Robert Pfaller, Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst
Robert Pfaller

 

 

Plädoyer für die Maßlosigkeit - Über das gute Leben

Wir mäßigen uns heute maßlos. Erstaunlich, auf was wir alles verzichten. Liegt es daran, dass wir nur in der feiernden Gruppe das Leben genießen können - unsere Kultur aber immer weniger gesellige Gebote bereitstellt?


Wenn die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, zunächst als anspruchsvolle philosophische Herausforderung erscheinen mag, so fallen doch die Antworten gar nicht schwer: mit Freunden ein Gespräch beim Kaffee führen; eine Aussicht genießen; eine Runde schwimmen; in angenehmer Gesellschaft ein Glas Wein trinken; Momente der Zärtlichkeit oder der Liebe etc. Solche Momente geben uns Gelegenheit, zu bemerken, dass sich das Leben lohnt; möglicherweise auch in vielen seiner übrigen Momente. Aber nur, wenn wir das bemerken können, lohnt sich das Leben. Darum sind die genannten Gelegenheiten entscheidend.


Wofür es sich zu leben lohnt ist etwas ganz anderes als die Frage, wozu es sich zu leben lohnt - also welchen großen Ideen, welchen bedeutenden Aufgaben man das Leben unterordnen könnte. Der Philosoph Michel de Montaigne hat betont, dass wir nie vergessen dürfen, dass es unsere vornehmste Aufgabe sei, zu leben. Man muss also imstande sein, im Leben auch dann etwas zu Behauptendes zu erblicken, wenn man es allein genommen betrachtet und es nicht hinter all den Projekten versteckt, denen man es, um sich vor dieser Betrachtung zu drücken, gerne verdächtig schnell widmet.


Nicht in unseren Abenteuern kommen wir also unserer vornehmsten Aufgabe, dem Leben, nach, sondern in jenen Momenten, in denen, wie es einmal hieß, „das Abenteuer Pause macht“. Wer die Kunst, solche Momente herzustellen, vergisst, verfällt am Ende eines Abenteuers leicht in die typische Depression von Olympiasiegern nach dem Triumph.


Man möchte nun meinen, dass Menschen kein dringenderes Bedürfnis haben als das nach jenen Momenten, in denen sich erleben lässt, dass sich das Leben lohnt. Aber die aktuellen Erfahrungen zeigen, dass dies nicht immer der Fall ist. Offenbar kann den Leuten etwas abhandenkommen, das dazu erforderlich ist. Die Individuen verfügen nicht immer über die Gesamtheit ihrer Lustbedingungen. Es gibt dabei eine entscheidende Schwierigkeit.

Dem Privatleben verpflichtete „Idioten“
Alles, wofür es sich zu leben lohnt, ist nämlich rund um eine zwiespältige Eigenschaft gebaut: Es ist teuer wie Partykleidung, ungesund wie Alkohol, unanständig oder unappetitlich wie Sex, unangenehm wie die Bierdusche, die siegreichen Fußballtrainern den Anzug ruiniert, unvernünftig wie Phantasie, Spiel, Müßiggang oder Verausgabung etc. In den meisten Momenten unseres Alltags verabscheuen wir dieses Zwiespältige: Am Morgen wollen wir vielleicht nicht einmal das Wort „Whisky“ hören; am Abend in einer dunklen Bar mit coolem Jazz aber kann die Sache zu einem triumphalen Genuss werden. Denn gerade diese verwandelten Zwiespältigkeiten bilden für uns den Inbegriff dessen, wofür es sich überhaupt zu leben lohnt.


Damit wir das, was wir üblicherweise verabscheuen, in Ausnahmemomenten als lustvoll empfinden können, ist eine entscheidende gesellschaftliche Bedingung notwendig: Es muss eine soziale Situation geben; einen Moment der Feierlichkeit, der uns verpflichtet, uns glamouröser zu benehmen als sonst. „Jetzt wird gefeiert, und du machst mit“ - das ist der entscheidende gesellschaftliche Imperativ, ohne den alles, was uns Freude machen kann, nur schrecklich wäre. Und die Gesellschaft muss den Individuen dieses Gebot bereitstellen: Die feiernde Gruppe verschafft den Einzelnen dieses Gebot; die Feiernden, die ihm folgen, transformieren dadurch das zwiespältige Element in ein großartiges. Nur in Gesellschaft, als öffentliche Figuren, als „public men“ (im Sinne des Soziologen Richard Sennett) können wir darum das Leben als lohnend empfinden, nicht aber auf uns alleine gestellt, als „private persons“ - oder, wie die Antike es nannte, als bloß dem Privatleben verpflichtete „Idioten“.

 

Der Ausdruck Idiot ist im heutigen Sprachgebrauch als Schimpfwort geläufig und bezeichnet einen dummen Menschen. Mehr oder minder stark pejorative Synonyme sind etwa „Dummkopf“, „Depp“, „Trottel,“ „Schwachkopf“ oder (veraltend) „Narr“.

 

Etymologie und Begriffsgeschichte

Das Wort leitet sich vom griechischen ἰδιώτης (idiotes) her, das wertfrei bis heute in etwa „Privatperson“ bedeutet. Es bezeichnete in der Polis Personen, die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich war.

Ins Lateinische als idiōta entlehnt, verschob sich die Bedeutung des Wortes hin zu „Laie“, auch „Pfuscher“, „Stümper“, „unwissender Mensch“. Später wurde der Begriff allgemein auf Laien oder Personen mit einem geringen Bildungsgrad angewandt.

 

Nikolaus von Kues (Cusanus) lässt in einigen seiner späteren Schriften eine idiota genannte Hauptfigur, die als Laie bzw. Nicht-Spezialist gekennzeichnet wird, die eigentliche im Text entwickelte Position vortragen, teilweise im Gespräch mit unterschiedlichen Gelehrten. Ähnlich wie andere Renaissance-Theoretiker wendet sich Cusanus damit implizit, andernorts auch ganz explizit, gegen die theoretischen Spitzfindigkeiten scholastischer Spezialisten: „A dialecticis libera nos, Domine“ (deutsch: „Befreie uns, Herr, von den Dialektikern“), heißt es in seiner Verteidigungsschrift von De docta ignorantia.

In der Medizin und Psychologie war „Idiotie“ als Diagnose bestimmter Formen geistiger Behinderung bis ins frühe 20. Jahrhundert gebräuchlich, ist aus der heutigen medizinischen Nomenklatur aber vollständig verschwunden.


Schlagobers ohne Fett
Was die aktuelle Kultur kennzeichnet, ist, dass sie solche geselligen Gebote immer weniger bereitstellt. Stattdessen tauchen ständig neue, lebensvergessene Dringlichkeiten auf: Wenn Prioritäten wie Sicherheit, Gesundheit und Kosteneffizienz oder der sogenannte „europäische Hochschulraum“ in der Kultur der Gegenwart als vermeintlich höchste Güter nach ganz oben drängen, dann werden Lebensqualitäten wie Bürgerrechte, soziale Absicherung, Genuss, Würde, Eleganz und Intellektualität meist ohne Zögern und ohne jede Diskussion geopfert. Unbescholtene Menschen werden bei Sicherheitskontrollen wie Verbrecher behandelt und bis auf die Socken durchsucht. Regierungen verbieten uns das Rauchen, als ob wir Minderjährige wären. Sogar auf der Straße soll es untersagt werden, und die Zigarettenpackungen sollen, anstelle liebevoller grafischer Gestaltung, nur noch Warnungen und drastische Bilder von Lungenkrankheit zeigen. Die Universitäten Europas verwandelt man in repressive Obermittelschulen, die nur noch auf den Prinzipien des Zwangs und der Kontrolle beruhen.


Ist es nicht erstaunlich, was wir uns alles gefallen lassen? Wir lassen uns wie Kinder behandeln - obwohl wir meist sogar energisch protestieren, wenn Kinder so autoritär behandelt werden. Daran zeigt sich, dass die reichsten Bevölkerungen der Welt es verlernt haben, sich die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht um die Antworten sind wir verlegen, sondern die philosophische Gewohnheit, diese Frage zu stellen, ist uns abhandengekommen. Ohne sie erscheinen alle möglichen Antworten nur überflüssig, belästigend und obszön. Diese Frage ist somit ein Akt ethischer Haltung und nicht nur Ausdruck einer theoretischen Neugierde. Darin liegt ihre Pointe und ihre philosophische Herausforderung.

Momente kindlicher Unvernunft
Ohne die durch kulturelle Gebote vermittelte Verwandlungskraft in Bezug auf das Zwiespältige können wir nur noch nach Dingen suchen, die unzweideutig lustvoll sind. Darum boomen in der westlichen Kultur, wie der Philosoph Slavoj Zizek früh erkannte, die Produkte des sogenannten „Non-ism“, denen jeweils das zwiespältige Element fehlt: Schlagobers ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Sex ohne Körperkontakt, Sprechen ohne Kraftausdrücke, Kunst ohne Genie etc. Überhaupt sind wir nicht mehr auf große Lust aus, sondern vor allem darum bemüht, dass nichts stört. Weil wir unsere zwiespältigen Möglichkeiten nicht kunstvoll kultivieren können, versuchen wir, sie zu unterdrücken und zu verbieten. Auch den öffentlichen Raum säubern wir von allem, was jemanden stören könnte (etwa Hinweise auf die Tabakkultur), anstatt die Funktion von Gesellschaft, wie noch in den siebziger Jahren, darin zu sehen, den Individuen positive Ressourcen zu verschaffen, über die sie von sich aus nicht verfügen, wie, zum Beispiel: soziale Sicherheit, Bildung, öffentliche Auseinandersetzung, Gelegenheiten zu Würde und elegantem Auftreten etc.


In den derzeit beliebten Eliminationen von allem Zwiespältigen betätigt sich etwas, das auf den ersten Blick wie Vernunft aussehen mag, in Wahrheit aber deren Gegenteil ist. Wirkliche Vernunft ist nämlich immer etwas Doppeltes: Sie besteht darin, auf vernünftige Weise vernünftig zu sein. Unverdoppelte, einfache Vernunft hingegen ist eigentlich gar keine. Einfach vernünftig zu sein, ohne Fähigkeit zur Verdoppelung, ist vielmehr typisch für bestimmte Kinder, jene altklugen, umweltbewussten Kinder, die, zum Beispiel, zu ihren Eltern vorwurfsvoll sagen: „Man soll doch keine Plastikflaschen kaufen.“


Das Bezeichnende an der kindlichen Vernunft altkluger Kinder zeigt sich daran, dass sie immer ganz vernünftig sein wollen. Sie haben überall kluge Regeln und Verbote parat und halten sich strikt daran, sie wundern sich, wenn sie bemerken müssen, dass die Erwachsenen, denen sie so sehr nacheifern, ihrerseits doch auch ganz unvernünftige Dinge tun, wie, zum Beispiel, charmant scherzen, sich verlieben oder sich betrinken. Wirklich vernünftig sein heißt also, nicht ganz vernünftig sein zu wollen, sondern sich ab und zu Momente kindlicher Unvernunft gönnen zu können.


Kunst ohne Genie
Die Bedeutung dieser Verdoppelung hat der Philosoph Epikur bemerkt. Er schreibt: „Es gibt auch im kargen Leben ein Maßhalten. Wer dies nicht beachtet, erleidet Ähnliches wie derjenige, der in Maßlosigkeit verfällt.“ Die Mäßigung, die unser Leben reguliert, kann, wenn sie nicht verdoppelt wird, selbst zur Maßlosigkeit werden. Genau in dieser Situation leben wir gegenwärtig: Wir mäßigen uns maßlos. Aus Furcht vor möglicher Beeinträchtigung des Lebens beeinträchtigen wir es selbst vollständig. Dazu hatte der stoische Schriftsteller Juvenal bemerkt: „Betrachte es als die größte Schandtat, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham; und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.“ Wie Epikur fordert also auch Juvenal die Verdoppelung: Zum Leben genügt es nicht, bloß am Leben zu sein. Man muss auf lebendige Weise lebendig sein. Wenn man hingegen die Gründe zum Leben verliert, um das nackte Leben zu bewahren, dann ist das, was übrigbleibt, eben kein Leben mehr, sondern ein Dahinvegetieren von lebenden Toten.


Solches Insistieren auf der Frage nach den lohnenden Gründen des Lebens bildet den Kern des philosophischen Materialismus, den wir der Antike verdanken. Der Materialismus hängt am Leben wie keine andere Philosophie, aber eben nur am guten, darum ist er auch, wie keine andere Haltung, imstande, sich das schlechte Leben nicht gefallen zu lassen und es „mehr zu fürchten als den Tod“ (Brecht).


Eine materialistische Ethik, die erkannt hat, dass das, wofür wir leben, von zwiespältigen Genüssen abhängt und dass diese Genüsse nur durch gesellschaftliche Bedingungen als lustvoll erfahrbar werden, kann sich darum nicht mit den Do-it-yourself-Verfahren der aktuell boomenden Ratgeberliteratur zufriedengeben. Sie muss vielmehr auf die Wiederherstellung der entsprechenden gesellschaftlichen Bedingungen drängen. Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche den Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.

 

Robert Pfaller

Professor für Philosophie an der

Universität für angewandte Kunst