. All dies ist uns allen schon lange bekannt.

Heute oder morgen kommen Krankheit, Tod über die Menschen, die ich liebe, über mich (und sie waren auch schon gekommen), und nichts bleibt von ihnen übrig als Gestank und Gewürm. Meine Taten, sie mögen sein, wie sie wollen, werden früher oder später vergessen sein, und auch ich werde nicht sein. Wozu also all die Mühsal? Wie der Mensch dies nicht sehen kann und leben -das ist das Erstaunliche! Leben kann man nur, solange man vom Leben berauscht ist; sobald man emüchtert ist, muss man sehen, dass all dies nur eine Täuschung ist, und eine dumme Täuschung! Da liegt's. Es ist nicht einmal etwas Komisches oder Witziges darin; es ist einfach grausam und dumm.

 

Wer kennt nicht das morgenländische Märchen von dem Wanderer und dem reißenden Tier, das ihm in der Wüste begegnet. Um sich vor dem Raubtier zu retten, springt der Wanderer in einen wasserlosen Brunnen. Da sieht er auf dem Grund des Brunnens einen Drachen, der seinen Rachen auftut, um ihn zu verschlingen. Der Unglückliche, der es nicht wagt hinaufzuklettern, um nicht von dem reißenden Tier zerrissen zu werden, der aber auch nicht wagt, auf den Grund des Brunnens hinabzuspringen, um nicht von dem Drachen verschlungen zu werden, ergreift die Zweige eines Strauches, der in einer Felsspalte des Brunnens wächst, und hält sich daran fest. Seine Hände erschlaffen, und er fühlt, er würde in kurzer Zeit dem Verderben preisgegeben sein, das von beiden Seiten seiner wartet; aber er hält sich immer noch fest. Da sieht er, wie zwei Mäuse, eine schwarz und eine weiße, in gleichem Takt um den Stamm des Strauches, an dem er hängt, herumlaufen und ihn benagen. Einen Augenblick noch, und der Strauch muss sich losreißen und in den Rachen des Ungeheuers stürzen. Der Wanderer sieht das und weiß, dass er unrettbar verloren ist; aber solange er noch in der Luft schwebt, schaut er suchend umher. Er findet an den Blättern des Strauches Honigtropfen, er streckt die Zunge nach ihnen und leckt sie auf. -Ganz so halte ich mich an den Zweigen des Lebens, obwohl ich weiß, dass der Drachen des Todes unvermeidlich meiner harrt, bereit, mich zu zerfleischen, und ich kann es nicht begreifen, warum ich auf diese Qual verfallen bin. Und ich versuche, den Honig aufzusaugen, der mir bisher Trost gegeben hat; der Honig aber gewährt mir keine Freude mehr; die weiße und die schwarze Maus benagen Tag und Nacht den Zweig, an dem ich mich halte. Ich sehe deutlich den Drachen, und der Honig dünkt mich nicht mehr süß. Ich sehe nur das -den unvermeidlichen Drachen und die Mäuse -, und ich kann den Blick nicht von ihnen wenden. Und das ist kein Märchen, das ist reine, unwiderlegbare und jedermann begreifliche Wahrheit.

Die frühere Täuschung durch die Freuden des Lebens, die das Entsetzen vor dem Drachen betäubt hatte, täuscht mich nicht mehr. So oft man mir auch sagt: »Du kannst den Sinn des Lebens nicht erfassen, denke nicht, lebe« -ich kann das nicht, weil ich es nur allzu lange bis dahin getan habe. Jetzt kann ich nicht anders, als den Tag und die Nacht sehen, die vorübereilen und mich dem Tod entgegenführen. Ich sehe nur dieses eine, denn dieses eine ist -die Wahrheit. Alles Übrige ist Lüge.

Die beiden Tropfen Honig, die länger als die andern meine Augen von der grausamen Wahrheit abgelenkt hatten, die Liebe zu meiner Familie und zu dem Schriftstellerberuf, den ich eine Kunst nannte, schienen mir nicht mehr süß.

»Die Familie«, sagte ich mir, »ja, die Familie, meine Frau, meine Kinder, sie sind auch Menschen; sie stehen unter den gleichen Lebensbedingungen wie ich: Sie müssen entweder in der Lüge leben oder die entsetzliche Wahrheit sehen. Wozu also sollen sie leben? Wozu soll ich sie lieben, schützen, erziehen, versorgen? Zu derselben Verzweiflung, die mich erfasst hat, oder zu stumpfem Dahinleben? Da ich sie liebe, kann ich ihnen die Wahrheit nicht verbergen, denn jeder Schritt in der Erkenntnis führt sie dieser Wahrheit näher. Die Wahrheit aber ist der Tod.«

Die Kunst, die Poesie ... Lange habe ich unter dem Einfluss des Erfolges und der Anerkennung der Menschen mich zu überreden gesucht, das sei eine Sache, der man sich widmen müsse, unbekümmert darum, dass einst der Tod kommt, der alles vernichtet -meine Werke und die Erinnerung an sie; bald aber sah ich, dass auch dies eine Täuschung war. Mir wurde klar, die Kunst ist eine Verschönerung des Lebens, eine Anlockung zum Leben. Das Leben aber hatte für mich seine Verlockung verloren, wie konnte ich also andere dazu verlocken? Solange ich nicht durch eigenes Leben lebte, sondern fremdes Leben mich auf seinen Wellen trug, solange ich glaubte, das Leben habe einen Sinn, wenn ich ihn auch nicht in Worte fassen konnte, gewährte mir jede Widerspiegelung des Lebens in Dichtung und Künsten Genuss. Mit Freuden sah ich das Leben in diesem Spiegel der Kunst; nachdem ich aber begonnen hatte, den Sinn des Lebens zu suchen, nachdem ich die Notwendigkeit des eigenen Lebens empfunden hatte, wurde für mich dieser Spiegel entweder unnötig, überflüssig und lächerlich oder qualvoll. Ich konnte nicht mehr Trost darin finden, dass ich im Spiegel sah, wie dumm und verzweifelt meine Lage war. Ich konnte wohl noch einen Genuss haben, als ich im Innersten der Seele davon überzeugt war, dass mein Leben einen Sinn habe. Da machte mir das Spiel der Lichter -des Komischen, Tragischen, Rührenden, Schönen, Entsetzlichen im Leben -Freude; nun aber, da ich wusste, dass das Leben sinnlos und entsetzlich sei, konnte mich das Spiel im Spiegel nicht mehr unterhalten. Keine Süßigkeit des Honigs konnte mir süß sein, nachdem ich den Drachen gesehen und die Mäuse, die an meinem Stützpunkt beständig nagten.
Aber nicht genug an dem. Wenn ich einfach begriffen hätte, dass das Leben keinen Sinn habe, so hätte ich das ruhig wissen können, ich hätte wissen können, dass dies mein Schicksal sei. Ich konnte mich aber dabei nicht beruhigen. Wäre ich gewesen wie ein Mensch, der in einem Wald lebt, aus dem es, wie er weiß, keinen Ausweg gibt, so hätte ich leben können; ich war aber wie ein Mensch, der sich im Wald verirrt hat und den ein Entsetzen überfallen hat, weil er sich verirrt hat, und der nun alle Anstrengungen macht, um wieder auf den richtigen Weg zu gelangen -er weiß, dass jeder Schritt ihn tiefer in die Wirrnis hineinführt, aber er kann es nicht lassen, seine Anstrengungen fortzusetzen.

Das war das Entsetzliche. Um mich von diesem Entsetzen zu befreien, wollte ich mich töten. Ich empfand Entsetzen vor dem, was mich erwartete; ich wusste, dass dieses Entsetzen entsetzlicher war als die Lage selbst, aber ich war nicht imstande, das Ende geduldig abzuwarten. So überzeugend auch der Gedanke war, dass, ob nun ein Gefäß im Herzen zerreißt oder sonst etwas zerspringt, alles einmal endet -ich konnte nicht geduldig das Ende abwarten. Das Entsetzen vor der Finsternis war zu groß, und ich wollte mich, je eher, desto besser, durch eine Schlinge oder eine Kugel von ihm befreien. Dieses Gefühl trieb mich übermächtig zum Selbstmord.

3. »Vielleicht aber habe ich etwas übersehen, etwas nicht verstanden ?«, sagte ich mir ein ums andere Mal. [...]


Ich suchte in allen Wissenschaften. Nicht nur, dass ich nichts fand, ich kam sogar zu der Überzeugung, dass all diejenigen, die, so wie ich, im Wissen gesucht hatten, ebenso nichts gefunden haben. Und nicht bloß, dass sie nichts gefunden haben, sie haben sogar anerkannt, dass ebendas, was mich zur Verzweiflung geführt hatte -die Sinnlosigkeit des Lebens -, die einzige dem Menschen erreichbare sichere Erkenntnis sei. [...]



Meine Frage -die Frage, die mich im fünfzigsten Lebensjahr auf Selbstmordgedanken brachte, war die allereinfachste Frage, die in der Seele eines jeden Menschen ruht, vom dümmsten Kind bis zum weisesten Greis, die Frage, ohne die das Leben unmöglich ist, wie ich es tatsächlich an mir selbst erfuhr. Die Frage besteht in Folgendem: »Was wird das Ergebnis sein von dem, was ich heute tue, was ich morgen tun werde -was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein?«

Anders ausgedrückt, lautet die Frage: »Wozu lebe ich? Wozu begehre ich? Wozu handle ich?« Noch anders kann man die Frage so ausdrücken: »Ist in meinem Leben ein Sinn, der nicht zunichte würde durch den unvermeidlichen, meiner harrenden Tod?« [...]

Ob der Philosoph die Ideen, die Substanz, den Geist, den Willen -das Wesen des Lebens nennt, das in mir und in allem Seienden ist, er sagt immer das eine, dass dies Wesen ist und dass ich ebendies Wesen sei; wozu es aber ist, das weiß er nicht und beantwortet er nicht, wenn er ein wahrhafter Denker ist. Ich frage: Wozu ist dieses Wesen? Was ergibt sich daraus, dass es ist und sein wird? ... Die Philosophie beantwortet dies nicht, ja, sie fragt sogar ebendies. Und ist sie wahre Philosophie, so besteht ihre ganze Arbeit eben nur darin, klar diese Frage zu stellen. Und hält sie sich streng an ihre Aufgabe, so kann sie auf die Frage »Was bin ich und was ist die ganze Welt?« nicht anders antworten als: Alles und nichts; und auf die Frage »Wozu?«: Ich weiß nicht.

 



Ich mag demnach diese spekulativen Antworten der Philosophie drehen und wenden wie ich will, ich erhalte nichts, was einer Antwort ähnlich sähe -und nicht etwa deshalb, weil die Antwort, wie in dem klaren Gebiet der Erfahrungswissenschaften, sich nicht auf meine Frage bezieht, sondern weil es hier, obwohl die ganze geistige Arbeit sich gerade auf meine Frage richtet, eine Antwort nicht gibt und weil man statt der Antwort die Frage zurückerhält, nur in noch komplizierterer Form.

4. [...] Auf dem Gebiet der Spekulation

[...] begriff ich, dass es, obwohl oder gerade weil das Ziel dieses Wissens unmittelbar in der Beantwortung meiner Frage liegt, eine andere Antwort nicht gibt als die, die ich mir selbst gegeben hatte: »Was ist der Sinn meines Lebens?« -»Es hat keinen.« Oder: »Was kommt heraus bei meinem Leben?« -»Nichts.« Oder: »Wozu ist all das, was ist, und wozu bin ich?« -»Dazu, dass es sei.« Befragte ich die eine Gruppe menschlicher Wissenschaften, so bekam ich eine zahllose Menge bestimmter Antworten über etwas, wonach ich gar nicht gefragt hatte: über die chemische Zusammensetzung der Sterne, über die Bewegung der Sonne zum Sternbild des Herkules, über die Entstehung der Arten und des Menschen, über die Formen der unendlich kleinen, nicht wiegbaren Teilchen des Äthers; aber eine Antwort auf meine Frage »Worin besteht der Sinn meines Lebens?« war auf diesem Gebiet der Wissenschaft einzig die: »Du bist das, was du dein Leben nennst; du bist eine vorübergehende, zufällige Verkettung von Molekülen. Die gegenseitige Einwirkung, die Veränderung dieser Moleküle erzeugt in dir das, was du dein Leben nennst. Diese Verkettung dauert eine Zeit lang; dann hört die gegenseitige Einwirkung dieser Moleküle auf, und es hört das auf, was du dein Leben nennst; es hören auch alle deine Fragen auf. Du bist ein zufällig zusammengeballter Klumpen von irgendetwas. Das Klümpchen zersetzt sich.

Diesen Zersetzungsprozess nennt das Klümpchen sein Leben. Das Klümpchen zerspringt -die Zersetzung hört auf und mit ihr alle Fragen.« So antwortet die klare Seite der Wissenschaften, und sie kann nichts anderes sagen, wenn sie streng ihren Prinzipien folgt.

Eine solche Antwort, das leuchtet ein, antwortet nicht auf die Frage. Ich habe das Bedürfnis, den Sinn meines Lebens zu erkennen. Dass ich weiß, es ist ein Teilchen des Unendlichen, gibt ihm nicht nur nicht einen Sinn, sondern vernichtet vielmehr jeden möglichen Sinn. […]

»Das leibliche Leben ist ein Übel und eine Lüge. Darum ist die Vernichtung dieses leiblichen Lebens ein Glück, und wir müssen es wünschen«, sagt Sokrates. »Das Leben ist, was es nicht sein sollte, ein Übel, und der Übergang ins Nichts ist das einzige Glück im Leben«, sagt Schopenhauer.

»Alles in der Welt, Torheit und Weisheit, Reichtum und Armut, Freude und Schmerz -alles ist eitel, alles ist nichtig. Der Mensch stirbt dahin und es bleibt nichts von ihm übrig; und das ist dumm«, sagt Salomo.

»Leben mit dem Bewusstsein der Unvermeidlichkeit der Leiden, der Entkräftung, des Alters und des Todes kann man nicht -man muss sich befreien vom Leben, von jeder Möglichkeit des Lebens«, sagt Buddha.

Und was diese mächtigen Geister gesagt haben, haben Millionen und Abermillionen Menschen ausgesprochen, gedacht und empfunden. Und ebenso denke, ebenso empfinde auch ich.

So hat denn mein Umherirren in den Wissenschaften mich nicht nur aus meiner Verzweiflung nicht hinausgeführt, es hat sie nur noch verstärkt. Die eine Wissenschaft hat auf die Frage des Lebens nicht geantwortet, die andere Wissenschaft hat direkt geantwortet, hat meine Verzweiflung bestätigt und mir gezeigt, dass das Ergebnis, zu dem ich gekommen bin, nicht die Frucht meiner Verirrung, eines krankhaften geistigen Zustandes sei -sie hat vielmehr bestätigt, dass ich richtig gedacht habe und zu den gleichen Schlüssen gekommen bin wie die mächtigsten Geister der Menschheit.

Es gibt keine Täuschung. Alles ist eitel. Glücklich, wer nicht geboren ist. Der Tod ist besser als das Leben; man muss sich von diesem befreien.

5. In der Wissenschaft hatte ich die Lösung nicht gefunden;

ich begann nun diese Lösung im Leben zu suchen, in der Hoffnung, sie bei den Menschen zu finden, die mich umgaben. Und so fing ich an, die Menschen zu beobachten -Menschen meiner Art -, wie sie rings um mich leben und wie sie sich zu der Frage verhalten, die mich in Verzweiflung gestürzt hatte.
Und was fand ich bei den Menschen, die in Bildung und Lebensweise mir gleichen? Ich fand, dass die Menschen meines Kreises vier Auswege aus der entsetzlichen Lage haben, in der wir uns alle befinden. [...] So sehr ich meinen Geist anstrengte -einen fünften Ausweg neben diesen vieren sah ich nicht.

Der eine Ausweg ist: nicht begreifen, dass das Leben eine Sinnlosigkeit, eitel Werk und Übel sei und dass es besser sei, nicht zu leben. Es war mir nicht möglich, das nicht zu wissen; und nachdem ich es einmal erkannt hatte, konnte ich meine Augen nicht davor verschließen.
Der zweite Ausweg ist: das Leben so hinnehmen, wie es ist, und nicht an die Zukunft denken. Auch das konnte ich nicht tun. Ich konnte wie Shakyamuni nicht zur Jagd fahren, während ich doch wusste, dass es Alter, Leiden, Tod gibt. Meine Phantasie war zu lebhaft; überdies konnte ich keine Freude haben an dem augenblicklichen Zufall, der für eine kurze Weile mir Lust geschenkt hat.
Der dritte Ausweg ist: seinem Leben, nachdem man erkannt hat, dass es ein Übel und eine Torheit ist, ein Ende zu machen, sich zu töten. Ich hatte das begriffen, aber ich machte aus irgendeinem Grund noch immer nicht den Versuch, mich zu töten.
Der vierte Ausweg ist: zu leben in der Lage Salomos, Schopenhauers -zu wissen, dass das Leben ein törichter Scherz ist, der mit mir getrieben wird, und trotz alledem leben, sich waschen, kleiden, speisen, reden, ja selbst Bücher schreiben. Das war mir widerwärtig und qualvoll, und doch blieb ich in dieser Lage. [...]

Die ganze Menschheit aber, die das Leben lebt, Millionen, sie zweifeln nicht an dem Sinn des Lebens.

In Wirklichkeit haben seit grauester Vorzeit, seitdem es Leben gibt, von dem ich irgendetwas weiß, Menschen gelebt, die diese Betrachtungen über die Eitelkeit des Lebens kannten, die mir seine Sinnlosigkeit bewiesen haben, und sie haben dennoch gelebt und dem Leben einen Sinn beigemessen. Von der Zeit an, da ein Leben der Menschen begonnen hat, besaßen sie diesen Lebenssinn; und sie haben dieses Leben gelebt, das bis zu mir herab führt. Alles, was in mir und rund um mich her ist, alles Körperliche und Nichtkörperliche, all dies ist die Frucht ihrer Erkenntnis des Lebens. Die Werkzeuge meines Geistes selbst, mit denen ich dieses Leben beurteile und verurteile, all dies ist nicht von mir, sondern von ihnen hervorgebracht. Ich selbst bin geboren, erzogen, erwachsen -dank ihrer. Sie haben das Eisen verarbeitet; sie haben den Wald auszuroden gelehrt; sie haben Kühe und Pferde gezähmt; sie haben säen gelehrt; sie haben zusammenzuleben gelehrt; sie haben unser Leben in feste Formen gebracht; sie haben mich denken, sprechen gelehrt. […] Und ich, ihr Erzeugnis, von ihnen genährt und getränkt, von ihnen belehrt und mit ihren Gedanken und Worten denkend -beweise ihnen, dass sie eine Sinnlosigkeit sind! Hier ist irgendetwas nicht, wie es sein soll, sagte ich mir. Irgendwo habe ich einen Irrtum begangen. Worin dieser Irrtum bestand, das vermochte ich nicht zu finden.

6. [...] Die Erkenntnis durch die Vernunft,

wie sie die Gelehrten und Weisen vertreten, leugnet den Sinn des Lebens. Die ungeheuren Massen der Menschen aber, die gesamte Menschheit erkennt diesen Sinn an in einer nicht auf Vernunft gegründeten Erkenntnis. Und diese nicht auf Vernunft gegründete Erkenntnis ist der Glaube, eben der Glaube, den ich durchaus ablehnen musste. Es ist der Glaube an den einigen und dreieinigen Gott, an die Erschaffung der Welt in sechs Tagen, an Teufel und Engel und all das, was ich nicht anerkennen kann, solange ich nicht meinen Verstand verloren habe. Meine Lage war entsetzlich. Ich wusste, dass ich auf dem Weg der vernünftigen Erkenntnis nichts anderes finden würde als die Verleugnung des Lebens und im Glauben andererseits nichts als die Verleugnung der Vernunft, die noch weniger möglich ist als die Verleugnung des Lebens. Aus der vernünftigen Erkenntnis folgte: Das Leben ist ein Übel, und die Menschen wissen das. Von den Menschen hängt es ab, nicht zu leben, und doch haben sie gelebt und leben. Ich selbst lebte, obwohl ich schon lange wusste, dass das Leben etwas Sinnloses, dass es ein Übel ist. Aus dem Glauben folgte: Um den Sinn des Lebens zu begreifen, müsste ich mich von der Vernunft lossagen, von ebender, die ohne diesen Sinn nicht sein kann. [...]

Da ich das begriffen hatte, begriff ich auch, dass man in der vernünftigen Erkenntnis die Antwort auf meine Frage nicht suchen dürfe und dass die Antwort, die von der vernünftigen Erkenntnis gegeben wird, nur darauf hinweist, dass man eine Antwort nur erhalten kann, wenn man die Frage anders stellt; nur dann, wenn man in die Betrachtung die Frage der Beziehung des Endlichen zum Unendlichen einführt.

Ich begriff auch, dass die Antworten, die der Glaube gibt, so unvernünftig und ungeheuerlich sie sein mögen, den Vorzug haben, dass sie in jede Antwort das Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen einführen, ohne das es eine Antwort nicht geben kann.

Wie ich auch die Frage »Wie soll ich leben?« stellen mag, die Antwort lautet: »Nach dem Gesetz Gottes.« -»Was wird bei meinem gegenwärtigen Leben herauskommen?« -»Ewige Qual oder ewige Seligkeit.« -»Welches ist sein Sinn, den der Tod nicht vernichtet?« -»Die Vereinigung mit dem unendlichen Gott, das Paradies.«

So wurde ich zwingend dahin gebracht anzuerkennen, dass neben der vernünftigen Erkenntnis, die mir bis dahin als die einzige galt, die ganze lebende Menschheit noch eine andere vernunftlose Erkenntnis hat -den Glauben, der die Möglichkeit gibt zu leben.

Die ganze Vernunftlosigkeit des Glaubens blieb für mich dieselbe wie bisher; aber ich war gezwungen anzuerkennen, dass sie allein der Menschheit auf die Fragen des Lebens antwortet und infolgedessen die Möglichkeit zu leben gibt. [...]

Welche Antworten auch der Glaube geben mag, wem er sie geben mag, und welcher Glaube es sei: Jede Antwort des Glaubens verleiht dem endlichen Dasein des Menschen den Sinn des Unendlichen -einen Sinn, der nicht durch Leiden, nicht durch Entbehrungen, nicht durch den Tod vernichtet wird. Das will sagen -im Glauben allein kann man den Sinn und die Möglichkeit des Lebens finden. Was ist aber dieser Glaube? Und ich begriff:
Der Glaube ist nicht nur »die Enthüllung der unsichtbaren Dinge« und so weiter, ist nicht die Offenbarung (das ist nur die Schilderung eines der Merkmale des Glaubens), ist nicht das Verhältnis des Menschen zu Gott (man muss erst den Glauben und dann Gott definieren und nicht durch Gott den Glauben ), ist nicht nur die Zustimmung zu dem, was dem Menschen gesagt worden ist, wie der Glaube meist aufgefasst wird - der Glaube ist die Erkenntnis des Sinnes des menschlichen Lebens, kraft dessen der Mensch sich nicht vernichtet, sondern lebt.

Der Glaube ist die Kraft des Lebens. Wenn der Mensch lebt, so glaubt er auch an irgendetwas. Würde er nicht glauben, dass etwas ihm zu leben gebietet, so würde er nicht leben. [...]

7.[...] Mir wurde klar, dass ich mich verirrt und wie ich mich verirrt hatte.

Ich hatte mich verirrt, nicht so sehr, weil ich nicht folgerichtig gedacht hatte als vielmehr, weil ich schlecht gelebt hatte.

Mir wurde klar, dass weniger ein Irrtum im Denken mir die Wahrheit verhüllt hatte, als vielmehr mein in den Ausnahmebedingungen des Epikureismus zugebrachtes Leben selbst, das allen Lüsten Befriedigung gewährt. Mir wurde klar, dass meine Frage »Was ist mein Leben?« und die Antwort »Ein Übel« vollkommen richtig waren. Unrichtig war nur, dass ich die Antwort, die sich nur auf mich bezog, auf das Leben im Allgemeinen übertrug.

Ich hatte die Frage gestellt: »Was ist mein Leben?«, und hatte die Antwort bekommen: »Ein Übel und eine Sinnlosigkeit.« Gewiss, mein Leben -der Wollust hingegeben -war sinnlos und schlecht; und darum bezog sich die Antwort »Das Leben ist schlecht und sinnlos« nur auf mein Leben und nicht auf das menschliche Leben im Allgemeinen. [. . .]

Wie, wenn ein Henker, der sein Leben mit Foltern und Kopfabschlagen verbringt, oder ein gänzlich verkommener Trunkenbold oder ein Wahnsinniger, der für das ganze Leben in ein dunkles Zimmer gesperrt ist, der dieses Zimmer beschmutzt und in dem Wahn lebt, er müsse zugrunde gehen, wenn er es verlasse -wie, wenn ein solcher sich die Frage vorlegte: »Was ist das Leben?« -Es ist klar, er könnte auf diese Frage keine andere Antwort bekommen als die: »Das Leben ist das größte Übel«, und die Antwort des Wahnsinnigen wäre vollkommen richtig, aber nur für ihn allein. Wie, wenn ich ein solcher Wahnsinniger wäre, wie, wenn wir alle, wir Reichen und Gebildeten, solche Wahnsinnigen wären? … Und ich begriff, dass wir wirklich solche Wahnsinnigen sind.

Ich war sicherlich ein solcher Wahnsinniger. Und in der Tat, der Vogel unterliegt solchen Lebensbedingungen, dass er fliegen, Nahrung sammeln, ein Nest bauen muss; und wenn ich sehe, dass der Vogel dies tut, freue ich mich an seiner Freude. Die Ziege, der Hase, der Wolf unterliegen solchen Lebensbedingungen, dass sie sich ernähren, vermehren, ihre Nachkommenschaft ernähren müssen; und wenn sie dies tun, so bin ich gewiss, dass sie glücklich sind, dass ihr Leben vernünftig ist. Was aber muss der Mensch tun? -Er muss sich das Leben ganz so erringen wie die Tiere, mit dem einen Unterschied, dass er zugrunde geht, wenn er allein es erringen will; er muss es erringen nicht für sich, sondern für alle. Und wenn er dies tut, so bin ich gewiss, dass er glücklich ist und dass sein Leben vernünftig ist. Was aber habe ich getan während meines ganzen dreißigjährigen bewussten Lebens? -Ich hatte nicht nur kein Leben für alle zu erringen versucht, nicht einmal für mich selbst hatte ich es errungen. Ich habe als Parasit gelebt, und wenn ich mich fragte, wozu ich lebe, bekam ich die Antwort: zwecklos. Wenn der Sinn des menschlichen Lebens darin besteht, es zu erringen, wie hätte ich, der ich dreißig Jahre mich damit beschäftigt hatte, das Leben nicht zu erringen, sondern in mir und anderen zu vernichten, eine andere Antwort bekommen können als die: Mein Leben ist eine Sinnlosigkeit und ein Übel? … Und es war auch eine Sinnlosigkeit und ein Übel.

8. [...] Ich begriff, dass ich, wenn ich das Leben und seinen Sinn begreifen will,

nicht das Leben eines Parasiten leben müsste, sondern das wahre Leben, und dass ich, nachdem ich den Sinn, den ihm die wahre Menschheit gibt, erkannt hatte, mit diesem Leben eins werden und es prüfen müsse. [...] Ich brauchte nur an Gott zu denken, und ich lebte auf; ich brauchte ihn nur zu vergessen, nicht an ihn zu glauben, und das Leben schwand. Was ist nun dieser Zustand der Wiederkehr des Lebens und des Hinsterbens? Ich lebe ja nicht, wenn ich den Glauben an das Dasein Gottes verliere; ich hätte ja längst meinem Leben ein Ende gemacht, wenn ich nicht die dunkle Hoffnung hätte, ihn zu finden. Ich lebe doch, wirklich lebe ich doch nur dann, wenn ich ihn fühle und ihn suche. Warum also suche ich noch?, rief eine Stimme in meinem Innern. Er ist also. Er ist das, ohne das man nicht leben kann. Um Gott wissen und leben ist ein und dasselbe. Gott ist das Leben.

Lebe, indem du Gott suchst, dann gibt es kein Leben ohne Gott. Und stärker denn je wurde alles licht in mir und um mich her, und dieses Licht verließ mich nicht mehr.

9. [. . .] Und so erstand die Kraft des Lebens von neuem in mir,

und ich begann wieder zu leben. Ich sagte mich los von dem Leben unserer Kreise, da ich erkannt hatte, dass dies nicht das Leben, sondern nur ein Scheinbild des Lebens ist, dass die Bedingungen des Überflusses, in dem wir leben, uns der Möglichkeit berauben, das Leben zu begreifen und dass ich, um das Leben zu begreifen, nicht das Leben der Ausnahmen, unser, der Parasiten, Leben begreifen müsse, sondern das Leben des einfachen arbeitenden Volkes des Volkes, das das Leben schafft, und den Sinn, den es ihm gibt. [...]

Mein Verhältnis zum Glauben jetzt und früher war durchaus verschieden. Früher war mir das Leben selbst von Sinn erfüllt erschienen und der Glaube als eine willkürliche Behauptung gewisser mir vollkommen überflüssiger, unvernünftiger, vom Leben losgelöster Thesen. Ich fragte mich damals, welchen Sinn diese Sätze haben können, und nachdem ich mich überzeugt hatte, dass sie keinen haben, verwarf ich sie. Jetzt dagegen wusste ich bestimmt, dass mein Leben keinerlei Sinn hat und haben kann, und die Glaubenssätze erschienen mir nicht nur nicht unnütz, ich war vielmehr durch unzweifelhafte Erfahrung zu der Überzeugung gekommen, dass nur diese Glaubenssätze dem Leben Sinn geben.